Der letzte Heuballen zählt
24.07.2026 ReigoldswilFuttermangel setzt Bauernfamilie unter Druck
Die anhaltende Trockenheit bringt Bauernfamilien zunehmend in Bedrängnis. Auf dem Grienhof in Reigoldswil wird bereits Winterfutter verfüttert und Heu zugekauft. Der Oberbaselbieter Betrieb ist kein Einzelfall.
Melanie ...
Futtermangel setzt Bauernfamilie unter Druck
Die anhaltende Trockenheit bringt Bauernfamilien zunehmend in Bedrängnis. Auf dem Grienhof in Reigoldswil wird bereits Winterfutter verfüttert und Heu zugekauft. Der Oberbaselbieter Betrieb ist kein Einzelfall.
Melanie Frei
Die Wiesen rund um den Grienhof oberhalb von Reigoldswil sind braun. Wo um diese Jahreszeit normalerweise frisches Gras wächst, knirscht der trockene Boden unter den Füssen. Für Sandra und Philipp Rosset ist das mehr als ein ungewohntes Sommerbild: Ihre 30 Milchkühe fressen bereits das Heu, das eigentlich für den Winter bestimmt war.
«Als Bauer ist man gewohnt, seine Probleme selber zu lösen», sagt Sandra Rosset. Umso schwerer sei ihr der Entscheid gefallen, gemeinsam mit ihrem Mann ein Crowdfunding zu lancieren. Das ursprünglich gesetzte Spendenziel von 3500 Franken war innert kurzer Zeit erreicht. Bis Redaktionsschluss waren über die Spendenplattform GoFundMe knapp 10 000 Franken von den neu angestrebten 20 000 Franken zusammengekommen. Jede Unterstützung sei eine grosse Hilfe, so Rosset. Über die Spendensammlung hatte zunächst das «Regionaljournal Basel/ Baselland» von Radio SRF berichtet.
Der Grienhof wird nach den Richtlinien von «Bio Suisse» bewirtschaftet. Normalerweise stammt das Futter für die Tiere weitgehend vom eigenen Betrieb. Nun bleibt der Familie nichts anderes übrig, als Heu zuzukaufen. Um über den Winter zu kommen, rechnet sie mit mindestens zwei Sattelschleppern voll Heu, im schlimmsten Fall sogar mit drei. Die zusätzlichen Kosten belaufen sich auf rund 30 000 Franken.
Wie Sandra Rosset bereits gegenüber SRF schilderte, erschwerte der ungewöhnlich nasse Mai zunächst die Heuernte. Danach setzte die lang anhaltende Trockenheit den Wiesen zu, sodass kaum mehr Gras nachwuchs.
Kein Einzelfall
Mit ihrer Situation steht die Familie Rosset nicht allein da. «Die Familie Rosset ist kein Einzelfall. Viele Regionen in der ganzen Schweiz berichten von ähnlichen Entwicklungen», sagt Marc Brodbeck, Präsident des Bauernverbands beider Basel und Vorstandsmitglied des Schweizer Bauernverbands.
Noch gelange Futter auf den Markt. Die eigentliche Herausforderung sei die Finanzierung. «Alles, was man nicht selber produzieren kann, muss eingekauft und bezahlt werden. Die Liquidität wird auf vielen Landwirtschaftsbetrieben zur Herausforderung.» Hinzu kommt: Das verfügbare Heu wird knapper. «Jetzt wird wirklich der letzte Heuballen verkauft», sagt Brodbeck. Teilweise würden Rekordpreise bezahlt. Deshalb müssten die Betriebe genau rechnen, ob sich ein Zukauf wirtschaftlich überhaupt lohne.
Tiere nicht auf einmal verkaufen
Wie die Zeitungen von «CH Media» berichten, werden wegen der Trockenheit im Kanton Bern bereits vermehrt Rinder und Kühe früher verkauft oder geschlachtet. Branchenvertreter warnen davor, aus Angst vor Futtermangel zu viele Tiere gleichzeitig auf den Markt zu bringen, weil dadurch die Preise zusätzlich unter Druck geraten könnten.
Ob sich eine ähnliche Entwicklung auch im Baselbiet abzeichnet, lasse sich derzeit noch nicht abschliessend sagen, erklärt Brodbeck. Sollte die Trockenheit jedoch anhalten, müssten auch hier einzelne Betriebe ihren Tierbestand überdenken. Entscheidend sei aber, dass Tiere gestaffelt verkauft würden. «Wir können nicht alles aufs Mal auf den Markt bringen. Sonst bricht der Preis zusammen.»
Auch auf dem Grienhof ist dieser Gedanke präsent. Sollte das Futter nicht reichen, müssten zuerst Tiere verkauft werden. Erst wenn sich dafür keine Lösung finde, käme eine Schlachtung infrage. Gerade dieser Gedanke fällt Sandra Rosset schwer. «Unsere Kinder wachsen mit den Kühen auf. Sie gehen mit ihnen spazieren.» Jede Kuh stamme aus der eigenen Nachzucht. «Das ist fast so, wie wenn man einen Hund oder eine Katze weggeben müsste.»
Noch gibt Marc Brodbeck nicht alle Hoffnung auf. Sollten Anfang August grössere Niederschläge einsetzen, könnten sich die Wiesen teilweise noch erholen. «Wir nehmen alles, was kommt», sagt er. Mit genügend Regen könne auf manchen Flächen nochmals Gras wachsen und der Griff ans Winterfutter teilweise vermieden werden. Bis dahin bleibt vielen Bauernfamilien nur eines: durchhalten. Und jeder Heuballen sorgfältig einteilen.
Auch der Tierpark braucht Heu
mef. Nicht nur Landwirtschaftsbetriebe leiden unter der anhaltenden Trockenheit. Auch im Tierpark Weihermätteli in Liestal wächst auf den Weiden kein Gras mehr. «Normalerweise beginnen wir erst im November mit dem Zufüttern von Heu – dieses Jahr mussten wir bereits im Juli damit anfangen», sagt Tierparkleiter Christian Klaus auf Anfrage. Betroffen sind unter anderem Schottische Hochlandrinder, Hirsche, Lamas, Geissen, Ponys, Esel und Schafe. Besonders ins Gewicht fällt, dass der zweite Schnitt – also die zweite Heuernte nach dem Nachwachsen des Grases – praktisch ausgefallen ist. Der Tierpark benötigt jährlich rund 1000 Kleinballen Heu und 45 grosse Silageballen. Etwa die Hälfte davon kann er normalerweise selbst produzieren, den Rest muss die privatrechtliche Stiftung zukaufen. Weil zudem kein Gras für Siloballen oder Heu wächst, verschärft sich die Situation zusätzlich. Auf ihrer Website ruft die Stiftung deshalb zu einer Spendenaktion auf: Mit 15 Franken kann symbolisch ein Heuballen finanziert werden. Auch über Facebook macht der Tierpark auf die Lage aufmerksam.
Der Tierpark ist kostenlos zugänglich und beherbergt 20 verschiedene Tierarten. Er wird seit 2013 von der Stiftung Tierpark Weihermätteli geführt. Neben eigenen Einnahmen durch die Angebote im Tierpark, der öffentlichen Hand, Sponsoren und Patenschaften ist die Stiftung auch auf weitere Spenden angewiesen.

