«Die russische Bedrohung ist real»
13.01.2026 WaldenburgBerufsoffizier Amling sprach über den Ukrainekrieg
Ludwig Amling ist Leiter eines IT-Bataillons in der deutschen Bundeswehr. Er sprach im Rahmen der «Tischreden» im Restaurant Leue unter anderem über seinen Einsatz in Litauen.
Elmar ...
Berufsoffizier Amling sprach über den Ukrainekrieg
Ludwig Amling ist Leiter eines IT-Bataillons in der deutschen Bundeswehr. Er sprach im Rahmen der «Tischreden» im Restaurant Leue unter anderem über seinen Einsatz in Litauen.
Elmar Gächter
Der Ukrainekrieg bleibt eines der brennendsten Themen in der Öffentlichkeit. Kein Wunder, dass sich am Freitagabend rund 80 Interessierte im Saal des Restaurants Leue einfanden, um von Ludwig Amling Antworten zur Frage zu erhalten: «Ist die Ukraine nur der Anfang – wie real ist die russische Bedrohung?». Der 35-Jährige ist als Major Leiter eines IT-Bataillons in der deutschen Bundeswehr. Die Truppengattung nennt sich «Zentrum Operative Kommunikation».
Der Referent war 2019 in Litauen im Einsatz. Bereits damals sei die Wahrnehmung der Litauer, was an der Ostflanke der Nato passiert, komplett von jener der deutschen Öffentlichkeit abgewichen. Während in Deutschland die Abschlussübung kaum Beachtung fand, war in Litauen die Sorge hochpräsent, dass der Ernstfall jederzeit eintreten könnte. «Und dies, obwohl wir den gleichen Bündnissen und Allianzen angehören.» Amling erläutert auch gezielte Falschmeldungen russisch gesteuerter Medien, die von uranverseuchter Munition sprachen, obwohl es sich um normale Platzpatronen handelte. «Ich komme aus diesem Bereich der Bundeswehr und war deshalb im Gegensatz zu vielen anderen nicht überrascht von solchen Fakenews», so Amling.
Die Frage, wie wir mit Informationen umgehen, nahm einen zentralen Platz ein. «Die Russen bedienen drei wesentliche Zielgruppen: ihre eigene Bevölkerung, die ukrainische und den Westen. Letzterer ist besonders empfänglich, weil dort Bedrohungen unterschiedlich wahrgenommen werden.» Amling verwies auf Desinformationskanäle von russischen Staatsmedien bis zu sozialen Medien, die darauf abzielen, Debatten in westlichen Gesellschaften zu beeinflussen. «Wir merken es oft nicht oder ignorieren es. Meiner Ansicht nach leben wir bereits in einer Zeit, in der die Bedrohung ganz real ist.»
Einflusssphäre erweitern
Amling erwähnte das «Budapester Memorandum» von 1994, in dem Russland die Grenzen der unabhängigen Ukraine anerkennt, sowie die Nato-Russland-Grundakte von 1997, wonach eine Osterweiterung der Nato für die russische Seite kein Problem darstellt. Zudem sind im ukrainischrussischen Freundschaftsvertrag von 1999 die Grenzen der Ukraine ebenfalls anerkannt worden. Spätestens die Rede Putins bei der Münchner Sicherheitskonferenz von 2007, bei der er festhielt, dass die damalige Weltordnung nicht so weiterbestehen könne, hätte auf eine neue Sicht der russischen Föderation hingewiesen.
Aus Sicht des Referenten ist ein Angriff auf Deutschland derzeit kein realistischer erster Schritt. Realistischer sei, dass die Russen ihre Einflusssphäre ausweiten wollen, etwa im sogenannten «Narva-Szenario». Narva ist die östlichste estnische Stadt an der Grenze zu Russland, mit einer deutlichen russischen Minderheit. Wäre ein Angriff dort ein erster Test und würde die Nato nicht geschlossen reagieren, hätte das Bedürfnis laut Amling faktisch seine Glaubwürdigkeit verloren. Moskau rechtfertige seinen Überfall oft mit dem Schutz russischsprachiger Minderheiten in der Ukraine. «Ob Russland der richtige Staat für solche Begründungen ist, könnte man mal die Tschetschenen fragen», so der Referent.
Amling hält es für wahrscheinlich, dass der Abnutzungskrieg weitergeht, abhängig von westlicher Unterstützung, russischen Ressourcen und dem Ölpreis. Sinke der Ölpreis, könne der russische Haushalt ins Wanken geraten und Verhandlungen wahrscheinlicher werden. Doch einen Nachfolger Putins gebe es in Moskau derzeit nicht, der für Verhandlungen bereit sei. Besonders lobt Amling, wie die Ukrainer kämpfen. «Es gibt viel zu schützen, und wir sollten in unsere Verteidigungsfähigkeit investieren. Wer schwächelt, nährt die reale Bedrohung.»
Im Saal entwickelte sich eine teils kontroverse Diskussion. Die Rolle der USA wurde kritisiert. Amling: «Wir wollen trotzdem, dass sie unsere Sicherheit gewährleisten – ohne geht es nicht.» Auch kam die Frage nach einem möglichen Einsatz von Atomwaffen auf. «Putin weiss, die negativen Folgen wären enorm. Dieses Damoklesschwert schwebt über uns, aber wir dürfen uns davon nicht einschüchtern lassen.» Mit dem Wunsch, der Krieg möge bald enden, schloss Amling seinen Beitrag.
Zur Person
emg. Ludwig Amling, 35, ist verheiratet und wohnt mit seiner Frau und den vier Kindern im Rheinland in der Nähe von Koblenz. Er hat an der Bundeswehr-Universität in München Staatsund Sozialwirtschaft studiert und ist seit rund 15 Jahren Berufsoffizier. Er leitet als Major zurzeit ein IT-Bataillon beim «Zentrum Operative Kommunikation», einer Truppengattung des Cyber- und Informationsraums der deutschen Bundeswehr. Er ist der Sohn von Torsten Amling, Pfarrer in Langenbruck und Waldenburg.

