Die «Flue-Linde» soll leben
05.05.2026 SissachSicherungsmassnahmen für imposanten Baum
Mit Krangurten und Stahlseilen wurde die fast 27 Meter hohe Linde auf einer Wiese unterhalb der Sissacher Fluh gesichert. Ohne diese Massnahmen hätte ihr dasselbe Schicksal wie der «Wintersinger Eiche» widerfahren ...
Sicherungsmassnahmen für imposanten Baum
Mit Krangurten und Stahlseilen wurde die fast 27 Meter hohe Linde auf einer Wiese unterhalb der Sissacher Fluh gesichert. Ohne diese Massnahmen hätte ihr dasselbe Schicksal wie der «Wintersinger Eiche» widerfahren können.
Christian Horisberger
Bei einem Sturm im vergangenen Sommer brach die mächtige, in der ganzen Region für ihren gleichmässigen Wuchs bekannte Eiche bei Wintersingen auseinander. Der Baum, ein beliebtes Fotomotiv, hatte viele Fans. Entsprechend gross war die Betroffenheit; einige Baum-Freunde stellten beim zersplitterten Stamm des rund 200 Jahre alten Baums sogar Kerzen auf.
Die Sissacher «Flue-Linde» soll dieses Schicksal nicht teilen. Am Stamm des imposanten Baums mit einer Höhe von knapp 27 Metern und einer üppigen Krone wurden vor einigen Wochen lange Risse festgestellt. Ohne Sicherungsmassnahmen wäre es nur eine Frage der Zeit, bis ein Teil des Baums wegbricht.
Die gegen 200 Jahre alte Linde befindet sich auf halber Strecke zwischen dem Parkplatz auf der Wintersingerhöhe und der Sissacher Fluh auf einer Magerwiese. Der Nusshöfer Landwirt Andreas Andrist, der die Wiese für die Grundeigentümerschaft mäht, stellte vor Ostern am Stamm zwei auffällige Risse fest, die sich vom Kronenansatz über den ganzen Stamm bis hinunter zum Boden ziehen.
Krangurte und Stahlseile
Im Wissen um den Wert und den Schutzstatus der Linde verständigte Andrist einen Baumpflegefachmann und die Sissacher Landschaftskommission. Diese erkannten Handlungsbedarf und definierten die zu ergreifenden Massnahmen. Am vergangenen Donnerstag hat ein dreiköpfiges Team der Tilia Baumpflege AG aus Frick diese umgesetzt. Um das drohende Wegbrechen eines Baumteils zu verhindern, wurde zunächst unter der Krone ein zugfester Krangurt aus Polyester unter Spannung um den Stamm gelegt. Dann kletterten die Baumpfleger an Seilen auf acht Meter Höhe, um in der Krone mit über Kreuz an grossen Ästen befestigten Stahlseilen weitere Sicherungen anzubringen.
Zuvor hatten die Spezialisten die Linde von Misteln befreit und dürre Äste entfernt. Auf einen umfangreichen, entlastenden Baumschnitt sei bewusst verzichtet worden, um den Charakter der Sommerlinde nicht zu verändern, erklärte Urs Chrétien, Präsident der Landschaftskommission, bei einem Augenschein: «Es wäre nicht mehr der gleich schöne Baum gewesen.» Zudem hätte ein grösserer Eingriff zur Folge, dass der Baum zum «Dauerpflegefall» würde.
Dies passt auch nicht zum Charakter dieser Baumart: Martin Erb, Geschäftsführer des Baumpflegeunternehmens Tilia, beschreibt die langsam wachsende und langlebige Linde als «Kämpferin»: Sie wachse natürlicherweise an kargen Standorten, und sie habe die Fähigkeit, im eigenen Innern Wurzeln zu bilden, wenn der Stamm durch eindringendes Wasser teilweise vermodert.
Besondere Beziehung zur Linde
Der Fachmann, der sein Unternehmen nach dem lateinischen Namen der Linde benannt hat, weiss auch um die Bedeutung, beziehungsweise die historische Beziehung der Menschen zu dieser Baumart: Unter Linden sei oft gefeiert und getanzt, Recht gesprochen und auch vollzogen worden. Letzteres belegt nicht zuletzt der Standort einer Linde in der Nähe des Gutsbetriebs Ebenrain: Hier hat sich einst der Gerichtsort des alten Sisgaus mit einem Galgen befunden. Der Flurname lautet entsprechend «Beim Hochgericht» oder gemäss Schaubs Flurnamenbibel aktuell «Glünggisbüchel». Dieser Baum steht ebenso wie die «Flue-Linde» unter Schutz. Diesen Status haben in Sissach insgesamt fünf Bäume oder Baumgruppen ausserhalb des Siedlungsgebiets. In vier Fällen handelt es sich um Linden, im fünften um eine Gruppe von Eschen, von denen aber nur noch eine steht. Die anderen hat die Eschenwelke dahingerafft. Die kränkelnde, letzte Esche befindet sich in Sichtweite der «Flue-Linde».
Die Kosten für den Pflege- und Rettungseinsatz betragen 3700 Franken zulasten der Landschafskommission. Um die Spaziergänger auf dem Weg zur Sissacher Fluh über die Massnahme zu orientieren, hat Kommissionspräsident Chrétien am Wegrand eine Info-Tafel aufstellen lassen. Darauf wird der Vorgang beschrieben und vor dem bei starkem Wind nicht ungefährlichen Aufenthalt in unmittelbarer Nähe des Baums gewarnt: Man möge den Blick auf den Baum vom Weg aus geniessen, «dies schont im Übrigen auch die wunderschöne Magerwiese».


