Die Lizenz zum Dolcefarniente?
12.03.2026 BaselDenise Buser befasst sich in «Die Altenboomer» auf 140 Seiten mit dem Altern
Die Baslerin Denise Buser, Jahrgang 1959, hat keine drei Jahre nach ihrem Erstling ihr zweites Buch geschrieben. Es trägt den Titel «Die Altenboomer» und ist ein teils leichtes, teils ...
Denise Buser befasst sich in «Die Altenboomer» auf 140 Seiten mit dem Altern
Die Baslerin Denise Buser, Jahrgang 1959, hat keine drei Jahre nach ihrem Erstling ihr zweites Buch geschrieben. Es trägt den Titel «Die Altenboomer» und ist ein teils leichtes, teils schonungslos offenes Essay über das Altern – ganz allgemein, aber auch ihr eigenes.
Jürg Gohl (69)
Das gleich vorneweg: Mit seinem Titel «Die Altenboomer» führt dieses zweite Buch von Denise Buser in die Irre. Wer eine Sammlung voll Anekdoten und Kolumnen über die Alten und das Altern erwartet, kann sich den Gang in die Buchhandlung sparen. Wer sich aber mit der Generation der «Best Agers», wie sie sich selbst verniedlichend nennt, auseinandersetzen will, weil er oder sie diesem Segment vielleicht selber angehört, der stösst in Busers 140 Seiten umfassenden Buch reihenweise auf Denkanstösse.
Tatsächlich taucht der titelgebende Begriff «Altenboomer» im ganzen Buch nur ein einziges Mal auf – und zwar gleich auf der ersten Seite. Er lehnt sich an die Bezeichnung «Babyboomer» an. Gemeint ist die Generation, die in der optimistischen Epoche nach dem Zweiten Weltkrieg und vor der Antibaby-Pille, diesem sozialpolitisch bedeutsamen Kind der 68er, zur Welt kam. Schuldlos sorgen diese Leute dafür, dass zumindest in der ersten Welt die Alterspyramide alles andere als eine ägyptische Form einnimmt.
Die Telefonwählscheibe
Auf Seite 54 des Buchs wird diese Generation als Antipode zur vielzitierten Generation Z auch Generation A genannt. Z umfasst Menschen, die ungefähr zwischen 1995 und 2010 geboren sind. Das A in der Generation steht für «Alt-Achtundsechziger», die bereits vor 20 Jahren in Rente gingen. Ihr rechnet sich die 66-Jährige nicht zu. Sie gehöre der «Generation Telefonwählscheibe» an (Seite 82).
Denise Buser, 1959 geboren, in Basel aufgewachsen und dort zu Hause, hat mit «Die Altenboomer» bereits ihr zweites Buch verfasst. Ende 2023 erschien aus ihrer Feder (ebenfalls im Zytglogge-Verlag in Muttenz) ein Essay «Dichten gegen das Vergessen», in welchem die einstige Strafrechtsprofessorin an der Universität Basel zwölf völlig unterschiedliche Dichterinnen aus zwei Jahrtausenden porträtierte. Dabei recherchierte sie auch in den Archiven des Sissacher «Cheesmeyer» zu Dichterin Helene Bossert und stiess dabei auf bisher unbekannte Gedichte. Ein paar dieser Lyrikerinnen gelangen im neuen Buch zu einem kurzen Comeback.
Wie damals griff sie auch im jüngsten Werk zur Kunstform des Essays.
In dieser Textgattung mischen sich die vielen Fakten und Recherchen mit Persönlichem und mit eigener Meinung. Sie setzt auch feinfühliges Schreiben voraus, was allgemein einer Juristin nicht unbedingt zugetraut wird. Erneut aber widerlegt Denise Buser dieses Klischee.
Alleine ihre Lust am Formulieren ist bemerkenswert. Sätze wie «Der Sinn für Entdeckungen von Grossartigem fünf Minuten unterhalb der Superlative» (Seite 13) sind tatsächlich grossartig, ebenso eine Seite später «Schritttempo tut es auch». Oder: «Der Wecker hat seine Befehlsgewalt verloren.» Plötzlich taucht «mein Alter(s) Ego» (Seite 61) auf. «Im Alter fehlen die Kräfte für den Boxsack, um die eigene Wut loszuwerden», lesen wir auf Seite 76 und schmunzeln. Besonders schön: «… die Lizenz zum Dolcefarniente» (Seite 39).
Alle, die das Diktat des Weckers hinter sich gelassen haben und sich endlich auch Tage des Nichtstuns erlauben dürfen, entdecken neue Chancen: Enkelkinder, Kultur in sämtlichen Flughöhen, Freiwilligenarbeit oder je nach finanziellen Verhältnissen das Reisen. «Im Alter», steht auf Seite 106, sei «nochmals der geeignete Zeitpunkt, die eigenen Konventionen, Blockaden, Unvorstellbarkeiten, Selbstbeschränkungen vielleicht ein, zwei Millimeter zu verschieben».
Verklären will sie die Lebensphase der «Altenboomer» nicht. Sie setzt sich klug mit Stichworten auseinander wie Schmerzen, nachlassender Sehkraft, Inkontinenz, technische Überforderung, die Rolle der Frauen, die «bereits ab 40 unsichtbar werden». Wie im Buch über die Dichterinnen nimmt sie hauptsächlich die Optik der Frau ein. Dabei schildert sie oft schonungslos offen eigene Erfahrungen, etwa ihren Umgang mit der eigenen Krebserkrankung vor einem Vierteljahrhundert.
Über allem steht das Wissen um die eigene Endlichkeit. Sie macht das an einem Beispiel fest: Fällt in einem Frühling viel Regen, können sich die «Altenboomer» entweder damit trösten, dass der Natur draussen gerade eine «Chlorophyll-Bombe» verpasst wird, oder aber sie fühlen sich um einen Frühling betrogen, der diesen Namen verdient hat – im Wissen, dass für einen die Lenze gezählt sind. Denise Busers Lösungsvorschlag finden wir auf Seite 126: «Das Ziel des Alters ist nicht die Verbitterung, sondern die Versöhnlichkeit und das freundlich sein mit sich und den andern.»
Lesung in Sissach
jg. Am Freitag, 20. März, liest Denise Bucher an der renommierten Leipziger Buchmesse aus ihrem neuen Buch «Die Altenboomer» vor. Am Sonntag, 29. März, folgt eine Lesung der Autorin im Sissacher Kulturhaus «Cheesmeyer» an der Hauptstrasse 55. Der Anlass beginnt um 17 Uhr. Roland Plattner wird den Abend moderieren. Dazu sorgt Erich Fischer für musikalische Intermezzi auf dem Vibraphon. Für die Autorin bedeutet der Auftritt im Oberbaselbiet auch eine Rückkehr, hat sie im «Cheesmeyer» doch bereits über Dichterin Helene Bossert für ihr letztes Buch recherchiert. Das Essay sei «klug, leichtfüssig und anregend», heisst es im Selbstbeschrieb zutreffend.
Denise Buser: «Die Altenboomer», Zytglogge-Verlag, 140 Seiten.

