Der Wunsch unter der Haut
07.08.2026 SissachFloyd Varesi über die Wirkung von Tattoos auf die Seele
Wer ein Symbol auf seinem Körper verewigen lässt, in dem eine Absicht oder ein Ziel steckt, manifestiert dieses damit – und erreicht es leichter. Das ist der Kern des Konzepts «Vision Tattoo», das der ...
Floyd Varesi über die Wirkung von Tattoos auf die Seele
Wer ein Symbol auf seinem Körper verewigen lässt, in dem eine Absicht oder ein Ziel steckt, manifestiert dieses damit – und erreicht es leichter. Das ist der Kern des Konzepts «Vision Tattoo», das der Sissacher Tätowierer Floyd Varesi in seinem neuen Buch beschreibt.
Christian Horisberger
Herr Varesi, warum sind Sie als Tattoo-Künstler unter die Buchautoren gegangen?
Floyd Varesi: Das Tätowieren hat sich in jüngerer Vergangenheit fundamental verändert. Das Internet, KI und neue Technologien drohen uns Kunsthandwerkern den Rang abzulaufen. Das hat mich angetrieben, ein Buch über eine Methode zu schreiben, die zurück zu den Wurzeln des Tätowierens führt. Dafür habe ich tief in die Vergangenheit geblickt. Warum liessen sich gewisse Völker schon vor Tausenden von Jahren tätowieren? Die Auseinandersetzung mit alten Kulturen auf meinen Reisen mit Erich von Däniken zeigte mir, wie wichtig Zeichen und Symbole gewesen sind. Die Summe dieser Erkenntnisse brachte mich auf eine neue Idee, wie man Tattoos auch heute betrachten und nutzen kann.
Sie nennen Ihr Konzept «Vision Tattoo». Was verstehen Sie darunter?
Ich zeige damit auf, wie ein Tattoo als Schnittstelle zwischen Geistigem und Materiellem wirken kann. Die Haut ist wie eine Barriere, die unser Inneres – die Gedanken – vom Äusseren trennt.
Das klingt stark nach Esoterik und Zauberei …
Lassen Sie es mich so erklären: Wenn man ein visualisiertes Ziel täglich vor Augen hat, richtet man sein Handeln automatisch stärker darauf aus. Durch die tiefgreifende Entscheidung, sich sein Ziel unter die Haut tätowieren zu lassen, was mit Schmerz und Überwindung verbunden ist, erhält dieses einen hohen Stellenwert.
Worauf stützen Sie diese Theorie?
Ich arbeite seit vielen Jahren als Tätowierer und habe gesehen, wie gewisse Motive Menschen verändern können.
Nennen Sie bitte Beispiele.
Da gibt es viele. Ich hatte zum Beispiel einen Kunden, der sich ein bestimmtes Auto wünschte. Dessen Kosten dafür überstiegen die finanziellen Möglichkeiten des Mannes aber bei Weitem. Er liess sich von mir das Logo der Marke und das Auto tätowieren. Jahre später traf ich ihn mit seinem Traumauto. Er hatte einen Schrotthaufen gekauft und diesen fahrtüchtig gemacht. Oder: Eine Frau, der Ärzte gesagt hatten, dass sie nie würde Kinder bekommen können, wollte mithilfe eines Tattoos auf dem Bauch mit dem Kinderwunsch abschliessen. Durch den Druck, den sie dadurch von sich selber genommen hat, wurde sie doch noch schwanger …
… und Sie wurden Götti?
(lacht) Nein, das nicht.
Sie führen solche Entwicklungen tatsächlich auf Ihre Tattoos zurück?
Ich habe häufig erlebt, dass sich bei Kunden, die sich Tattoos mit einer bestimmten Absicht oder einem konkreten Ziel stechen liessen, dieses Ziel in irgendeiner Form auch zeigte. Denn durch das Dauerhafte eines Tattoos bleibt der damit verbundene Wunsch stets vor Augen und kann nicht in den Hintergrund geraten.
Wie entsteht ein «Vision Tattoo»?
In einem ausführlichen Gespräch schildert mir der Kunde sein Ziel. Dem gehen wir auf den Grund. Sagt jemand zum Beispiel, er wolle reich werden, dann steckt vielleicht das Bedürfnis nach Unabhängigkeit oder Freiheit dahinter. Ist dieser Kern freigelegt, wird er zu einem individuellen Symbol umgewandelt. Wir nehmen bewusst nichts auf, das es bereits gibt. Die meiste bestehende Symbolik – ein Herz zum Beispiel – ist bereits mit bestimmten Gedanken verknüpft. Deshalb ist es wichtig, individuelle Symbole zu erschaffen, die nicht mit bereits Existierendem zusammenhängen.
Und wohin kommt dieses Symbol?
An eine Körperstelle, die mit dem Ziel in Verbindung steht. Beim Autofan kamen die Tattoos auf die Brust und ans Bein, mit dem er Gas gibt. Der Ort muss in Resonanz mit dem Ziel stehen. Jemand, der ein Rückenleiden hat und mit dem Tattoo darauf einwirken möchte, bekommt das Symbol auf den Rücken.
Sie verstehen sich also auch als eine Art Therapeut bei gesundheitlichen Problemen? Ist das nicht anmassend oder gar gefährlich?
Nein. Ich ersetze ja keinen Arzt. Und ich behaupte auch nicht, Wunder bewirken zu können. Ein «Vision Tattoo» kann aber unterstützend wirken, die Heilung fördern oder Harmonie schaffen. Ein wesentlicher Bestandteil des Konzepts ist, dass das Tattoo in Zusammenarbeit mit einem Menschen – dem Tätowierer – entwickelt wird. Tätowierer hatten schon immer eine Art therapeutische Funktion, weil sie in das tiefste Innere der Menschen blicken, etwas aus ihnen herausholen und es als Bild auf sie anbringen. Ein «Vision Tattoo» – ich spreche auch von einem verdichteten Ziel – kann aber helfen, mit sich selber ins Reine zu kommen.
Dafür müsste man seinen Körper nicht dauerhaft verändern. Man könnte auch einen Ring tragen.
Den Ring kann man verlieren.
Was erwartet die Leserinnen und Leser Ihres Buchs?
Das Buch zeigt auf, weshalb sich Menschen immer tätowieren liessen, wozu Tattoos dienten und welche Auswirkungen ihre Symbolik hatte – und auch heute noch hat. Es ist keine technische Anleitung und auch kein Bilderbuch mit vielen Motiven.
An wen richtet es sich?
An alle, die das Gefühl haben, dass hinter Tattoos mehr steckt als nur ein dekoratives Bild. An Menschen, die Ziele haben, die sie im Leben unbedingt erreichen möchten und diese mit einem Tattoo manifestieren wollen.
Tragen Sie selber auch ein «Vision Tattoo»?
Ja. Als ich das Konzept ausarbeitete und dafür noch gar keinen Namen hatte, liess ich mir eine Tätowierung mit diesem Hintergrund stechen. Dadurch ist dieses Buch überhaupt erst entstanden. Ich hätte zuvor nie für möglich gehalten, dass ich jemals ein Buch schreiben würde. Es kommt mir vor wie ein Traum und zeigt mir, dass mich das «Vision Tattoo» auch dazu getrieben hat. Das Buch ist allerdings nicht das Ziel meines «Vision Tattoos», sondern ein Begleiter auf dem Weg zu meinem Ziel.
Und was ist Ihr effektives Ziel?
Das verrate ich nicht. Es ist etwas ganz Persönliches – nur für mich. Das Tattoo selber ist durch die Symbolik ja auch verschlüsselt. Wäre mein Ziel für jedermann sichtbar, liesse ich die Energie des «Vision Tattoo» verpuffen.
Wie Tattoos Wünsche wahr werden lassen – das Buch
ch. Ein Symbol, das verbunden mit Schmerzen auf der Haut verewigt wird, kann Menschen beeinflussen und sie sogar an Ziele bringen, die jenseits des Erwartbaren liegen – davon ist der Sissacher Tätowierer Floyd Varesi (39) überzeugt. In seinem Buch «Vision Tattoo – Die Zukunft wird nicht geschrieben. Sie wird tätowiert.» beschreibt er das von ihm entwickelte Prinzip und untermalt es mit Beispielen aus der Kulturgeschichte und seinen Erfahrungen aus mehr als 20 Jahren Praxis mit Nadeln und Farbe.
Der Sohn und Geschäftspartner von Tätowierer-Legende und Henkermuseum-Direktor Guido Varesi ist zwar erst 39 Jahre alt, aber noch ein Tätowierer der alten Schule. Seine Klientinnen und Klienten zu beraten, ihr Motiv mit ihnen zusammen zu entwickeln oder ein mitgebrachtes zu verfeinern und es zu stechen, das ist sein Ding. Dieses aber sieht der Sissacher von der KI bedroht: Kundinnen und Kunden würden zu den Terminen immer öfter fixfertige, KI-generierte Motive mitbringen, um diese von ihm unter die Haut bringen zu lassen. Auch fürs Stechen könne die Entwicklung neuer Techniken den Beruf des Tätowierers überflüssig machen, befürchtet er.
Das Konzept «Vision Tattoo», das Floyd Varesi im kürzlich erschienenen Buch beschreibt, führt das künstlerisch geprägte Handwerk zurück zu dessen Wurzeln. Es sei eine «Einladung, das Tätowieren neu zu verstehen – als Werkzeug, das Realität prägen kann», wie der Autor festhält. Dazu ist der Tattoo-Künstler aus Fleisch und Blut unverzichtbar.
Das sparsam illustrierte Buch mit 230 Seiten ist im Eigenverlag erschienen und erhältlich bei «Amazon», beim «Tattoo Studio Varesi», in der Buchhandlung Pfaff in Sissach oder bei «Tattoo Needs» in Liestal.

