Der Nachtclub-Pilot geht in Pension
04.09.2026 SchweizRalph Wicki über seine Ängste, eine Lebenskrise und die Nähe zu seiner Hörerschaft
Alles bleibt anders: Etwa so könnte eine Biografie über Ralph Wicki betitelt sein. Er hat schon so manche Umbrüche erlebt. Heute ist der beliebte «Nachtclub»- ...
Ralph Wicki über seine Ängste, eine Lebenskrise und die Nähe zu seiner Hörerschaft
Alles bleibt anders: Etwa so könnte eine Biografie über Ralph Wicki betitelt sein. Er hat schon so manche Umbrüche erlebt. Heute ist der beliebte «Nachtclub»- Moderator mit sich im Reinen. Und er geht in Pension.
Robert Bösiger
Lokaltermin in Zürich Leutschenbach. Der, der da mit wehenden Haaren und Rucksack auf dem Rücken zum Empfang beim Fernsehstudio anrauscht, ist Ralph Wicki, «Mister Nachtclub» auf Radio SRF 1. Die Harley-Davidson hat er längst gegen einen E-Scooter eingetauscht. Immer dienstags bis donnerstags begleitet er von 21 Uhr bis Mitternacht die Hörerschaft, stellt ein Thema zur Diskussion und plaudert mit Hörerinnen und Hörern.
Zu diesem Zweck zieht er sich ins Studio vors Mikrofon zurück, dämmt das Studiolicht und begnügt sich mit seinem Nachttisch-Lämpli; nur sein «Lämmli», ein Plüschtier, leistet ihm Gesellschaft. «Ich brauche diese Atmosphäre», sagt Wicki, «denn ich möchte fokussiert sein auf die Menschen, die in die Sendung anrufen oder schreiben.»
Nein, das «Lämmli» habe er heute ausnahmsweise nicht dabei, gesteht Ralph Wicki. Stunden nach unserem Treffen wird er im «Nachtclub» die Hörer auffordern, sich zur Frage zu äussern, wie man Frieden machen könne – «nicht auf dem Bürgenstock, sondern im kleinen und persönlichen Umfeld».
«Ich war ein Träumer»
Wir sitzen im TV-Personalrestaurant und unterhalten uns. Ralph Wicki, geboren Ende August 1961, wächst zusammen mit zwei Brüdern in einem streng katholischen Umfeld auf. Seine Kindheit und Jugend seien schwierig gewesen, sagt er. «Ich habe mich ständig beweisen müssen – auch in Dingen, die ich nicht gemocht habe.» Er musste Blockflöte lernen und Gedichte auswendig lernen. «Ich war ein Träumer, war fasziniert von vielem und konnte das Gras wachsen hören – und ich hatte oft Angst.»
Weil er «ein Schwächling» war und oft von Gleichaltrigen verdroschen wurde, wollte er Boxer werden. Im Schulturnen beim Einstehen der Grösse nach sei er der Drittletzte gewesen, noch vor zwei kleineren Mädchen. Deshalb, sagt Ralph Wicki, sei er auch mehr mit Mädchen zusammen gewesen als mit Geschlechtsgenossen. «Ich habe sicher früher und besser geküsst als gerechnet – auch als meine Kollegen, die dafür besser rechnen konnten.»
Mit dem Älterwerden treten statt einer Karriere als Boxer andere Berufswünsche in den Vordergrund: Veterinär, danach Bundesrat und Pilot. Als auch der Traum vom Piloten platzt, weil er farbenblind ist, will er nur noch eines – «überleben nämlich». Ralph Wicki kommt in die Oberschule und in die Sekundarschule. Die anstehende KV-Lehre macht ihn ebenfalls nicht glücklich. Bis er die holländische Familie, bei der er sich als Babysitter verdingt, nach Kenia begleiten darf. «Dort, in Mombasa, habe ich das ganze Elend dieser Welt zum ersten Mal gesehen: arme Menschen, Tote auf den Strassen, ganz schlimme Zustände.» Nun möchte Ralph lieber Arzt werden, statt das KV zu beginnen. «Ich wollte unbedingt helfen …» Doch ohne Matur?
Radiovirus und Midlife-Krise
Medizinstudium mit Abbruch, Medienwissenschaften und Politologie. Beim Absolvieren eines Praktikums beim Lokalsender Extra-BE erliegt er dem Radiovirus: Er wird dort Redaktionsleiter, bewirbt sich erfolglos bei DRS 3, leitet sechs Jahre Radio 32, steigt bei Radio Pilatus ein und wenig später bei Radio 105, dem ersten Jugendradio, heute my105. Vom Jugendradio wechselt er 2001 zum Erwachsenensender DRS 1, wo er Musikchef wird. Nach fünf Jahren verlässt er DRS, um mit anderen das Musiklabel Suonix zu gründen, wo unter anderem Othella Dallas, Nils Althaus und Eliana Burki betreut werden.
Mit 50 kommt die grosse Lebenskrise. Ralph Wicki erinnert sich: «Ich hatte genug von allem und spielte mit dem Gedanken, dem Leben selbstbestimmt ein Ende zu setzen. Doch dann stand ich an meinem 50. Geburtstag morgens um sechs auf dem Balkon, erfreute mich an dem wunderbaren Sonnenaufgang und sinnierte. Entweder hatte ich Schiss oder ich war zu wenig verrückt, den Steppenwolf zu geben. Vermutlich weil ich die Sonne liebe, habe ich diesen Tag überlebt.»
Tage darauf erscheint ein Inserat von SRF 1, in dem ein Nachtmoderator gesucht wird. Ralph Wicki bewirbt sich, darf vorsprechen und erhält eine Absage mit der Begründung, man habe schon jemanden. Doch drei Monate später erhält er einen Anruf, ob er noch Interesse habe.
Er hat. Seither ist der Mann mit Luzerner Wurzeln, tätowierten Armen, «Schöfli» und E-Scooter der Liebling vieler Hörerinnen und Hörer, die abends lieber Radio hören, als ihre Zeit auf Social-Media-Kanälen zu verbringen. Dass er mit seiner sanften und tiefenentspannten Stimme insbesondere die weibliche Hörerschaft anspricht, mag er nicht abstreiten. Dies belegen die Anrufe während der Sendung und die zahlreichen Zuschriften und Liebesbotschaften, die er erhält. Solche Zuschriften seien zwar schön, aber: «Es gibt sicher ein Dutzend Leute, die mich seit Jahren mit Briefen und Nachrichten zudecken – Menschen, die einfach nicht akzeptieren wollen, dass ich nicht zu vereinnahmen bin.»
Es gibt natürlich auch Männer, die ins Studio anrufen, je nachdem, welche Diskussionsfrage Wicki vorlegt. Manche zeigen sich allerdings irritiert, wenn ihre Frauen ihm schreiben und telefonieren. So sei er in der Hörerschaft nicht nur geliebt, sondern auch verhasst. Er habe auch schon einen «Hater» anzeigen müssen, der ihn aufs Übelste verunglimpft und beleidigt habe.
«Weshalb schütten Ihnen viele Hörerinnen und Hörer ihr Herz aus?» – «Es hat damit zu tun, dass ich mich interessiert zeige den Menschen gegenüber. Und dass auch ich bereit bin, von mir zu erzählen, mich zu öffnen. Ich bringe mich ein, leide buchstäblich mit. Es stellen sich mir die Nackenhaare, ich bin traurig und mir fehlen zuweilen die Worte.»
Nach der Sendung, die um Mitternacht endet, bleibt Ralph Wicki meistens noch etwas im leeren Radiostudio und beantwortet Mails. Erst dann verräumt er die Nachttischlampe, packt sein «Schöfli» ein, schnappt sich den Scooter und fährt entspannt nach Hause. Woher nimmt er die Energie und Gelassenheit, um sich dreimal wöchentlich diesem aufreibenden Job auszusetzen? «Es ist umgekehrt», erklärt Wicki, «ich nehme die Energie während der Sendung auf.»
Im Reinen mit sich
Auftanken kann Ralph Wicki auch, wenn er wieder auf «seiner» kleinen Insel in Thailand ist. Da gebe es acht verlotterte Bungalows, von denen er jeweils einen bewohnt. «Häufig bin ich da völlig alleine wie Robinson auf der Insel.»
Das Älterwerden fällt ihm nicht schwer. Er gehe entspannt damit um und meine zu wissen, dass es irgendwo jemanden gebe, der es gut mit ihm meine, was seine Gesundheit anbelangt. Und: «Ich lebe bewusst. Ich habe das Gefühl, ich hätte schon fünf Leben gehabt, und ich bin dankbar, was ich alles erleben darf. Weshalb also sollte ich mir Gedanken machen über das Alter und den Tod?» Ralph Wicki ist mit sich im Reinen. Ist er glücklich? Die Frage, die er seinen Gesprächspartnern oft am Radio stellt, kann er für sich mit einem klaren Ja beantworten.

