Der letzte Vorhang ist gefallen
01.09.2026 SissachW. Grieder AG: Von der Rosshaar- zur Gesundheitsmatratze
Ende August war Schluss. Die Sissacher W. Grieder AG hat ihre mehr als 100-jährige Geschäftstätigkeit eingestellt. Trotz intensiver Bemühungen um eine zukunftsweisende Nachfolgeregelung mussten die ...
W. Grieder AG: Von der Rosshaar- zur Gesundheitsmatratze
Ende August war Schluss. Die Sissacher W. Grieder AG hat ihre mehr als 100-jährige Geschäftstätigkeit eingestellt. Trotz intensiver Bemühungen um eine zukunftsweisende Nachfolgeregelung mussten die Geschäftsinhaber ihre Geschäftstätigkeit aufgeben.
Heiner Oberer
Umgeben von farbigen Kissen und Bettanzügen sitzen die Geschäftsinhaber der W. Grieder AG: Therese Häfelfinger-Grieder und Werner Grieder. Sie ist gelernte Innendekorationsnäherin, Wohnberaterin und zuständig für die administrativen Belange der Firma und ihr Bruder Werner gelernter Innendekorateur und Bodenleger. Therese Häfelfinger-Grieder, ausgerüstet mit einem Ordner mit fein säuberlich abgelegten Dokumenten zum über 100-jährigen Sissacher Traditionsunternehmen, sagt: «Natürlich hätten wir eine passende Nachfolgelösung begrüsst. Leider ist daraus nichts geworden.» Man spürt die leichte Wehmut, die bei den Worten mitschwingt. Ihr Bruder Werner nickt und ergänzt: «Es wird immer schwieriger, geeignete Unternehmer und Handwerker zu finden.»
Als sich die «Volksstimme» mit den beiden getroffen hat, war noch nicht ganz Schluss: Das Telefon klingelt. Werner Grieder eilt zum Apparat. Wieder zurück am Tisch sieht man ihm an, dass er noch immer in seiner «Geschäftswelt» lebt. «Richtig», sagt er, «ich arbeite gerne, und die Arbeit macht mir Freude.» Schliesslich seien Bodenbeläge, Vorhänge und Bettwaren wichtige Komponenten, die das Wohnen schöner machen, und er fügt mit einem schelmischen Lächeln an: «Der Hauptzweig des Familienunternehmens liegt buchstäblich am Boden.
Nicht finanziell gesehen, sondern in Form von Bodenbelägen – Teppiche, Vinyl, Kautschuk, Linoleum, Kork, Parkett oder Laminat.» Seine Schwester nickt: «Was gibt es Schöneres, als eine Wohnung oder ein Haus in einen Wohlfühlort zu verwandeln?»
Tornister für die Armee
Angefangen hat alles mit dem Sattler und Tapezierer Gottlieb Grieder, der in Eptingen in seiner bescheidenen Werkstatt unter anderem Aufträge für Tornister, Rucksäcke und Kummet für die Schweizer Armee ausführt. Zudem ist er bekannt für das Auffrischen von Rosshaar-Matratzen. Arbeiten, die viel Geschick und Handarbeit erfordern. Den beiden Söhnen Paul und Walter, welche die kaufmännische Fähigkeit, charakterliche Eignung und den Durchhaltewillen vom Vater geerbt haben, ist das Geschäft mit Rosshaaren mit der Zeit aber nicht mehr genug. Sie erweitern die Geschäftstätigkeiten mit dem Verlegen von Bodenbelägen. Zudem nehmen sie Bettwaren und Vorhänge ins Sortiment auf. Ein geschickter Zug, gewinnen sie doch so immer mehr weibliche Kunden.
Im Jahr 1957 entsteht die Kollektivgesellschaft G. Grieder und Söhne – Paul und Walter, der Vater von Therese und Werner Grieder. Mit dem erweiterten Sortiment wird der Platz in der Werkstatt in Eptingen langsam knapp. Nach reiflichen Überlegungen entschliessen sich die Verantwortlichen der «G. Grieder und Söhne» für eine Neueröffnung im zentraler gelegenen Sissach.
An der Hauptstrasse 1 hinter dem «Chrüzmattmärt» (siehe Kasten) finden sie im Jahr 1977 schliesslich die passende Lokalität und eröffnen einen Laden. Neben einer grossen Auswahl von Teppichen, Bodenbelägen aus Linoleum, Kork, Novilon oder Parkett, investieren die Grieders viel Zeit und Aufwand in die Kundenberatung. «Beratung mit Hausbesuchen hat den Kunden den Entscheid erleichtert und es ist eine persönliche Kundenbindung entstanden», sagt Therese Häfelfinger-Grieder.
Parkettausstellung unterm Dach
Im Jahr 1990 wird wieder umstrukturiert und es entsteht die «Aktiengesellschaft W. Grieder». Ab da führen Werner Grieder, Therese Häfelfinger-Grieder und ihr Ehemann Stefan zusammen mit fünf Angestellten das Zepter. 2012 erfolgt eine Ladenerweiterung mit Parkettausstellung auf über 200 Quadratmetern im ausgebauten Dachstock. Vier Jahre später wird der Laden umgebaut. «Bei über 90 Prozent unserer Kunden kommt es zu einem Abschluss», sagt die Mitinhaberin. Obwohl etwas abgelegen und trotz fehlender Laufkundschaft hätten sie einen treuen Kundenstamm aufbauen können. Von Vorteil seien sicher auch die zahlreichen Parkplätze in unmittelbarer Nähe des Geschäfts gewesen.
«Trotz teilweise erdrückender Konkurrenz konnten wir als Familienunternehmen über 106 Jahre bestehen», sagt Werner Grieder mit spürbarer Genugtuung in der Stimme. Jetzt werde das Ganze noch sauber zu Ende gebracht und dann sei Schluss damit, «auf den Knien auf dem Boden herumzurutschen», sagt der Bodenleger. Er freue sich auf vermehrte Ausfahrten mit dem Bike und wolle sich seinen weiteren Hobbys widmen.
Seine Schwester hat ihrem Bruder interessiert zugehört. Auf die Frage, wie sie in Zukunft ihre neue Freiheit zu geniessen gedenkt, schweigt sie lange. Man spürt, dass sie sich noch nicht aus dem Berufsleben verabschiedet hat. Doch freut sie sich, vermehrt Zeit mit der Familie und Freunden zu verbringen.
Die Militärbaracke
hob. Wo heute Kissen, Teppiche oder Bodenbeläge im Angebot sind, hausten früher Soldaten. Susanne Nebiker, Geschäftsleiterin der Nebiker AG in Sissach, in deren Besitz der «Chrüzmattmärt» an der Hauptstrasse 1 in Sissach ist, erinnert sich: «Im Jahr 1938 wird die Firma Nebiker als Einzelfirma in Pratteln gegründet. Drei Jahre später folgt der Kauf des Areals in der Kreuzmatt in Sissach. Im gleichen Jahr entsteht das untere Lagerhaus auf dem Land der SBB aus der Konkursmasse von Vögtli-Rieder. 1947 erfolgt der Bau des mittleren Lagerhauses, wo jetzt die W. Grieder AG zur Miete ist.
Mein Grossvater mit guten Beziehungen zum Militär erwirbt im Jahr 1947 für 14 000 Franken eine ausgediente Militärbaracke auf dem Sörenberg. Die Baracke wird kurzerhand abgebaut und mit dem Lastwagen nach Sissach verfrachtet. Dort wird sie wieder aufgebaut und dient anfänglich als Mühle und Absackerei (Betriebsbereich in Mühlen, in dem Schüttgüter wie Getreide oder Futtermittel manuell in Säcke abgefüllt werden). Später und bis zur Übernahme durch die Firma G. Grieder AG im Jahre 1977 wird die ehemalige Militärbaracke als Pflichtlager und Lagerschuppen benutzt.»




