Der Mann der Berge
07.07.2026 Ormalingen, Anwil
Atelierbesuch beim Kunstmaler Fredy Schaffner#
Ein Leben lang begleiteten Fredy Schaffner zwei grosse Leidenschaften: das Fliegen und das Malen. Das Fliegen als ehemaliger Kapitän der Swissair und das Malen vorwiegend von Bergen. Dafür brauche es vor allem Leidenschaft und ...
Atelierbesuch beim Kunstmaler Fredy Schaffner#
Ein Leben lang begleiteten Fredy Schaffner zwei grosse Leidenschaften: das Fliegen und das Malen. Das Fliegen als ehemaliger Kapitän der Swissair und das Malen vorwiegend von Bergen. Dafür brauche es vor allem Leidenschaft und «Gschpüri».
Heiner Oberer
Wir haben es uns auf dem etwas in die Jahre gekommenen Ledersofa im lichtdurchfluteten Atelier im Gewerbehaus Langmatt in Ormalingen bequem gemacht. Die Wände sind reich bestückt mit Bildern. Ein Zeugnis des emsigen Schaffens von Kunstmaler Fredy Schaffner aus Anwil. Leise dringt der Strassenlärm ins Atelier, das eine urige Gemütlichkeit ausstrahlt. Auf der Staffelei thront das neueste Werk von Schaffner – die Sissacher Fluh. Berge, in diesem Fall eine Fluh, sind ein immer wiederkehrendes Sujet im malerischen Schaffen des Anwiler Künstlers.
Fredy Schaffner (70) ist zusammen mit einem älteren Bruder und einer jüngeren Schwester in Sissach aufgewachsen. Schon als Bub sei klar gewesen, dass er Pilot wird. «Das erste, was ich als kleiner Bube schreiben konnte, war nicht ‹Fredy Schaffner›, sondern der Name eines amerikanischen Astronauten: John Glenn.» Zusammen mit seinem Bruder Ruedi und den Eltern seien sie an den Sonntagen entweder zum Flughafen Blotzheim im Elsass, so hiess der Euro-Airport Basel damals, oder nach Zürich gepilgert. Unvergessliche Eindrücke habe er mit nach Hause genommen, sagt er.
Segelflugausbildung mit 16
Nach der Primarschule und dem Progymnasium besucht er das Gymnasium in Liestal, wo er sich für eine musischkünstlerisch orientierte Matur entscheidet. Beim Eintritt nach seinem Berufswunsch befragt, antwortet der Jugendliche, er werde Swissair-Pilot. Ein paar wenige Mitschüler lachten und machten sich wegen des vermeintlich unrealistischen Berufswunschs lustig über ihn.
Er liess sich nicht beirren: Mit 16 Jahren begann er die Segelflugausbildung und fuhr dafür mit dem «Töffli» wann immer möglich nach Schupfart auf den Flugplatz. Anschliessend bewarb er sich für die fliegerische Vorschulung. Immer mit dem Hintergedanken, bei der Swissair einzusteigen.
Nach zahlreichen herausfordernden Prüfungen und Kursen war es geschafft: Schaffner war einer der wenigen, die bestanden haben.
Wenn Fredy Schaffner spricht, bricht immer wieder Begeisterung und Leidenschaft, aber auch Empathie durch. Begeisterung und Leidenschaft für das, was er in den vergangenen 70 Jahren erfahren durfte. Empathie für jene, die ihm ermöglicht haben, sein Leben so zu gestalten. Allen voran seine Ehefrau Doris, die alle Höhen, aber auch Tiefen mit ihm durchgestanden hat. So zieht sich die Leidenschaft für Neues wie ein roter Faden durch Schaffners Leben. Neben aller Begeisterung für das Fliegen war ihm aber auch schon früh klar, dass er zuerst eine Berufsausbildung machen muss, bevor er sich auf das Wagnis Swissair-Pilot einlässt.
Van-Gogh-Buch mit 14 Jahren
Schaffner wählt seine Worte mit Bedacht. «Ich bin immer parallel gefahren», sagt er. Auf der einen Seite die Leidenschaft für das Fliegen, auf der anderen die Begeisterung für das Malen. Sein erstes Buch, das er mit 14 Jahren mit angespartem Taschengeld kaufte, war ein Oeuvre über den Maler Vincent van Gogh. «Ich war begeistert vom Farbenspiel und der Intensität seiner Werke», erinnert er sich. Er begann sich schon in jungen Jahren mit Aquarell, Radierung und Holzdruck zu beschäftigen. Da ihn die Kunst aber kaum satt machen würde, hiess es für ihn, beruflich Farbe zu bekennen.
Nach der Matura war er für kurze Zeit bei einem Architekturbüro angestellt. Anschliessend folgte der Militärdienst. Nach dem Militär absolvierte er das zweijährige Lehrerseminar, dann ein Jahr als Lehrer an der Berufswahlschule in Birsfelden. Um Berufserfahrung zu sammeln, wie er sagt: «Erst für die Zeit danach habe ich mich bei der Swissair beworben.»
Nach einem halben Jahr, Schaffner war immer noch als Lehrer angestellt, schaffte er das Selektionsverfahren bei der Swissair und bekam die Nachricht, dass man ihn gerne einstellen würde: «Ich war überglücklich. Jetzt bin ich drin. Ich beschied der Swissair aber, ich möchte mein Jahr als Lehrer beenden.»
Im Frühling 1980 begann er mit der zweijährigen Pilotenausbildung. Es folgten erste Flüge als Co-Pilot auf der Douglas DC-9 Kurz- und Mittelstrecken.
Sein Weg ging so über 35 Jahre weiter mit verschiedensten Flugzeugtypen, viele Jahre davon auf Langstrecke rund um die Welt. Er wurde bald Flugkapitän und Ausbildner. Für ihn kamen so die verschiedenen interessanten Aspekte zusammen: Lehrer, die Freude am Ausbilden und den Menschen zu helfen, ihren Weg zu finden – und das Fliegerische, das ihn schon von klein auf immer begeistert hat.
Ruedi Pfirter als wichtiger Freund
Parallel dazu hat sich Schaffner immer wieder dem Malen gewidmet. Schon in jungen Jahren habe er sich gerne künstlerisch betätigt. Im Lehrerseminar machte er die Bekanntschaft von Ruedi Pfirter, Holzschneider, Maler und Metallplastiker aus Hölstein. «Er ist heute noch ein väterlicher Freund. Wir tauschen unsere Bilder zur gegenseitigen Begutachtung aus.» Pfirter sei bei der Taxierung seiner Werke gnadenlos, so Schaffner, im Positiven wie im Negativen. Aber der Austausch sei gegenseitig sehr befruchtend.
Im Jahr 2008 wagte sich der Anwiler an die Ölmalerei, «die hohe Schule». Er besuchte einen Kurs, der ihm ausser dem Wissen, wie man Pinsel auswäscht, und dem Gebrauch der richtigen Leinwand nicht viel gebracht habe. Dennoch war es der Start für einen neuen Abschnitt in seinem künstlerischen Schaffen: die Landschaftsund Bergmalerei. Wieder spielte ihm der Zufall in die Karten. Nach zirka 15 Bildern wurde eine Künstlerin auf seine Werke aufmerksam. Sie vermittelte ihn an einen Galeristen in Davos. Der Galerist, der die Bilder bei einem Treffen kritisch begutachtete, zeigte sich begeistert und schloss sofort einen Vertrag mit Schaffner ab. «Bis dahin war es als unbekannter Künstler das höchste der Gefühle, ein, zwei Bilder in einer Kantine auszustellen, und jetzt war ich plötzlich im erlauchten Kreis etablierter Künstlerinnen und Künstler.» Bald meldete sich ein Künstler aus St. Gallen, der dem Baselbieter empfahl, Mitglied in der Gilde der Schweizer Bergmaler zu werden. Nach kurzer Bedenkzeit bewarb sich Fredy Schaffner und wurde kurz darauf aufgenommen.
Schaffner ist immer schon von den Bergen begeistert gewesen. Berge sind für ihn Persönlichkeiten. «Nicht einfach nur ein Schutthaufen», betont er. Berge hätten Ausstrahlung und Wirkung. «Berge geben mir einen Bezug und vermitteln mir Heimatgefühl.» Beim Wandern mit seiner Ehefrau hat Schaffner immer Bleistift, Pinsel und Farbe dabei. «Ich setze mich hin und beginne zu malen, bis das Bild fertig ist. Meine Frau legt sich derweil in die Sonne, liest oder geniesst die Aussicht.» Aber nicht nur die Berge faszinieren Schaffner. Auch Sujets mit Feuer («Chienbääsenumzuug») oder Wasser bringt er auf die Leinwand. Alles aus der Freude heraus. Ohne sich auf ein einziges Thema zu versteifen.
Ebenso wichtig ist ihm der Kontakt mit anderen Menschen. Wie zum Beispiel vor acht Jahren auf einem Pilgerweg nach Rom, für ihn eine Wanderung ohne relevant religiösen Hintergrund. In einer Trattoria in Buonconvento (Toskana) traf er zwei ältere Männer bei einem Glas Rotwein an. Woher er komme, fragt der eine. Er laufe durch Italien, mit dem Ziel Rom, antwortet Schaffner. Was er denn suche? Wovor er davon renne? «Genau diese Fragen sind der Link zum Malen. Ich suche nichts. Ich renne vor nichts davon. Malen bedeutet für mich der Ort, worin ich mich bewegen kann. Der mir Freude und Befriedigung gibt.» Er habe das Glück, ein harmonisches und erfülltes Leben zu führen. «Familie ist mir sehr wichtig. Ich bin seit 40 Jahren glücklich verheiratet. Habe zwei Kinder und ein Grosskind. Wir sind die glücklichsten Grosseltern.»
Leidenschaft und «Gschpüri»
«Unser Haus ist unser Daheim und Anwil mit all seinen wunderbaren Leuten ist mein Zentrum», sagt Schaffner. Das erklärt auch sein Engagement als Gemeinderat an seinem Wohnort in den Jahren 1992 bis 1996, in der Schulpflege und während zehn Jahren als treibende Kraft in der Kulturkommission.
Schaffner ist eine bestimmte, klare Person. «Ich fühle mich wohl in einem Team, wo klare Abmachungen über Ziele und Rollen bestehen. Wie man miteinander umgeht. Wie man was erreichen will.» Strukturiert ja, sagt er, aber nicht schematisch. «Ich persönlich habe schon meine Struktur im Denken und in meinen Absichten, aber brauche sie nicht zwingend, weil ich auch gerne emotional und intuitiv entscheide und reagiere. Nur, Intuition als Basis reicht allein nicht. Was es braucht, ist Lebenserfahrung, Leidenschaft und ‹Gschpüri›.» Beim Fliegen, beim Malen und im Leben.
Fredy Schaffner wird am Nischenmarkt vom 22. und 23. August im renovierten Pfarrhaus in Sissach ausstellen.


