«Die Versorgung steht auf dünnem Eis»
08.05.2026 SissachDer Hausarztmangel verschärft sich durch den demografischen Wandel
Der Mangel an Hausärztinnen und -ärzten im Oberbaselbiet nimmt seit Jahren zu. Eine Nachfolge für die Praxis zu finden, ist nicht einfach. Tobias Eichenberger, der Präsident der ...
Der Hausarztmangel verschärft sich durch den demografischen Wandel
Der Mangel an Hausärztinnen und -ärzten im Oberbaselbiet nimmt seit Jahren zu. Eine Nachfolge für die Praxis zu finden, ist nicht einfach. Tobias Eichenberger, der Präsident der Ärztegesellschaft Baselland, sagt, was er von der Politik erwartet.
Sander van Riemsdijk
Herr Eichenberger, wie gross ist der Hausarztmangel in der Region?
Tobias Eichenberger: Im Baselbiet ist die hausärztliche Versorgung auf dem Papier noch sichergestellt. Der Regierungsrat hielt im vergangenen Jahr fest, dass das Angebot kantonsweit insgesamt als bedarfsdeckend bezeichnet werden kann. Gleichzeitig zeigt dieselbe Analyse aber auch klare regionale Unterschiede: Schon früher waren die Agglomerationen besser versorgt als ländlichere Gebiete, und genau dort wird der Druck wegen der starken Überalterung der Bevölkerung weiter steigen. Für das Oberbaselbiet ist das besonders relevant, weil der Kanton davon ausgeht, dass die Zahl der älteren und hochbetagten Menschen dort überdurchschnittlich stark zunehmen wird.
Wie entwickelt sich die Altersstruktur bei der Ärzteschaft?
Im Jahr 2023 waren im Baselbiet 87 von 247 im praxisambulanten Sektor tätigen Ärztinnen und Ärzten der Allgemeinen Inneren Medizin 60 Jahre alt oder älter. Das entspricht 35 Prozent. Besonders betroffen von der Alterung sind Hausärztinnen und -ärzte sowie Kinderärztinnen und -ärzte. Der Mangel an Haus- und Kinderärzten ist in verschiedenen Regionen spürbar. Die heutige Versorgung mag vielerorts noch funktionieren, aber sie steht auf zunehmend dünnem Eis.
Was bedeutet das?
Es wird schwieriger, frei werdende Praxen zu besetzen, und die Versorgung verlagert sich stärker hin zu Gruppen- und Gemeinschaftspraxen. Die FMH, die Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte, zeigt auf, dass der Anteil der Ärztinnen und Ärzte in Doppel- oder Gruppenpraxen von 41,4 Prozent im Jahr 2013 auf 56,2 Prozent im Jahr 2023 gestiegen ist. Für ländlichere Regionen ist das ambivalent: Gemeinschaftspraxen entstehen häufig dort, wo Infrastruktur, Austausch und Teilzeitmodelle einfacher realisierbar sind.
Wie reagiert der Kanton Baselland auf diese Entwicklung?
Der Kanton unterstützt ausdrücklich Gesundheitszentren, hausarztzentrierte Versorgungszentren und interdisziplinäre Praxisgemeinschaften, weil sie längere Öffnungszeiten, koordiniertere Behandlungen und eine geringere administrative Last ermöglichen. Das ist ein sinnvoller Weg – löst aber das Nachfolgeproblem im Oberbaselbiet nicht automatisch, wenn sich zu wenige junge Ärztinnen und Ärzte für eine Tätigkeit ausserhalb der stadtnahen Regionen entscheiden.
Hält die Zahl der neuen Ärztinnen und Ärzte Schritt mit der demografischen Entwicklung?
Die FMH weist darauf hin, dass die Zahl der Ärztinnen und Ärzte zwar steigt, dies aber nicht Schritt hält mit der demografischen Entwicklung und dem wachsenden Bedarf. Der Kanton Baselland rechnet mit einem weiteren Bevölkerungswachstum und mit einer besonders starken Zunahme bei älteren Menschen, gerade im Laufental und Oberbaselbiet. Das bedeutet: Selbst wenn die heutige Versorgung im Durchschnitt noch reicht, wird sie künftig stärker unter Druck geraten.
Was kann die Ärztegesellschaft beziehungsweise was können Ärztinnen und Ärzte tun, um dem Mangel entgegenzuwirken?
Wir arbeiten auf mehreren Ebenen daran, die Situation zu verbessern. Ein zentraler Hebel ist die Attraktivität des Berufs. Dazu gehören gute Weiterbildungen, weniger unnötige Administration, moderne Arbeitsmodelle, verlässliche Rahmenbedingungen und eine Gesundheitspolitik, welche die Grundversorgung nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Kosten betrachtet. Die FMH nennt genau diese Punkte als prioritäre Handlungsfelder: mehr Studienplätze, mehr Aus- und Weiterbildungsplätze, administrative Entlastung sowie familien- und lebensphasenfreundliche Arbeitszeitmodelle.
Wie weit ist man damit?
Im Baselbiet laufen bereits konkrete Massnahmen. Der Kanton finanziert seit 2009 Assistenzstellen in Hausarztpraxen mit; das Programm wurde im Jahr 2017 ausgebaut. Laut Regierungsrat arbeiten von den Ärzten, die diese Praxis-Weiterbildung begonnen oder abgeschlossen haben, mehr als zwei Drittel später in einer hausärztlichen Praxis; mehr als drei Viertel davon im Baselbiet. Das ist ein wirksamer Ansatz, weil er Nachwuchs direkt an die Grundversorgung und die Region bindet.
Was können Gemeinden beitragen?
Gemeinden können aktiv dazu beitragen, die Ansiedlung neuer Arztpraxen zu erleichtern – etwa indem sie geeignete Praxisräumlichkeiten zu vergünstigten Mieten zur Verfügung stellen. Dieses Modell senkt die Einstiegshürden für junge Ärzte und schafft Anreize, sich auch ausserhalb der urbanen Zentren niederzulassen.
In mehreren Gemeinden erfolgt die Übergabe von Arztpraxen fliessend, indem der frühere Inhaber weiterhin in der Praxis angestellt bleibt. Ist das ein Modell für die Zukunft?
Ja, das kann ein sehr sinnvolles Modell sein. Eine fliessende Übergabe schafft Vertrauen bei den Patientinnen und Patienten, entlastet die Nachfolgeperson in der Startphase und hilft, Wissen, Abläufe und lokale Netzwerke weiterzugeben. Gerade in kleineren Gemeinden kann das ein guter Weg sein, um Kontinuität sicherzustellen. Aber man darf dieses Modell nicht mit einer eigentlichen Lösung des Mangels verwechseln. Es funktioniert nur dort, wo überhaupt eine Nachfolge gefunden wird.

