Die neue Sehnsucht nach Sicherheit
22.10.2026 PolitikSandra Jenni, Landrätin FDP, Zunzgen
Als Kind wollte ich ein Fahrrad mit Stützrädern. Nicht weil sie schneller machten, sondern weil sie Sicherheit versprachen. Sie verhinderten Stürze und gaben das beruhigende Gefühl, es könne nichts ...
Sandra Jenni, Landrätin FDP, Zunzgen
Als Kind wollte ich ein Fahrrad mit Stützrädern. Nicht weil sie schneller machten, sondern weil sie Sicherheit versprachen. Sie verhinderten Stürze und gaben das beruhigende Gefühl, es könne nichts passieren. Irgendwann mussten sie weg. Denn nur ohne Stützräder lernt man, das Gleichgewicht selbst zu halten.
Gesellschaftlich scheint mir heute eher das Gegenteil zu geschehen. Für jedes Problem soll es eine Vorschrift geben, für jedes Risiko eine Absicherung, für jeden Schaden einen Verantwortlichen.
Natürlich ist Sicherheit wichtig: sichere Strassen, funktionierende Institutionen, ein verlässlicher Rechtsstaat. Doch manchmal wird aus diesem Grundbedürfnis ein Versprechen: Es soll möglichst nichts mehr schiefgehen. Nur: So funktioniert das Leben nicht. Fast alles, was Veränderung und Fortschritt gebracht hat, begann mit einem Risiko: eine Firma gründen, den Beruf wechseln, an einen neuen Ort ziehen oder Zeit und Geld in eine Idee investieren, deren Ausgang offen ist.
Risiken lassen sich reduzieren, versichern und regulieren. Abschaffen lassen sie sich nicht. Und: Jedes Risiko hat zwei Seiten. Wer abseits der Piste Ski fährt, hofft auf den besten Lauf seines Lebens: unberührten Schnee, Adrenalin und eine Geschichte, die bleibt. Die Kehrseite sind La- winen, Verletzungen oder gar der Tod. Das eine ist ohne das andere nicht zu haben.
Ich glaube deshalb nicht, dass unsere Gesellschaft kein Risiko mehr will. Wir wollen den Nervenkitzel durchaus – nur sollen die möglichen Folgen andere tragen. Geht eine Lawine nieder, erwarten wir innert Minuten vier Helikopter, sechs Drohnen und 20 Suchhunde. Schliesslich steht uns das zu. Doch wer sich bewusst für ein Risiko entscheidet, kann die Verantwortung nicht vollständig an die Allgemeinheit delegieren.
Das gilt auch für die Freiheit. Eine freie Gesellschaft schliesst nicht jedes Risiko aus. Sie traut ihren Bürgerinnen und Bürgern zu, selbst zu entscheiden – und einen Teil der Folgen zu tragen.
Das ist anspruchsvoller als eine Welt voller Regeln. Es heisst, dass Entscheidungen falsch sein dürfen, nicht immer jemand anderes verantwortlich ist und wir aushalten müssen, wenn andere anders entscheiden als wir. Darin liegt eine der grossen Spannungen unserer Zeit: Wir wollen Freiheit ohne Unsicherheit, Eigenverantwortung ohne Konsequenzen und Innovation ohne Fehlschläge. Das funktioniert nicht. Die Frage ist deshalb nicht, ob Sicherheit wichtig ist. Sondern wie viel Freiheit und Eigenverantwortung wir für noch etwas mehr Sicherheit aufzugeben bereit sind.
Bei Kindern sind Stützräder sinnvoll. Sie geben Halt, solange das Gleichgewicht fehlt. Aber irgendwann müssen sie weg. Auch eine freie Gesellschaft braucht einen sicheren Rahmen. Sie darf aber nicht versuchen, jeden Sturz zu verhindern. Denn wer nie fallen darf, lernt auch nicht, wieder aufzustehen.
In der «Carte blanche» äussern sich Oberbaselbieter National- und Landratsmitglieder sowie Vertreterinnen und Vertreter der Gemeindebehörden zu einem selbst gewählten Thema.

