Die Kunst des Verlierens
30.04.2026 SportIm Sport sagt man oft: «Verlieren gehört dazu.» Ein Satz, der Trost spendet bei Enttäuschungen und zur Aufmunterung dient. Doch kaum in einer anderen Sportart trifft diese Aussage so wortwörtlich zu wie im Tennis.
In dieser Kolumne möchte ich Ihnen das ...
Im Sport sagt man oft: «Verlieren gehört dazu.» Ein Satz, der Trost spendet bei Enttäuschungen und zur Aufmunterung dient. Doch kaum in einer anderen Sportart trifft diese Aussage so wortwörtlich zu wie im Tennis.
In dieser Kolumne möchte ich Ihnen das Spezielle – und oft Unterschätzte – am Verlieren oder Scheitern im Tennissport näherbringen. Und dabei die Coaching-Perspektive nicht aus den Augen verlieren.
Schauen wir uns also diese Sache an, die sich «Scheitern» nennt. Scheitern ist im Sport unvermeidlich. Doch was bedeutet es überhaupt? Wer entscheidet, wann jemand gescheitert ist? Und warum sehen wir es meist so negativ, obwohl wir oft gerade daraus am meisten lernen?
Ich persönlich habe gelernt, dass Scheitern oft nichts anderes ist als die Nichterfüllung von Erwartungen. Erwartungen, die wir selbst an ein Ziel knüpfen oder andere für uns setzen. Wenn jedoch der Weg selbst zum Ziel wird, verändert sich auch der Blick aufs Scheitern. Dann wird aus Scheitern ein Lernen. Und Lernen ist das Fundament jedes Prozesses.
Tennis ist dafür eines der besten Beispiele. Eine Saison umfasst im Durchschnitt rund 25 Turniere. Also 25 Wochen mit neuer Chance, neuem Tableau. Klingt nach vielen Möglichkeiten. Ist es auch. Doch die Realität ist härter: Pro Turnier gewinnt genau ein Spieler. Alle anderen verlieren.
Wenn man Erfolg nun also an Siegen misst, scheitern die meisten Spieler fast jede Woche. Denn egal, wie gut du spielst oder wie viele Matches du gewinnst: Wenn du das Turnier nicht gewinnst, verlässt du es als Verlierer.
Tatsächlich beendeten 2025 acht ATP-Spieler die Saison unter den besten 30 der Welt, ohne einen einzigen Titel gewonnen zu haben. Vier davon sogar in den Top 20. Würde man so eine Saison als gescheitert bezeichnen? Wohl kaum.
Genau darin liegt auch ein wichtiger Teil des Coachings. Wer sich nur auf Resultate fokussiert, wird schnell entmutigt, speziell im Tennis. Wer dagegen den Fokus mehr auf Entwicklung und Fortschritt legt, ist weniger an die Konzepte des Gewinnens und Verlierens gebunden. Scheitern wird somit zu einem essenziellen Teil eines langen, nicht geradlinigen Entwicklungsprozesses.
Natürlich geht es im Profisport darum, zu gewinnen und gute Resultate zu verbuchen. Niemand reist um die Welt, um bewusst zu verlieren. Aber vielleicht sollten wir Niederlagen öfter als Teil des Lernens sehen und weniger als Endpunkt.
Darum lernt man im Tennis früh etwas Wichtiges: Verlieren ist nicht das Gegenteil von Erfolg. Oft ist es ein Teil davon.
Yannik Steinegger
Der Bubendörfer Yannik Steinegger (2000) gehörte zu den besten Schweizer Tennisspielern, ehe er sich schon mit 23 entschied, Profi-Trainer zu werden. Er betreut die Schweizer Tennis-Hoffnung Leandro Riedi.

