Die verbindende Kraft des Singens
13.06.2025 SissachAriane Rufino trifft mit der Stimme ins Herz
Jede zweite Woche am Montagabend findet im Sissacher «Cheesmeyer» auf Kollektenbasis das «Offene Singen» statt – ein Angebot von Ariane Rufino. Ihr Programm ist eine Ode an den Frieden und eine Einladung, eine ...
Ariane Rufino trifft mit der Stimme ins Herz
Jede zweite Woche am Montagabend findet im Sissacher «Cheesmeyer» auf Kollektenbasis das «Offene Singen» statt – ein Angebot von Ariane Rufino. Ihr Programm ist eine Ode an den Frieden und eine Einladung, eine universelle Sprache freizusetzen: das Singen.
Iris Bösiger
Um 19.30 Uhr versammeln sich rund 20 Menschen im Restaurant des «Cheesmeyers» in Sissach. Die Tische sind zur Seite geschoben, ein grosser Kreis aus Stühlen steht bereit. In der Mitte liegt eine regenbogenfarbene Peace-Flagge, die bestimmt schon einiges erlebt hat. Darauf sind Kerzen sowie Perkussionsinstrumente drapiert. Die Liedtexte stehen auf zwei kleinen Helgen – gut ausgerichtet, damit sie für alle lesbar sind.
Pünktlich legt sich Rufino ihr Akkordeon über die Schultern und startet mit mitreissender Energie in den ersten Song. Der ganze Raum singt ab der ersten Sekunde die vier kurzen Zeilen auf den Helgen mit. Falls jemand Scham mitgebracht hat, verfliegt sie schnell. Die Melodien sind einfach, eingängig und gut zu merken; die Wiederholungen schaffen eine meditative Stimmung. Es wird rasch klar: Im Kollektiv und vor allem intuitiv zu singen – ohne grosse Einleitung und Erwartung – schafft Raum für den eigentlichen Sinn dieser Kunstform: Singen als wertfreier Ausdruck, als Katalysator.
Falls Singen überhaupt als Kunstform bezeichnet werden sollte: Es ist das Einzige, das alle Kulturen dieser Welt miteinander verbindet. Es ist ein tief verankertes Bedürfnis und eine Urform der Kommunikation. «In einer Zeit der Vereinzelung ist diese Gruppe für einige zu einer Art Familie geworden – das gemeinsame Singen macht glücklich», erklärt Rufino.
Kopf leer – Herz voll
Die Lieder stammen aus aller Welt – von Deutschland über Indien bis Afrika –, sind mal lustig, mal traurig, mal hoffnungsvoll und für alle Stimmlagen singbar. Die meisten haben eine kurze, aber klare Botschaft, die sich mit jeder Wiederholung verstärkt. Und obwohl an diesen Abenden viel über Frieden und damit auch über das Leid der Welt gesungen wird, spürt man die Wirkung: Für viele Teilnehmende löst das Singen dieselbe Dopaminausschüttung aus wie für andere der Sport. Der Kopf – die persönliche Gedankenspirale – schaltet auf «Standby», der Alltag tritt in den Hintergrund. «Wenn ich hier bin, ist mein Kopf leer und mein Herz voll», schwärmt Ruth Buser, die regelmässig dabei ist, wenn sie kann.
Bei jedem Treffen kommen neue Menschen hinzu und schliessen sich diesem niederschwelligen Singen an – einem Singen, bei dem das Wort «Konkurrenzdenken» nichts verloren hat.
Rufino leitet den Abend energiegeladen und mit grosser Selbstverständlichkeit. Es wird nichts unnötig ausgeschmückt – es wird einfach gemacht. Wer einen Blick auf ihr Leben wirft, oder es sich von ihr erzählen lässt, versteht schnell, warum das so ist.
Teil der Anti-AKW-Bewegung
Die Tochter des Juristen und Basler alt Regierungsrats Lukas «Cheese» Burckhardt wächst in den 1960er-Jahren mit viel Jazzmusik in Basel auf. Rufino, die sich selbst als Musikantin bezeichnet, erhält in jungen Jahren etwas Klavierunterricht, lässt sich zur Sozialarbeiterin ausbilden und arbeitet mit Drogenabhängigen. Sie lebt die Zeit des gesellschaftlichen Aufbruchs intensiv, setzt sich für Gerechtigkeit ein, demonstriert und besetzt gemeinsam mit Gleichgesinnten das Gelände des geplanten AKWs in Kaiseraugst – und verhindert dessen Bau.
Sie spielt Saxofon in einer Band und will mit ihr die Welt bereisen. Das ist den anderen Bandmitgliedern dann doch zu gewagt.
Was macht Ariane Rufino also? Sie packt ihr Saxofon – und reist allein los. Ob per Anhalter, Zug, Schiff oder Segelboot: Sie besucht Länder von Holland über die Kanaren bis nach Trinidad, reist weiter nach Venezuela, streift durch den Amazonas und findet in Brasilien eine zweite Heimat. Dort lernt sie auch ihren heutigen Ex-Ehemann kennen, ebenfalls Musiker und Komponist. Die beiden leben eine Zeit lang in der Schweiz, ziehen dann mit der gemeinsamen Tochter zurück nach Brasilien und verbringen weitere fünf Jahre in der bunten – für Rufino jedoch eher brotlosen – Stadt des Sambas.
Zurück in der Schweiz, nimmt Rufino ihre Arbeit als Sozialarbeiterin wieder auf. Viele Jahre arbeitet sie im «Frauenhaus Basel» mit gewaltbetroffenen Frauen und deren Kindern. Sie widmet sich während 18 Jahren dem Thema häusliche Gewalt. Dank ihrer Initiative existiert heute auch die Interventionsstelle Baselland bei der Justizdirektion, die inzwischen von drei Personen geführt wird. Sie entwickeln unter anderem Lernprogramme für gewalttätige Männer und führen diese über ein halbes Jahr hinweg wöchentlich durch.
Mit 55 Jahren entscheidet sich Rufino, ihre lebenslange Leidenschaft – die Musik – ganz zu leben. Neun Jahre lang leitet sie den bekannten «Surprise»-Chor, bestehend aus sozial benachteiligten und ausgegrenzten Menschen.
Den symbolträchtigen 1.-Mai-Chor organisiert sie ebenfalls jedes Jahr mit. Zudem hat sie sich den «Freiwilligen für Flüchtlinge Sissach» angeschlossen. Ihr nächstes Projekt heisst «Sofa» – es dürfte eines der herausforderndsten ihrer Laufbahn werden. Denn Rufino sprüht noch immer vor Energie und Tatkraft. «Isolde Schad sagt: ‹Der schwerste Anfang ist das Aufhören› – und genau damit beschäftige ich mich momentan. Ich versuche, meinen Aktivismus zu zügeln und langsam etwas kürzerzutreten», sagt Rufino.
Weitere Infos auf www.arianerufino.ch

