«Die Häge seihen mit Bradwurst geflochten»
07.12.2023 SissachHeiner Oberer hat die Lebensgeschichte seiner Ururgrossmutter Verena niedergeschrieben
Die junge Witwe Verena Oberer-Waibel ist, wohl aus sozialer Not, 1858 aus dem Oberbaselbiet in die USA ausgewandert. Im Rahmen seiner Ahnenforschung ist Heiner Oberer auf die gut dokumentierte ...
Heiner Oberer hat die Lebensgeschichte seiner Ururgrossmutter Verena niedergeschrieben
Die junge Witwe Verena Oberer-Waibel ist, wohl aus sozialer Not, 1858 aus dem Oberbaselbiet in die USA ausgewandert. Im Rahmen seiner Ahnenforschung ist Heiner Oberer auf die gut dokumentierte Lebensgeschichte seiner Ururgrossmutter gestossen und hat sie im Buch «Von Sissach nach Ohio» faktentreu festgehalten.
Jürg Gohl
Wie Heiner Oberer abends wieder einmal über seinen Unterlagen brütet, bemerkt er zu seiner Frau Friedel, die gerade in ein Puzzle vertieft ist: «Eigentlich tun wir beide gerade das Gleiche. Wir fügen aus vielen Teilen ein Bild zusammen.» Der langjährige «Volksstimme»-Mitarbeiter ist damit beschäftigt, den Stammbaum seiner Familie zu rekonstruieren. Damit setzt er die Arbeit fort, die bereits seinen Vater Eduard Oberer-Ballmer umtrieb und seine Söhne zu üblen Streichen wie dem Auswechseln von Kärtli oder von Ehefrauen verführt hat.
Der Vorleistung seines Vaters und den gesammelten Dokumenten ist es aber zu verdanken, dass sich der Filius später ebenfalls mit dem Stammbaum seiner Familie auseinanderzusetzen beginnt. Dank der Digitalisierung und spezialisierter Plattformen wird einem heute die Ahnenforschung stark erleichtert. Doch wer es wie der Autor genau wissen will, kommt nicht um weitere Nachforschung, den Gang in die Archive und viel Korrespondenz herum.
Heiner Oberer-Buess (der Zweitname ist bei Stammbäumen sehr hilfreich) besucht an der Uni eigens Kurse, um das Lesen der Kurrentschrift zu erlernen, in der die inzwischen digitalisierten Kirchenbücher verfasst sind. Sein «Puzzle» wächst fünf Jahre lang (siehe Kästchen). Er warnt: «Jeder, der sich mit seiner Familiengeschichte befassen will, muss sich das gut überlegen.» Es nehme einem unweigerlich «dr Ermel yyne». Seine Forschungen bewegen ihn, ein Buch dazu zu verfassen, das am 8. Dezember (bei Pfaff in Sissach) in den Verkauf gelangt.
Dank erhaltenem Briefwechsel
Den Ausschlag dazu liefert ihm aber nicht der Stammbaum, welcher der Neuerscheinung in drei Faltblättern beiliegt. Und auch nicht sein Faible, Bücher wie seine Kolumnensammlung «Nit lang Fääderlääse», das «Ausgeschlachtet» zur öffentlichen Schlachtung eines Schweins 2018 in Sissach oder zuletzt «Eusi Fasnecht» mitzuverfassen. Bei seinen Recherchen stösst er auf die Lebensgeschichte seiner Ururgrossmutter Verena Oberer-Waibel.
29-jährig und seit einem Jahr verwitwet, beschliesst die damals vierfache Mutter wohl aus wirtschaftlicher Not, mit ihrer einjährigen Tochter Maria nach Amerika auszuwandern und ihre drei älteren Kinder in der Obhut ihrer Schwiegereltern in Sissach zurückzulassen. Weil sie mit ihnen über Briefe, die erhalten sind, in Kontakt bleibt, ist ihr Leben in der Neuen Welt bestens dokumentiert. Der Ururgrosssohn lässt in der Biografie hauptsächlich diese Schriftstücke sprechen, die er nur mit Kommentaren und Erläuterungen verbindet.
Verena Oberer-Waibel, 1829 in Böckten geboren und aufgewachsen, heiratet zuerst den Sissacher Heinrich Oberer. Er stirbt mit nur 31 Jahren, und sie verheiratet sich nach ihrer Emigration in Ohio mit Martin Johnson, der ebenfalls jung stirbt. Sie heisst fortan Fanny Johnson. In zusammen 16 Ehejahren bringt sie acht Kinder zur Welt. Ihr jüngerer Sohn, auch er trägt den Vornamen Heinrich, reist ihr zuerst nach und verstirbt mit 22 Jahren. Eduard, der ältere, sorgt dafür, dass dieser Oberer-Zweig weiter gedeiht.
Co-Autoren betten Biografie ein
Bei «Von Sissach nach Ohio» kann Heiner Oberer auf drei Co-Autoren zählen, die das persönliche Schicksal dieser bewundernswerten Frau in einen geschichtlichen Zusammenhang stellen. Matthias Manz, Historiker und früherer Baselbieter Staatsarchivar, schildert die wirtschaftliche und politische Situation des Baselbiets der Tauner und Posamenterstühle im Jahr 1858, als Verena Oberer in Le Havre mit 163 weiteren Erwachsenen, 13 Kindern und 7 Säuglingen die «St. Charles» bestieg und zehn Wochen später in New York ankam. Auch soll Manz den Hauptautor regelmässig aufgefordert haben, seine Angaben mit Quellen zu belegen.
Robert Bösiger beschreibt das Geschäftsmodell der Basler Auswanderer-Agenturen, die alleine in jenem Jahrzehnt 50 000 Schweizerinnen und Schweizern mit teils fragwürdigen Methoden beim Auswandern helfen. Diesen Weg schlagen alleine in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts rund 8 Prozent der Schweizer Bevölkerung ein. Schliesslich trug Rolf Cleis als IT-Spezialist wesentlich dazu bei, dass der Oberer-Stammbaum überhaupt entstehen und gedeihen konnte.
Die Kinder reisen nach
Die Überfahrten erfolgen für die ohnehin armen Flüchtlinge unter widerlichsten Umständen. Die Wirtschaftsflüchtlinge leiden an Enge, Geschrei, der Seekrankheit, schlechtem Essen und hygienischen Missständen. Zudem plagt sie (wohl wie die heutigen Flüchtlinge) Heimweh. Einen ihrer Briefe beendet sie mit «P.S.: Bitte schreibe bald, bald, bald.» Das zielt direkt aufs Herz der Leserin.
Neben der jüngsten Tochter Maria, welche die junge Witwe auf ihre Reise mitnimmt, folgen ihr später ihre beiden Söhne sowie Tochter Verena: zuerst Heinrich mit 19 Jahren und später Eduard, der älteste, mit seiner Familie. Letzterer kehrt allerdings nach nur drei Monaten desillusioniert in die Schweiz zurück. Ob Amerika damals tatsächlich dem Bild als Land entspricht, in welchem «Milch und Honig fliessen», um den Autor zu zitieren, lassen Verena Oberer und die anderen Familienmitglieder offen. Wirtschaftlich geht es ihr einmal gut, einmal weniger gut.
Sohn Heinrich beschreibt den Daheimgebliebenen «Newjork», dass die Stadt «theilweise prachtvoll zu nennen», aber auch «schmuzig und von wüsten Strassen durchkreuzt» sei. Später schildert er, wie im rasant wachsenden Amerika mit Landerwerb und -verkauf, also mit Spekulieren, Geld zu verdienen sei. «Die Mutter gilt draussen als reiche Frau, hier gilt sie blos bemittelt.» Verena Margaretha Oberer, die ältere Tochter, schreibt an ihren älteren Bruder Eduard sogar warnend und ohne Komma ins Oberbaselbiet: «du lieber Eduard bleib um Gottesnamen bei deinen Grosseltern und tu für sie was du kannst.»
«… villen Mord und Totschlag»
Titelheldin Verena Oberer – inzwischen heisst sie Fanny Johnson – klärt ihre Verwandten über die Politik in ihrer neuen Heimat auf. Es gebe «zwei Parteien, die Demekraten und die Rebubligkaner» und wegen der Präsidentenwahl habe es bereits «villen Mord und Totschlag gegeben.» Ihr Schwiegersohn, ein Deutscher, schreibt seinen Schwägern, dass hier «tausende von kräftigen Arbeitern arbeitlos» seien.
Und noch ein letztes Briefzitat von Verena Oberer an ihren Sohn Eduard, der damit liebäugelt, zu seiner Mutter überzusiedeln: Sie warnt ihn davor, sich Amerika so vorzustellen, wie es überall beschrieben werde: «Die Häge seihen mit Bratwurst geflochten und Dauben fligen eim Gebraten ins Maul. O nein.»
Einwanderer und Rückkehrer
jg. Zur historischen Einordnung: Der weit berühmtere Auswanderer mit Oberbaselbieter Wurzeln heisst «General» Johann August Sutter mit Bürgerort Rünenberg. Der verschuldete Sutter floh 1834 nach New York, also 24 Jahre vor Verena Oberer. Sein Leben und Wirken in Kalifornien, das in den vergangenen Jahren kontrovers diskutiert worden ist, hat der Wenslinger Schriftsteller Traugott Meyer 1953 in seinem biografischen Mundart-Roman «Gännerall Sutter» festgehalten.
Und vor genau einem Jahr gaben Silvio Pitschen und Markus B. Christ ein Manuskript der Sissacher Autorin Margaretha Schwab-Plüss heraus, in welchem sie die Jugendjahre von Pfarrer Andreas Pitschen literarisch verewigt. Statt wie bei Heiner Oberers «Von Sissach nach Ohio» lautet der Titel dort «Von San Francisco in die Rofflaschlucht» (bei der Papeterie Pfaff und Schaub Medien in Sissach erhältlich).
Die Granate
jg. Besonders tragisch verläuft das Leben von Heinrich Otto, Sohn des zurückgekehrten Eduard und damit Grosskind von Verena Oberer. Karolina, seine erste Ehefrau, stirbt 31-jährig, und ihre voreheliche Tochter Louise begeht 25-jährig Selbstmord. Der Grossonkel des Autors heiratet 1926 ein zweites Mal. Seine neue Frau heisst Irma Euphemia Fries, sie bringt zwei Kinder zur Welt.
Das Glück dauert nur neun Jahre. Am 17. Juni 1935 räumt sie den Estrich; der sechsjährige Sohn Heinrich spielt daneben mit einem vermeintlich harmlosen Blindgänger, den sein Vater vom Hartmannsweilerkopf, dem Schlachtfeld im Elsass aus dem Ersten Weltkrieg, nach Hause gebracht und als Briefbeschwerer benutzt hat. Da explodiert die Granate und reisst seinen Sohn in den Tod. Seine Frau erliegt wenig später ihren Verletzungen.
Stammbaum Oberer
jg. Heiner Oberer konnte seine Familiengeschichte bis zu 13 Generationen vor ihm zurückverfolgen. Sie beginnt im Jahr 1495 mit Ambrosius Oberer. Von Ambrosius Oberer aus entwickelten sich neun Oberer-Stammbäume, von denen vier inzwischen ausgestorben sind. Am Ende kamen 1900 Namen zusammen. Neben Kirchenbüchern waren dem Autor auch die Plattform «MyHeritage» sowie das Familienarchiv sehr wertvoll.



