Die Brückenbauer vom Ebenrain
23.05.2025 SissachWo junge Menschen den Weg in die Berufswelt finden
Jugendliche mit anspruchsvollem Hintergrund konnten dank des Ebenrain-Zentrums und Praxisbetrieben eine Lehrstelle im ersten Arbeitsmarkt finden. Viele der Einsteiger verlassen die Schule jedoch schon nach dem ersten Semester wieder.
...Wo junge Menschen den Weg in die Berufswelt finden
Jugendliche mit anspruchsvollem Hintergrund konnten dank des Ebenrain-Zentrums und Praxisbetrieben eine Lehrstelle im ersten Arbeitsmarkt finden. Viele der Einsteiger verlassen die Schule jedoch schon nach dem ersten Semester wieder.
Elmar Gächter
Mit dem kombinierten Brückenangebot will das Ebenrain-Zentrum leistungsschwächere junge Menschen begleiten und fördern. Während eines Jahres sollen unter anderem ihre Persönlichkeit und ihre Schlüsselkompetenzen so entwickelt werden, dass sie eine individuell passende Anschlusslösung im ersten Arbeitsmarkt realisieren können. Das Angebot ersetzt im Ebenrain seit Beginn des Schuljahrs 2023/24 die Vorlehre Hauswirtschaft/ Gastro.
Es umfasst wöchentlich je einen Tag Schulunterricht sowie vier Tage Einsatz in einem Praxisbetrieb. Sieben Blockwochen mit Schwerpunktthemen wie sozialen Kompetenzen, Kommunikation, Projektarbeiten sowie breit gefächerten handwerklichen Tätigkeiten erweitern das ganzheitliche und ressourcenorientierte Lernen.
Michaela Picker, die das Brückenangebot des Ebenrains leitet und zusammen mit zwei Lehrpersonen und zwei Coaches betreut, spricht von einer herausfordernden Aufgabe. «Viele der jungen Leute, die zu uns kommen, haben keinen Bock auf Unterricht und Lehrkörper. Umso wichtiger ist es für uns, sie individuell abzuholen. Dazu gehört das persönliche Coaching durch eine Fachperson.»
Im ersten Jahr startete das Brückenangebot mit 23 Lernenden, von denen 9 schon im 1. Semester die Schule wieder verliessen. Sie waren aus verschiedensten Gründen den Anforderungen nicht gewachsen, vor allem auch in den Praxisbetrieben. «Umso erfreulicher ist es, dass es die übrigen jungen Leute durchgezogen und 12 von ihnen eine Anschlusslösung gefunden haben», halten sowohl Michaela Picker als auch Leandra Guindy, welche die Berufsfachschule des Ebenrains leitet, fest.
In die Landwirtschaft eintauchen
Mit dem Brückenangebot hat der Ebenrain die Hoffnung verbunden, dass ein Teil der Jugendlichen ihren praktischen Einsatz in landwirtschaftlichen Betrieben absolviert. Im ersten Schuljahr konnten laut Michaela Picker immerhin zwei Personen ihr Praktikumsjahr in einem Landwirtschaftsbetrieb abschliessen. Hingegen war von den zurzeit mehr als 20 Absolventen kein einziger motiviert, auf einem Hof zu arbeiten. «Es gibt mindestens zehn Betriebe, die ein Praktikum mit Familienanschluss anbieten. Doch die Jugendlichen haben schlichtweg kein Interesse an einer auch körperlich fordernden Arbeit», zeigt sich Picker ernüchtert.
Myriam Gysin, die zusammen mit ihrem Mann Dieter den «Neuhof» in Lausen bewirtschaftet, bietet seit mehr als zehn Jahren Praktikumsstellen an, früher im Rahmen der Vorlehre, seit dem Jahr 2023 beim Brückenangebot. «Die jungen Leute unterstützen mich im Haushalt und bei der Arbeit im Feld, wobei ich besonderen Wert auf die Selbstständigkeit und Eigenverantwortung lege», sagt sie und spricht von weitgehend sehr guten Erfahrungen. So hat eine junge Frau nach dem ersten Brückenjahr einen Ausbildungsplatz in einer Bäckerei im Dorf gefunden.
Ausnahme bildet jenes Praktikum, das im laufenden Brückenjahr abgebrochen werden musste. «Man merkt, dass einzelne Jugendliche mehr Probleme haben als früher, sowohl vom Arbeitstempo als auch vom Intellekt her», hält Myriam Gysin fest.
Mankos sieht sie bei den jungen Leuten auch beim Familienleben und einem geregelten Tagesablauf. Sie legt deshalb besonders grossen Wert auf den Familienanschluss, vor allem auch mit einem gemeinsamen Mittagessen zusammen mit allen Mitarbeitenden und verschiedenen Generationen. Myriam Gysin wird auch weiterhin junge Leute bei sich aufnehmen: «Ich vergleiche sie mit einer Blume. Im August erhalte ich eine Knospe, die bis zum nächsten Sommer eine wunderschöne Blüte geworden ist.»
Gute Erfahrungen gemacht hat auch Jolanda Leuenberger vom Altersund Pflegeheim der Stiftung Haus Momo in Basel. Die Institution hat bis jetzt im Rahmen des Brückenangebots drei Jugendlichen je einen Praktikumsplatz angeboten. Eine der drei jungen Frauen wird eine Ausbildung als Fachperson EFZ beginnen. «Wir schauen bei den Interessierten vor allem auf ihre soziale Kompetenz und die Bereitschaft, auf unsere komplexen Berufe einzugehen. Auch wenn bei uns einzelne Jugendliche das Praxisjahr abgebrochen haben, erleben wir junge Leute motiviert und bereit, Verantwortung zu übernehmen», hält Jolanda Leuenberger fest.
Viel mehr gefragt ist bei den Jugendlichen ein Praktikum im IT- oder KV-Bereich. Doch an solchen Möglichkeiten fehlt es weitgehend. Immer mehr geöffnet für das Praktikumsangebot haben sich Betriebe im handwerklichen, sozialen und industriellen Bereich. Die Lernenden können sich bei rund 60 Betrieben, von Autogaragen über Restaurationsbetriebe, Altersheime, Coiffeursalons und Metallbaufirmen bis zu Grossverteilern, um eine Praktikumsstelle bewerben.
Selbstvertrauen stärken
Laut den Verantwortlichen hat sich das dem Brückenangebot zugrunde liegende organisatorische und pädagogische Konzept bisher weitgehend bewährt. Das ganze Team will sich weiterhin dafür einsetzen, das Selbstwertgefühl und das Selbstvertrauen ihrer Jugendlichen zu stärken, um ihnen einen guten Start ins Berufsleben zu ermöglichen. «Ja, die Aufgabe ist herausfordernd. Aber umso mehr dürfen wir uns über jene Jugendlichen freuen, die sich entfalten. Die Empathie ihnen gegenüber ist wichtig, ganz nach dem Motto ‹Ich bin okay, du bist okay›», so Michaela Picker und Leandra Guindy.
Erfolg sei jedoch nur möglich, weil sich viele Betriebe für den praktischen Teil des Angebots engagieren. «Dies ist ein echter Aufsteller», halten beide unisono fest.

