Der Philosoph im «Sternen»
05.06.2026 SissachGiray Kaplan ist Wirt, Model und tiefgründiger Denker
Seine Wurzeln liegen in Mesopotamien, er lebt nach christlichen Werten und vertraut auf geistige Führung. Als Gastronom hat Giray Kaplan Verantwortungsgefühl. Als Model will er nur noch Marken vertreten, hinter denen er ...
Giray Kaplan ist Wirt, Model und tiefgründiger Denker
Seine Wurzeln liegen in Mesopotamien, er lebt nach christlichen Werten und vertraut auf geistige Führung. Als Gastronom hat Giray Kaplan Verantwortungsgefühl. Als Model will er nur noch Marken vertreten, hinter denen er stehen kann.
Marianne Ingold
Dunkle Augen, markante Brauen, feingliedrige Hände, die zuvor langen Haare seit Anfang Mai kurz geschnitten und farblich etwas aufgefrischt: Giray Kaplan (45) ist ein gut aussehender Mann. Früher posierte er in eleganten Anzügen und Badehosen für Modekataloge, war im Finale für den Schweizer Coca-Cola-light-Mann und wurde für die Mister-Schweiz-Wahlen angefragt.
Damals war es sein grosser Traum, in der Modebranche bekannt zu werden. Als Teenager habe er via Satellitenschüssel die Modeschauen in Paris, Mailand und New York geschaut, erzählt er: «Ich kannte alle grossen Designer und eiferte ihnen nach.» Der klassische Berufsweg hätte über eine Schneiderlehre und die Kunstgewerbeschule geführt. Doch Kaplan merkte: «Auch als Model bekommt man einen Zugang zu dieser Welt.»
Mit 18 Jahren stiess er am Basler Claraplatz per Zufall auf ein Fotoshooting: Die Migros suchte junge Menschen für Modeaufnahmen. Er sei einfach hingestanden, erinnert sich Kaplan, und prompt für einen Katalog zur Eröffnung des «MParc» Dreispitz engagiert worden. So nahm seine Model-Tätigkeit ihren Anfang, die allerdings immer ein Nebenjob blieb.
Leben auf der Überholspur
Nach der Schule hatte Kaplan eine Versicherungslehre gemacht und arbeitete 12 Jahre in der Branche. «Ich war der beste Verkäufer in der Agentur», betont er. Nebenbei wandelte er mit 23 Jahren das Lampengeschäft seines Vaters in Basel zu einem Jeansladen um. 2005 eröffnete er zusammen mit seinem Bruder, der eine Lehre bei Lehmann Herrenmode in Lausen gemacht hatte, in der Basler Gerbergasse einen Laden «mit ausgeflippten Ausgangsklamotten».
In den 2000er-Jahren lebte Kaplan eine Weile auf der Überholspur. Tagsüber Versicherungsjob, daneben Laden, Modeln, Ausgang, Freundinnen, Alkohol: «Ich war ein Discofan und hatte so viel Energie, dass ich problemlos bis um 6 Uhr früh feiern konnte und um 9 Uhr mit Wodka intus im Fitnessstudio war.» Den Alkohol brauchte er irgendwann nicht mehr. Sport und positives Denken hätten ihm geholfen, seinen inneren Antrieb zu bewahren.
Mit dem grossen Ruhm in der Modewelt wollte es trotzdem nicht so recht klappen. «Ich traf auf Menschen, mit denen ich nicht im selben Boot sitzen wollte, und auf viel Überheblichkeit», erzählt Kaplan. Mitbewerber hätten «geellbögelt», vielen sei es nur ums Geld gegangen. Er habe sich zunehmend gefragt: «Welches Bild möchte ich abgeben? Will ich wirklich für etwas werben, hinter dem ich nicht stehen kann?» Auch mit Vorurteilen, Diskriminierung und Neid sei er konfrontiert worden.
Risiko Selbstständigkeit
Weil er trotz guter Leistungen von der Versicherung, für die er damals arbeitete, keine Unterstützung für eine Weiterbildung erhielt, beschloss Giray Kaplan 2008, sich selbstständig zu machen. Dank der Vermittlung eines Freundes und eines Kleinkredits konnte er das Restaurant Sternen in Sissach übernehmen, dessen Pächter er seither ist. Es habe ihn gereizt, einen Betrieb mit Angestellten auf die Beine zu stellen, sagt er. Das Zeug – und als früherer Kundenberater das Mundwerk – dazu habe er gehabt, aber nicht das nötige Vorwissen. «Ich sprang einfach ins kalte Wasser.»
Er startete mit vier Angestellten, doch bis ein Gästestamm aufgebaut war, dauerte es. In den ersten Jahren blieb der Umsatz unter den Erwartungen: «Es reichte hinten und vorne nicht und ich wurde betrieben», sagt Kaplan selbstkritisch. Weil der Betrieb jedoch immer besser lief, konnte er die Schulden aus der Startphase im Lauf der Jahre zurückzahlen.
Heute sind im Restaurant 8 Festangestellte und 2 Aushilfen beschäftigt. Der Chef kümmert sich um Personal, Einsatzplanung, Buchhaltung und Einkauf, hilft im Service, steht hinter dem Grill oder entwickelt neue Ideen. Als 2025 die WG aus der Wohnung über dem Restaurant auszog, machte er daraus ein Fonduestübli. Für die Sommersaison wurde der Gartenbereich des «Sternen» vergrössert und um die «Alte Metzg» erweitert. Dort werden einfachere Gerichte angeboten, darunter der Fasnachts-Renner Schnitzelbrot. Auch ein musikalisches Angebot ist geplant.
«Viele Menschen kommen hierher, um sich zu entspannen und ihre Sorgen und Belastungen zu vergessen», sagt Kaplan. «Da spielt nicht nur das Essen eine Rolle, sondern auch das Energetische. Als Gast will man Wärme spüren.» Seine Zielgruppe entspricht dem, was er selber mag: «Die gute Mitte.» Er serviert keinen Wein für 300 Franken und schätzt auch Familien mit Kindern in seinem Lokal: «Ich behandle alle gleich. Das steht so in der Bibel und ist mir auch als Person sehr wichtig.»
Spirituelle Überzeugung
Seine spirituelle Überzeugung spielt für Kaplan seit seiner Kindheit eine zentrale Rolle: «Ich habe mich immer schon mit Gott und der Welt befasst und nach dem Warum und Wieso gefragt.» Sein Leben versteht er als Prozess der Weiterentwicklung, in dem seelisch-geistige Fragen zu verstehen und zu lösen sind. Zur Unterstützung konsultiert er «Meister» wie Rudolf Steiner, Sigmund Freud, Erich Fromm oder C. G. Jung. Sein Ziel sei es, am Ende des Lebens erfüllt zu sein.
Giray Kaplan wurde 1981 geboren und kam 1989 mit seiner Mutter und seinem Bruder in die Schweiz. Sein Vater hatte als Elektriker im Irak und in Libyen gearbeitet und war von dort über Frankreich nach Basel gekommen. Zu seiner Herkunft sagt Kaplan: «Ich komme aus Mesopotamien, aus dem Zweistromland.» Er wurde im türkischen Teil geboren, spricht auch Persisch und hat herausgefunden, dass in seinen Genen die ganze Vielfalt der Kulturregion vertreten ist: «Ich habe auch russische, mongolische, hebräische, ägyptische und indische Anteile.»
Er sei froh, in Sissach einen Boden erhalten zu haben und akzeptiert zu werden. «Weil ich geistig geführt werde, ist es für mich klar, dass es so kommen musste», sagt Giray Kaplan, mittlerweile Vater von zwei Kindern. Vielleicht ist es kein Zufall, dass er im «Sternen» wirtet, auf dessen Schild der fünfzackige Stern abgebildet ist: das mesopotamische Symbol für «Gottheit» und den Kreislauf des Lebens.
Was nicht ist …
Als Person und als Gastronom sei er nun so weit, dass es passe, sagt Giray Kaplan. Dass er in der Modewelt keine steile Karriere hingelegt hat wie etwa sein ehemaliger Model-Kollege, der Liestaler Yannik Zamboni, frustriert ihn nicht: «Ich verstehe das so, dass ich vor gewissen Dingen verschont blieb. Das war nicht Gottes Wille für mich.» In einer Schachtel mit Erinnerungsstücken liegen kreuz und quer Modekataloge, Fotobücher und DVDs – so, als hätte ihr Inhalt etwas an Bedeutung verloren.
Giray Kaplan ist immer noch bei einer Modelagentur eingetragen und erhält Anfragen als Statist oder für kleinere Rollen als Schauspieler. «Ich bin aber noch nicht dort, wo ich sein möchte.» Er interessiert sich für die Philosophie hinter einer Marke und den Nutzen eines Produkts. «Wenn Sachen kommen, die zu dem passen, wofür ich stehe, dann mache ich sie.» Statt Model möchte er lieber ein «Modell» mit einer Vorbildwirkung sein, die über das Materielle hinausgeht. Früher habe er sich oft gefragt, warum etwas nicht geklappt habe, doch: «In vielen Biografien konnte ich sehen, dass Menschen erst mit 60 Erfolg hatten, mit 70 berühmt wurden oder ihre Bilder sogar erst nach ihrem Tod verkauft wurden.»


