«Die Schweiz könnte heute keine EM mehr austragen»
17.04.2026 Sport, FussballFachpersonen diskutierten über die Wirkung des Grossanlasses
Wie hat sich der Frauenfussball in der Schweiz in den vergangenen Jahren verändert – und was braucht es für die Zukunft? Diese Fragen standen im Zentrum eines Podiumsgesprächs in Sissach mit ...
Fachpersonen diskutierten über die Wirkung des Grossanlasses
Wie hat sich der Frauenfussball in der Schweiz in den vergangenen Jahren verändert – und was braucht es für die Zukunft? Diese Fragen standen im Zentrum eines Podiumsgesprächs in Sissach mit Vertreterinnen und Vertretern aus dem Fussball.
Luana Güntert
Als Riola Xhemaili in der Nachspielzeit des letzten Gruppenspiels den Ausgleich erzielte und so die Schweizer Frauen-«Nati» in den Viertelfinal schoss, «war das ein emotionaler Ausbruch der Stadionbesucherinnen und -besucher, den ich so noch nie erlebt habe». Für Daniel Schaub, Präsident des Fussballverbands Nordwestschweiz (FVNWS), war dieser Moment beim EM-Spiel der Schweizerinnen gegen Finnland mehr als nur ein Tor – er stand sinnbildlich für das, was sich im Frauenfussball verändert hat.
Genau darum ging es am Mittwochabend im Gasthof Alpbad in Sissach. Der Rotary Club Gelterkinden-Oberbaselbiet hatte zu einem Podiumsgespräch geladen mit dem Titel: «Wo steht der Frauenfussball ein Jahr nach der EM?» Unter der Leitung von SRF-Sportreporterin Seraina Degen diskutierten Vera Gmür, Präsidentin Abteilung Frauenfussball beim FVNWS, und Daniel Schaub über Fortschritte, Herausforderungen und die Frage, was vom EM-Hype geblieben ist.
Dass das Interesse nachhaltig ist, zeigte sich gleich zu Beginn. Auf Degens Frage, wer am Vorabend das WM-Qualifikationsspiel der Schweizer «Nati» gegen die Türkei am Fernseher verfolgt hatte, gingen zahlreiche Hände nach oben. «Das freut mich sehr», sagte sie. Es zeige, dass das Interesse nicht nur während eines Grossanlasses vorhanden sei.
Ein Turnier als Wendepunkt
Die Heim-Europameisterschaft 2025 habe dem Frauenfussball in der Schweiz dennoch enormen Schub verliehen. Für Vera Gmür war es «ein Monat voller Gänsehautmomente». Besonders in Erinnerung blieb ihr ein Einsatz im Basler St.-Jakob-Park, als sie gemeinsam mit weiteren Frauen die Länderfahnen vor dem Spiel Frankreich gegen Deutschland ins Stadion tragen durfte – vor rund 30 000 Zuschauerinnen und Zuschauern.
Auch Schaub blickt auf emotionale Momente zurück – gerade, weil man neue Zielgruppen erreicht habe. Dass selbst seine wenig frauenfussballaffinen Wanderfreunde sich für einen EM-Besuch begeistern liessen, wertet er als deutlichen Fortschritt. «Die grösste Errungenschaft dieses Turniers war, dass viele gemerkt haben, was im Frauenfussball möglich ist.»
Dass die Schweiz überhaupt Gastgeberin eines solchen Turniers wurde, sei auch eine Frage des richtigen Zeitpunkts gewesen, so Schaub. Nach der EM 2022 in England mit Spielen in ausverkauften Grossstadien wie dem «Wembley» oder dem «Old Trafford» seien die Anforderungen stark gestiegen. «Die Schweiz hatte gerade noch das perfekte Timing.» Für zukünftige Bewerbungen wären die Hürden bereits deutlich höher, und die Schweiz könnte keine EM mehr austragen.
Ein weiter Weg
Der Blick zurück zeigt jedoch, wie steinig dieser Weg war. Zwar stiessen die ersten Spiele der Frauen- «Nati» Anfang der 1970er-Jahre noch auf beachtliches Interesse mit mehreren Tausend Zuschauenden. Doch es fehlte an Strukturen und Unterstützung. «Verbände wollten Frauen eigentlich nicht», sagte Schaub. Die Spielerinnen seien belächelt worden, der Sport habe sich im Amateurbereich bewegt.
Nach einer vielversprechenden Anfangsphase folgten «tote Jahre» in den 1980er- und 1990er-Jahren. Erst mit gezielter Förderung durch den Verband und Persönlichkeiten wie Nationaltrainerin Béatrice von Siebenthal – die damals eine der ersten bezahlten Stellen im Frauenfussball erhielt – kam wieder Bewegung in die Entwicklung. Dennoch war die Zeit von vor rund 20 Jahren nicht vergleichbar mit heute.
Wie sich diese Geringschätzung konkret anfühlte, zeigte eine Anekdote aus der Region: Als 2008 in Oberdorf ein Länderspiel stattfand, schickte eine Zeitung keine Reporterin für den Matchbericht, sondern um zu erzählen, was für abschätzige Kommentare am Spielfeldrand fallen würden. Auch Vera Gmür erinnert sich an ihre Anfänge in den 1990er-Jahren: «Ich wurde gefragt, ob wir Frauen auch auf zwei Tore spielen.»
Strukturen als Schlüssel
Der heutige Aufschwung ist kein Zufall. Laut Schaub waren entscheidende Schritte die gezielte Förderung im Schweizerischen Fussballverband, professionelle Strukturen im Nationalteam und der Aufbau von Nachwuchsprogrammen. Ausbildungszentren, spezialisierte Verantwortliche und eine stärkere mediale Präsenz hätten dem Frauenfussball eine neue Basis gegeben.
Grossanlässe wie Welt- und Europameisterschaften spielen dabei eine zentrale Rolle. «Sie sind extrem wichtig als Zugpferd», betonte Gmür. Sichtbare Vorbilder des gleichen Geschlechts wie Lia Wälti oder Ramona Bachmann hätten eine enorme Wirkung auf junge Spielerinnen.
Was in der Region bleibt
Doch wie nachhaltig ist dieser Boom? In der Region Nordwestschweiz ist die Entwicklung deutlich spürbar. Die Zahl der Mädchen im Fussball steigt, neue Teams entstehen. Projekte wie «Girls4Football» sollen gezielt Hemmschwellen abbauen und Mädchen einen niederschwelligen Einstieg ermöglichen – auch ohne sofortige Vereinsbindung.
«Wichtig ist es, Mädchen mit Mädchen zusammenzubringen», sagte Gmür. Gerade eigene Teams und passende Alterskategorien hätten sich als entscheidend erwiesen. Seit deren Einführung – bis vor wenigen Jahren gab es für Mädchen nur eine einzige Juniorinnenkategorie – «explodieren die Teamzahlen», so Schaub. Das Potenzial sei weiterhin «riesig».
Auch strukturell habe sich im Verband einiges getan. Mit der Funktion einer Präsidentin Frauenfussball – vertreten durch Gmür – und einem eigenen Fachgremium würden Anliegen gezielt eingebracht und Projekte vorangetrieben.
Noch nicht am Ziel
Trotz aller Fortschritte sehen die Podiumsteilnehmenden weiterhin Handlungsbedarf. So hinkt etwa die heimische Liga hinterher: Beim aktuellen Länderspiel standen nur zwei Spielerinnen aus der Schweizer Liga im Kader.
Auch infrastrukturelle Fragen bleiben eine Herausforderung. Während in Basel-Stadt Fortschritte bei der Platzvergabe erzielt wurden, da die Plätze alle der Stadt gehören und das Sportamt für den Belegungsplan zuständig ist, sind Vereine auf dem Land oft auf das Entgegenkommen der Gemeinden angewiesen – was dazu führen kann, dass Frauenteams weiterhin zu Randzeiten spielen müssen.
Selbst die Sprache ist Teil der Diskussion. Warum spricht man im Fussball selbstverständlich von «Frauenfussball», in anderen Sportarten jedoch nicht? Frauenskifahren oder Frauenvolleyball? Unvorstellbar! Für Gmür ist der Begriff problematisch, da er den Sport abwerte. Schaub sieht zumindest Fortschritte: «Ich bin froh, dass es nicht mehr Damenfussball heisst.» Der nächste Schritt sei, dass es schlicht «Fussball» heisst.
Ein Jahr nach der Heim-EM fällt das Fazit vorsichtig optimistisch aus. «Wir haben noch viel zu tun, sind aber auf einem guten Weg», sagte Gmür. Auch Schaub betonte: Das Turnier habe viel ausgelöst – nun gelte es, diesen Schwung zu nutzen.
Oder, wie es Moderatorin Seraina Degen formulierte: Entscheidend ist die «Legacy» – also das, was bleibt, wenn die Lichter der Scheinwerfer eines Grossanlasses wieder ausgehen.


