Die Pionierinnen im Frauenfussball
04.04.2025 Sissach«Das ist Sissach» (13. Teil) | Der SV Sissach und sein wegweisendes Engagement
Der SV Sissach war 1983 erst der zweite Fussballverein im Baselbiet, der ein Frauenteam aufnahm. Die Entwicklung war von vielen Hürden geprägt, doch heute hat der Verein mit ...
«Das ist Sissach» (13. Teil) | Der SV Sissach und sein wegweisendes Engagement
Der SV Sissach war 1983 erst der zweite Fussballverein im Baselbiet, der ein Frauenteam aufnahm. Die Entwicklung war von vielen Hürden geprägt, doch heute hat der Verein mit einem 1.-Liga-Spitzenteam und durchgängigen Nachwuchsteams eine der grössten Frauen- und Mädchenabteilungen der ganzen Nordwestschweiz.
Daniel Schaub
In Rümlingen auf das Moped steigen, die 33 Kilometer zur Sportanlage Bachgraben in Allschwil fahren, 90 Minuten Training und dann wieder eine Stunde Rückweg. So sah der Alltag einer Oberbaselbieter Fussballerin im Jahr 1982 aus. Beatrice Buser, die später als Beatrice von Siebenthal Nationaltrainerin der besten Schweizer Frauen werden sollte, spielte damals gemeinsam mit ihrer Jugendfreundin Maja Oberer beim Ballsportclub Olympia – einen näher gelegenen Verein, der damals Frauenfussball angeboten hätte, gab es noch nicht.
Der SV Sissach war zu Beginn der 1980er-Jahre einer der erfolgreichsten Fussballvereine der Region Nordwestschweiz und spielte sogar um den Aufstieg in die 1. Liga. Im Umfeld des Vereins wuchs der Wunsch, ein Frauenfussballteam aufzubauen. Silvia Hodel und Helga Klassnitz waren die treibenden Kräfte bei der Gründung, die am 17. März 1983 im Privathaus der Familie Klassnitz am Kulmackerweg in Sissach formell über die Bühne ging. Es war nach dem FC Nordstern (1971), Ballsportclub Olympia, DFC Therwil (beide 1972), FC Wallbach (1979) und den später aufgelösten städtischen Vereinen Rapid, Sparta und Grasshoppers die Nummer acht in der Nordwestschweiz.
Training auf der Zunzgerhard
Nicht alle beim SV Sissach begrüssten die Fussballerinnen mit offenen Armen – aber das Bedürfnis schien weit grösser als geahnt. An einem Informationsabend im Mai 1983 im Hotel Terminus fanden sich nicht weniger als 36 interessierte Spielerinnen ein, die bereit waren, ein erstes Kapitel Sissacher Frauenfussballgeschichte zu schreiben. Zwei Tage später fand schon das erste Training statt – auf dem Vita-Parcours auf der Zunzgerhard. Und fortan sollten sich die Benzinkosten von Beatrice Busers Töffli, die nun mit Maja Oberer als spielender Trainerin amtete, drastisch reduzieren.
Erste fussballerische Wettkampferfahrungen wurden an Turnieren in Münchenstein und Thun gesammelt. Auf die Saison 1983/84 erfolgte der offizielle Einstieg in die Fussballmeisterschaft der 3. Liga, damals die dritthöchste und zugleich tiefste Spielklasse im noch jungen Schweizer Frauenfussball, der erst mit der Gründung der Schweizerischen Damenfussball-Liga (SDFL) im Jahr 1972 Fahrt aufgenommen hatte. Die Sissacherinnen legten los wie die Feuerwehr: Sie holten sich mit einem 3:0 im ersten Spiel des Schweizer Cups gegen Grasshoppers Basel ein wichtiges Erfolgserlebnis und beendeten ihre erste Meisterschaft auf dem dritten Schlussrang.
Die Starteuphorie klang nach zwei Jahren allerdings ab, auch weil sich Beatrice Buser dazu entschied, ihrer Qualität entsprechend und auch studienbedingt ihre Karriere als Spielerin in der Nationalliga A beim FC Bern fortzusetzen. Sie wurde dort sesshaft, heiratete und erlangte als eine der ersten Schweizer Trainerinnen die Uefa-Pro-Lizenz. Ab 1995 trainierte sie Auswahlteams des SFV im Nachwuchs, ab 2005 wurde sie für sechs Jahre Trainerin des Schweizer A-Nationalteams, leitete das SFV-Ausbildungszentrum für junge Fussballerinnen in Huttwil und legte so die Basis für die spätere erfolgreiche Entwicklung des Schweizer Frauenfussballs.
2004 erstmals in der 1. Liga
Das erste Jahrzehnt Frauenfussball in Sissach bot einige Hürden – erst gegen Ende des Jahrtausends stabilisierte sich alles – und nach der Saison 2003/04 gelang der erstmalige Aufstieg in die 1. Liga, mittlerweile hinter den beiden Nationalligen die drittoberste Stufe. Spielerinnen wie Sylvie Ruch (als 18-Jährige dreifache Torschützin), Flurina Weisskopf, Graziella Scherrer und viele mehr schlugen in den Aufstiegsspielen Vuisternens/Mézières (FR) zweimal deutlich.
Mit Stefan Sutter kümmerte sich ab 2005 ein langjähriger Spieler der ersten Mannschaft des SV Sissach um das Frauenteam. Er begleitete die wohl erfolgreichste Phase mit Schweizer-Cup-Spielen gegen renommierte Teams aus der Nationalliga A wie den mehrfachen Schweizer Meister SC Luzern oder Yverdon Féminin. 2008 erreichte der SVS den zweiten Rang in der 1. Liga und verpasste den Aufstieg in die NLB nur um wenige Punkte.
Sissacher Fussballerinnen wie Nicole Müller, Graziella Scherrer (NLA FC Sursee) oder Sylvie Ruch (NLB beim FC Baden) schnupperten Luft bei höherklassigen Klubs, Evelyne Schaub trainierte im SFV-Ausbildungszentrum in Huttwil. Und auch neben dem Platz ging es hoch zu. Sechs fussballverrückte Frauen gründeten im Jahr 2009 das Sissacher Winter-Grümpeli, das seither auf dem Kunstrasen bei jeder erdenklichen Witterung und Temperatur einen exklusiven Platz im fussballerischen Jahreskalender einnimmt.
Starke Entwicklung bis heute
Im vergangenen Jahrzehnt wurde mit grosser Konsequenz die Nachwuchsförderung vorangetrieben, treibende Kräfte wie Geraldine Giller, Fiona Thomann, Flurina Weisskopf, Gino Lucini oder der aktuelle Verantwortliche Murat Ucan steckten enorm viel Herzblut in die Frauenabteilung und in die Entwicklung der Teams. Auf der anderen Seite der Generationenskala entstand dank der Initiative von Doris Schmassmann und Vera Gmür in den vergangenen Jahren ein Seniorinnen-Team.
Der Frauenfussball, in den 1980er-Jahren im Oberbaselbiet noch im exotischen Status, hat sich längst auf viele weitere Vereine ausgedehnt, etwa zum FC Bubendorf, FC Gelterkinden, FC Lausen 72 oder FC Frenkendorf. In der Nordwestschweiz sind heute mehr als 100 Frauen- und Mädchenteams am Start mit rund 2600 lizenzierten Spielerinnen.
Im Rahmen eines breit abgestützten Legacy-Programms rund um die Uefa Women’s Euro 2025, die vom 2. bis 27. Juli dieses Jahres in der Schweiz stattfinden wird, erhofft sich der Schweizerische Fussballverband eine Verdoppelung der heutigen Zahlen im Frauenfussball auf rund 80 000 lizenzierte Spielerinnen.
An der Spitze der 1. Liga
ds. Das oberste Frauenteam des SV Sissach durchlebt in der laufenden Saison 2024/25 eine der erfolgreichsten Spielzeiten der Geschichte. Das Team von Trainer Patrik Ivanovic teilte sich vor dem Wiederbeginn der Meisterschaft am vergangenen Wochenende die Tabellenspitze mit dem SC Düdingen und dem FC Ostermundigen.
In der Winterpause konnte sich das Team mit gleich vier Spielerinnen des NLB-Vereins FC Solothurn verstärken. Torhüterin Fabienne Saladin ist eine Rückkehrerin und spielt künftig mit einer Doppellizenz auch für das U20-Team des FC Basel 1893. Sarina Grieder stammt ebenfalls aus dem Oberbaselbiet, dazu kommen Katrin Suter und Svenja Zengaffinen.
Erst im vergangenen Jahr wieder in die 1. Liga aufgestiegen, erreichte der SV Sissach in dieser Saison auch die Achtelfinals im Schweizer Cup der Frauen, wo Ligakonkurrent FFV Basel Endstation bedeutete.
Zum Autor
vs. Daniel Schaub, in Sissach aufgewachsen und zu Hause, ist Präsident des Fussballverbands Nordwestschweiz und der profundeste Kenner des regionalen Fussballs. Beim SV Sissach und beim Regionalverband hat er bereits unzählige Chargen bekleidet und wurde dafür unter anderem 2022 im Rahmen des Baselbieter Sportpreises mit dem Anerkennungspreis ausgezeichnet. Der 58-jährige Schaub arbeitet als Journalist und Autor und war an verschiedenen Publikationen beteiligt. Unter anderem entstand unter seiner Leitung das Buch «Baselbieter Sport» (2022).


