Der Regen begleicht keine Rechnungen
17.09.2026 PolitikAndrea Sulzer, Gemeindepräsidentin Waldenburg, Grüne
Kürzlich meldete sich unser Waldenburger Baumpfleger besorgt bei mir: Unsere riesigen Kiefern auf dem Friedhof – die Bäume, die alle kennen – sind krank. Hitze und nährstoffarme ...
Andrea Sulzer, Gemeindepräsidentin Waldenburg, Grüne
Kürzlich meldete sich unser Waldenburger Baumpfleger besorgt bei mir: Unsere riesigen Kiefern auf dem Friedhof – die Bäume, die alle kennen – sind krank. Hitze und nährstoffarme Böden haben ihnen zugesetzt. Der Alarm kam gerade noch rechtzeitig. Wir können die Kiefern unterstützen. Der Baumpfleger spritzt Mykorrhiza-Pilze in den Boden. Sie verbinden sich mit den Wurzeln und verbessern die Aufnahme von Wasser und Nährstoffen. Weitere Überraschungen wollen wir vermeiden. Deshalb hat der Gemeinderat beschlossen, ein Baumkataster anzulegen. Damit überwachen wir den Zustand der Bäume und handeln, bevor es zu spät ist. Gemäss Bund gehen Sommerniederschläge und Schneeschmelze weiter zurück. Die Trockenheitsjahre häufen sich.
Nun regnet es wieder. Wir atmen auf. Doch für Landwirtschaft und Wald ist der Sommer nicht vorbei. Die Sorgen sind sehr gross. Die Wiesen werden grün, aber auf den Bauernhöfen fehlt das Winterfutter. Der Regierungsrat beantragt bis zu 2 Millionen Franken für Überbrückungskredite. Doch ein zinsloses Darlehen muss zurück- bezahlt werden. Der Regen begleicht diese Rechnung nicht. Als Gemeindepräsidentin von Waldenburg weiss ich, wie hart um jeden Franken gerungen wird. Deshalb beschäftigt mich, was in unseren Rech- nungen nicht sichtbar ist: der Wert gesunder Böden, eines schützenden Waldes, einer Landschaft, die Wasser speichern kann. Wenn diese Grundlagen Schaden nehmen, landen die Kosten zuerst bei Bauernfamilien und Waldeigentümern.
Wie bei den Kiefern gibt es auch hier Lösungen. Im Projekt «Slow Water» erproben Betriebe und Gemeinden im Oberbaselbiet, wie Regenwasser länger im Boden bleibt – mit Versickerungsmulden, Hecken und bodenschonender Bewirtschaftung. Bauernverbände sind als Partner dabei. Auch im Wald müssen wir die nächste Generation vorbereiten: junge, hitzeresistente Bäume fördern, Böden schonen und Lebensräume erhalten. Dafür braucht es Forstleute und eine Finanzierung über das nächste Budgetjahr hinaus.
Wir müssen ausserdem sicherstellen, dass Bauern auch in trockenen Sommern Wasser haben und alle Gemeinden genug Trinkwasser. Dafür muss die kantonale Wasserstrategie konsequent umgesetzt werden. Schulen und Altersheime müssen isoliert werden. Und wir brauchen Lösungen gegen die Stromlücke, die über Atomkraftwerke hinausgehen. Es ist Zeit für eine Offensive der Erneuerbaren.
Ich gebe zu: Manchmal erfüllt mich angesichts des Klimawandels eine tiefe Nostalgie. Müssen wir uns verabschieden vom Schlitteln auf der Wasserfallen, vom Bräteln im Wald und von Sommernächten mit kühler Luft durchs Fenster? Die Vorstellung, dass unsere Enkel einmal in einer heissen, ausgetrockneten Landschaft leben werden, erfüllt mich mit Sorge. Wir sind in einer anderen Realität angekommen. Mich rüttelt sie auf, ich spüre, was wir verlieren.
Gleichzeitig bin ich voller Zuversicht. Wir müssen die Zukunft nicht einfach abwarten, wir können sie gestalten. Damit das Oberbaselbiet eine Heimat bleibt, in der wir alle gerne leben!
In der «Carte blanche» äussern sich Oberbaselbieter National- und Landratsmitglieder sowie Vertreterinnen und Vertreter der Gemeindebehörden zu einem selbst gewählten Thema.

