Die beliebte Wirtin auf der Fluh
21.08.2026 SissachSerie Themenweg (8): Blick über das Dorf
Zum 800-jährigen Bestehen hat die Gemeinde Sissach einen Themenweg realisiert, der sich mit relevanten Themen und Persönlichkeiten der jüngeren Dorfgeschichte befasst. Diesen Sommer zeigt die «Volksstimme» Auszüge ...
Serie Themenweg (8): Blick über das Dorf
Zum 800-jährigen Bestehen hat die Gemeinde Sissach einen Themenweg realisiert, der sich mit relevanten Themen und Persönlichkeiten der jüngeren Dorfgeschichte befasst. Diesen Sommer zeigt die «Volksstimme» Auszüge aus den Texten zu den acht Stationen des Rundgangs. Letzter Teil: Blick über Sissach mit Luggi Graf und Fritz Hodel.
Robert Bösiger
Luggi Graf, die legendäre Fluhwirtin, hat viel dazu beigetragen, dass die «Sissacherfluh» von einer einfachen Baracke zu einer guten Bergbeiz und damit zu einem beliebten Ausflugsort für die Region geworden ist.
Als am 25. Oktober 1966 Louise Graf, genannt «Luggi» im Alter von nur 68 Jahren starb, erschütterte diese Nachricht viele. Insbesondere zu denken gab es jenen, die seit Jahr und Tag oben auf der «Sissacherfluh» zu einem Schoppen einkehrten. Luggi Graf, die Fluhbäiz-Wirtin, war mit der Fluh sozusagen untrennbar verbunden.
Wir schreiben das Jahr 1934. Louise «Luggi» Kestenholz, geborene Graf, kehrt mit ihrer Tochter Alice aus der Stadt Basel zurück nach Sissach auf den Hof Obere Hinteregg, wo sie und Alice zwei Zimmer bewohnen dürfen. Auf dem Hof leben auch die Eltern Jakob und Rosa Graf-Hofer sowie Luggis Bruder Heinrich, genannt «Hinteregg-Heiri». Heiri spielte in der Freizeit beim Musikverein Sissach, andererseits war er Aktivmitglied bei den Feldschützen. Es ist überliefert, dass sich Luggi nie wirklich wohlgefühlt habe in der grossen Stadt.
Nach der Scheidung verdient sie ihren Lebensunterhalt zunächst damit, Kirschen und Obst im Dorf zu verkaufen. Zu diesem Zweck wandert sie regelmässig mit dem beladenen Leiterwägeli ins Dorf hinab. Zuweilen ist sie auch auf der Rickenbacherhöchi anzutreffen, wo sie Soldaten verpflegt, die hier ihren WK verbringen. An Sonntagen hält sie auf der Wintersingerhöhe an einem Tisch Eptinger, Sissa und Schoggi feil. Berichtet wird auch, sie habe morgens nach dem Aufstehen zeitig den Hof verlassen und sei erst abends wieder heimgekehrt.
Bereits im Sommer 1935 kann Luggi Graf dank der Unterstützung des Ziegelhof-Bierbrauers Jakob Meyer auf der Fluh in einer kleinen Baracke eine Sonntagswirtschaft eröffnen. Anfänglich haben weder der Gemeinderat noch der Verkehrs- und Verschönerungsverein Sissach Freude daran. Nicht jeder vielbegangene Aussichtspunkt müsse mit einer Wirtschaft verunstaltet werden, heisst es. Es gibt sogar Überlegungen, das praktizierte sonntägliche Hissen der Fluhfahne abzubrechen, um wegen der Fahne nicht noch zusätzlich Leute auf die Fluh zu locken.
Von der Baracke zur Bergbeiz
Die erste Ziegelhof-Baracke, erstellt im Sommer 1935 am Waldrand (dort, wo heute die Skulptur «Autilus» von Marco Rossi steht), dient vor allem als Remise zur Lagerung von Vorräten, Bänken und Tischen. Die Gäste werden im Freien bedient.
Bei schönem Wetter wird die Fluh regelrecht überrannt und Graf muss die Tische und Bänke fast bis zur Fluhterrasse aufstellen. Das wiederum ist einigen Gästen, dem Gemeinderat und auch dem Verkehrs- und Verschönerungsverein dann doch zu viel des Guten. Die Brauerei Ziegelhof erstellt neben der bestehenden Baracke eine zweite, grössere. Nun ist es Luggi Graf möglich, ihre Gäste auch im Trockenen zu bewirten und dank einer kleinen Küche sogar einfache und auch warme Speisen anzubieten.
Dass das Bedürfnis besteht, hier auf der Fluh zu essen und zu trinken, daran besteht bald kein Zweifel mehr. Stein des Anstosses waren nur noch der Standort der Baracken und die Tatsache, dass auch an Wochentagen gewirtet wird. Nach einigem Hin und Her einigen sich Verkehrs- und Verschönerungsverein, Gemeinderat und Luggi Graf, die Fluhwirtschaft an den Nordwestrand der Fluhmatte zu dislozieren – ganz in die Nähe des Wasserreservoirs. Ausserdem soll die Baracke durch eine gefälligere Blockhütte ersetzt werden.
Blockhütte wird 1937 eröffnet
Wiederum dank tatkräftiger Unterstützung durch die Brauerei Ziegelhof kann die Blockhütte am 29. Mai 1937 dem Betrieb übergeben werden. Luggi Graf – wer sonst? – wurde vom VVS zur ersten Pächterin erkoren. Im Jubiläumsbericht zu «75 Jahre Verkehrs- und Verschönerungsverein Sissach und Umgebung» aus dem Jahr 1978 heisst es wörtlich: «Ihr liebes Wesen und die einfache Gastlichkeit ohne grosses ‹Köch› war weitherum bekannt und beliebt. S’Luggi und d’Sissecher Fluh waren eins geworden.»
Heidi Hiller-Schaub, die noch immer auf dem Hof Obere Hinteregg wohnt, erinnert sich noch gut an Luggi: «Wenn oben das Wasser ausgegangen ist, hat sie sich vor den Abgrund gestellt und lauthals hinunter zum Hof geschrien: ‹Stellet s Wasser a!›» Erst 1995 wurde durch die Gemeinde Sissach eine richtige, rund 550 Meter lange Wasserleitung erstellt.
Heidi Hiller weiss auch noch, dass sie als Kind jeweils das von Mutter Graf gebackene Sauerteigbrot und Eier hat auf die Fluh tragen müssen. Damals, räumt sie ein, seien sie oft den steilen Chrachen hinauf zur Fluh hinaufgeklettert. Zum Glück sei nie etwas passiert. Ebenfalls noch erinnern mag sie sich, dass jeweils an Sonntagen ein Hans Schaub aus Sissach auf den Hof kam, in der Küche einen Stumpen rauchte, ein Gläschen Schnaps trank und dann hinauf zu Luggi wanderte.
Einfache Gerichte, aber mit Liebe
An schönen Sonntagen wanderten ganze Heerscharen auf die Sissacher Fluh. Es gab einfache Plättli mit Speck, Fleischkäse oder «Alpe-Chlübler», Wurst und Brot sowie Getränke. Luggi Graf trug jeden Tag Würste und alles zum täglichen Gebrauch in zwei Taschen auf die Fluh. Das Bier und die Getränke hingegen wurden mit dem Lastwagen oder dem Traktor hinaufgebracht. Bevor die Wasserleitung erstellt wurde, musste das Wasser in Milchkannen auf die Fluh geführt werden.
Luggi Graf war bei den Gästen als freundlich und zuvorkommend beliebt. Sie hatte beim Service Unterstützung einerseits von Tochter Alice, andererseits von Silvia Egli. Ebenfalls schon früh zu einer wertvollen Hilfe avancierte Margrit Hodel-Buser, die nach dem frühen Tod von Luggi Graf ab 1967 zusammen mit ihrem Mann Karl die Fluhbäiz übernahm.
Im in der «Volksstimme» vom 28. Oktober 1966 publizierten Nachruf heisst es: «Frau Graf war die berufene Wirtin für die Bergwirtschaft auf der Sissacherfluh. Vielen Wanderern, Skifahrern und Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg, alles Gäste aus Stadt und Land, hat sie mit ihrer bäuerlichen, einfachen Gastlichkeit Freude und Gemütlichkeit bereitet. Wir danken ihr dafür. In der Fluhwirtschaft waren die Jahreszeiten spürbar. Ab Neujahr gab es irgendwann einmal Metzgete. Um die Fasnachtszeit waren Schenkeli und Küechli auf dem Tisch, an Ostern die Eier, in der Maienzeit die Waldmeisterbowle, an Weihnachten Änisbrötli und Brunsli. Das ganze Jahr gab es Linzertorte – und dies alles aus der eigenen Küche. Gerade Kindern, die ‹glustig› schauten, hat Luggi manche dieser Süssigkeiten zugesteckt. Sie verstand es zu geben.»
Fritz Hodel: Knickerbocker, Krawatte und Kamera
rob. Die Themenweg-Station auf der Fluh widmet sich neben der Wirtin Luggi Graf dem Volkskundler, Fotografen und Naturschützer Fritz Hodel. Der Nachlass des Fotografen, Sammlers und Umweltschützers – die Hodel-Sammlung Sissach – umfasst eine Vielzahl eigener Glasdias und Negative sowie verschiedene weitere Fotosammlungen.
Fritz Hodel kommt am 5. April 1913 in Sissach zur Welt. Schon früh interessiert er sich für Technik und Natur. Die Schuhmachertradition seiner Familie lockt ihn dagegen wenig. Nach der Schule beginnt er Anfang der 1930er-Jahre eine Mechanikerlehre bei der Maschinenfabrik Fritz Hunziker. Nach dem Lehrabschluss 1933 und weiteren beruflichen Stationen findet er bei Schindler Waggon in Pratteln seine Lebensstelle.
Bei Schindler arbeitet Hodel bis zur Pensionierung und darüber hinaus. Als Netzplantechniker sorgt er dafür, dass die Produktionskette funktioniert und die benötigten Teile rechtzeitig bereitstehen. In seinem Metier gilt er als Kapazität und ist hoch geschätzt.
Ein besonderes Kapitel seines Lebens ist das Militär. Nicht weniger als 923 Diensttage zwischen 1934 und 1958 sind in seinem Dienstbüchlein verzeichnet, ein grosser Teil davon Aktivdienst. Selbst damals setzt Hodel seine Leidenschaft fürs Fotografieren durch. Bekannt wird seine Postkarte «Wacht am Rhein» mit einem im Gegenlicht fotografierten Soldaten. Als General Guisan am 9. Februar 1940 die Sissacher Schuljugend vor dem Restaurant «Löwen» besucht, ist Hodel mit seiner zweiäugigen Mittelformat-Spiegelreflexkamera vor Ort.
Seine Neugier und seine Passion für die Fotografie lassen zahlreiche Bilddokumente von lokalhistorischem Wert entstehen. Heute werden sie von der Arbeitsgemeinschaft für Natur- und Heimatschutz Sissach (AGNHS) archiviert. Hodel gehört selbst zu den prägenden Figuren des Vereins.
Auch sportlich zieht es ihn in die Natur. Als guter Skifahrer beteiligt er sich erfolgreich an Patrouillenläufen. Von 1945 bis 1986 ist er Mitglied des Schweizer Alpen-Clubs SAC und besteigt zahlreiche Viertausender in den Berner und Walliser Alpen sowie den Mont-Blanc.
In der AGNHS engagiert sich Hodel für Gewässerschutz, Hecken und Lebhäge sowie für geschützte Flächen im Rebberg. Mit seiner Beharrlichkeit trägt er wesentlich dazu bei, die Baumallee im Ebenrainpark zu retten, als Teile des Parks der Landwirtschaftsschule geopfert werden sollen.
Diplomatie ist allerdings nicht seine Stärke. Hat sich Hodel von einer Sache überzeugt, lässt er sich nur schwer davon abbringen. Legendär ist eine Gemeindeversammlung, an der er nach einer Abstimmungsniederlage die Primarschulturnhalle verlässt und dabei die Türfalle herausreisst – absichtlich oder versehentlich. Die Versammlung muss später durch den Geräteraum hinaus.
Hodel ist vor allem Praktiker und Tüftler. Für seine Wildtierfotografie konstruiert er einen eigenen Kameraauslöser und kontrolliert fast jeden Abend im «Tännligarten» oder auf der Isleten, ob die Apparatur funktioniert hat. So entstehen seltene Aufnahmen von Wildtieren. Unter seinen rund tausend Tierbildern befindet sich das bekannte Igelbild, das um 1970 mit seiner Rolleicord auf Diafilm entsteht. Der Schweizerische Bund für Naturschutz verwendet es später für Plakate und Werbung.
Spektakulär endet 1969 eine Aktion im Vorfeld der Abstimmung über die Wiedervereinigung beider Basel. Auf der Fluhkanzel errichten Hodel und Gleichgesinnte ein rund zehn Meter hohes Holzgerüst für eine weithin sichtbare Baselbieter Fahne. Beim Befestigen der Flagge bringt ein Windstoss Teile des Gerüsts zum Einsturz. Hodel stürzt hinunter und zieht sich unter anderem einen Kieferbruch zu.
Unverkennbar ist Fritz Hodel auch äusserlich: Bärtchen, strapazierfähige «Knickerbocker»-Kniehose und Krawatte gehören zu seinen Markenzeichen. Ein Auto besitzt er nie, lange Zeit auch weder Telefon noch Fernseher. Dafür liest er intensiv; seine zahlreichen Bücher sind voller Markierungen und handschriftlicher Notizen.
Hodel beteiligt sich zudem an verschiedenen Publikationen. 1980 gibt er gemeinsam mit Hans Buser-Karlen und der AGNHS den Fotoband «Alt Sissach» heraus. Regelmässig publiziert er auch in der «Volksstimme».
Geblieben ist vor allem sein fotografisches Vermächtnis: Tausende Aufnahmen, in denen sich technische Neugier, Naturverbundenheit und der wache Blick eines eigenwilligen Sissachers verbinden.


