Der Künstler hinter den Fassaden des Kantonshauptorts
16.10.2026 SissachVor 75 Jahren starb der bekannte Künstler Otto Plattner
Otto Plattner hat das Stadtbild von Liestal nachhaltig geprägt. Unter anderem bemalte er das «Törli» und schuf Wandgemälde am Rathaus. Vor 75 Jahren starb der vielseitige Künstler, dessen Werke ...
Vor 75 Jahren starb der bekannte Künstler Otto Plattner
Otto Plattner hat das Stadtbild von Liestal nachhaltig geprägt. Unter anderem bemalte er das «Törli» und schuf Wandgemälde am Rathaus. Vor 75 Jahren starb der vielseitige Künstler, dessen Werke heute zunehmend in Vergessenheit geraten.
Stefan Hess
Wer heute durch die Altstadt von Liestal schlendert, begegnet fast auf Schritt und Tritt Spuren eines Mannes, der das Erscheinungsbild seiner Heimatstadt massgeblich beeinflusst hat: Otto Plattner. Der 1886 in Liestal geborene Künstler war Maler, Grafiker und Heraldiker. Waren seine Werke noch im späten 20. Jahrhundert bei Sammlern sehr geschätzt, scheint sich heute kaum mehr jemand für ihn zu interessieren.
Plattner wurde am 29. Juni 1886 in Liestal geboren. Er stammte aus einer alteingesessenen Kaufmannsfamilie, in der sich bis zu diesem Zeitpunkt keine künstlerischen Neigungen bemerkbar gemacht hatten. Aufgewachsen ist er an der Rathausstrasse 24, wo die Eltern ein Wollwarengeschäft führten. Als Otto Plattner nach beendeter Schulzeit den Wunsch äusserte, einen künstlerischen Beruf zu ergreifen, zeigte sein Vater dafür wenig Verständnis. Letztlich einigte man sich auf eine Lehre beim angesehenen Basler Dekorationsmaler Franz Baur. Während seiner Lehrzeit erhielt der angehende Künstler die Gelegenheit, bei Renovations- und Dekorationsarbeiten am damals erweiterten Basler Rathaus mitzuhelfen.
Nach weiterführenden Studien und Kursen in Genf, Paris und München eröffnete Otto Plattner 1912 in Basel ein eigenes Atelier. Im folgenden Jahr heiratete er Frida Lüdin aus der bekannten Liestaler Verlegerfamilie. Am 15. Juli 1914 kam die gemeinsame Tochter Stephanie, genannt Stefy, zur Welt. Zwei Wochen später brach der Erste Weltkrieg aus. In den folgenden vier Jahren wurde Plattner regelmässig als Infanterieoberleutnant zum Militär einberufen. Dies erschwerte es ihm, den Lebensunterhalt für seine junge Familie zu sichern, da damals noch kein Erwerbsausfallersatz existierte.
Die Nachkriegsjahre waren vor allem durch grafische Arbeiten geprägt, mit denen Plattner damals sein Haupteinkommen erzielte. Dazu gehörten neben Buch- und anderen Illustrationen auch Wahl- und Abstimmungsplakate, die er für die bürgerlichen Parteien gestaltete. Mit zum Teil drastischen zeichnerischen Mitteln bekämpfte er Vorlagen für eine Arbeitslosenversicherung, für den kommunalen Wohnungsbau und für eine Volkszahnklinik, und er beschimpfte die linken Parteien als «rotes Ungeziefer». Dies entsprach durchaus seinen eigenen politischen Überzeugungen, die vom bürgerlichen Elternhaus geprägt waren.
Bei seinen übrigen Plakaten bewies Plattner hingegen ein ausgeprägtes gestalterisches Talent. Ein Beispiel dafür ist das Plakat für das neue Schwimmbad in Liestal aus dem Jahr 1934. Mit seiner dynamischen Komposition bewies er, dass er neben der grob vereinfachenden Bildsprache auf den politischen Plakaten auch eine ansprechende, zeitgemässe Gestaltung beherrschte.
Baselbieter Wappen geändert
Wie andere Basler Künstler seiner Zeit betätigte sich Plattner ebenso als Laternenmaler, zuerst für die Lälli-Clique, dann für die Basler Mittwoch-Gesellschaft und in den 1930er-Jahren für die «Olympier». Dazu kamen gelegentliche Porträtaufträge und grafische Arbeiten für den privaten Gebrauch. Ein weiteres Arbeitsfeld waren Entwürfe für Glasmalereien, Keramikornamentik, Fahnen und Kostüme sowie für Familien- und später auch für Gemeindewappen. Gerade als Heraldiker leistete Plattner wichtige Beiträge. So vereinfachte er im Jahr 1947 das Wappen des Kantons Baselland, indem er die gotischen Verzierungen am Bischofsstab durch Punkte ersetzte.
Dank seiner Erfahrungen während seiner Lehrzeit wurde Plattner immer wieder für die Renovierung und Neugestaltung von Wandgemälden herangezogen. Bereits 1908 durfte er im Auftrag seines Lehrmeisters Franz Baur die Wandgemälde im Beinhaus der Kirche St. Arbogast in Muttenz restaurieren und vier Jahre später das Obertor von Liestal, das sogenannte «Törli», neu bemalen. Es folgten zahlreiche weitere Wandgemälde, vor allem in Basel und in seiner Heimatstadt Liestal, wo er sich 1936 niederliess. Zu den bekanntesten zählen die Gemälde am Ostfassaden-Anbau und im Innenhof des Liestaler Rathauses und die heutige Wandbildfassung am «Törli» aus dem Jahr 1950.
Das 1939 ausgeführte Wandgemälde im Liestaler Rathaushof, das den Auszug eidgenössischer und baslerischer Truppen zur Schlacht bei St. Jakob zeigt, vertritt eine wichtige Seite in Plattners Schaffen. So durchziehen alteidgenössische Krieger und zeitgenössische Soldaten Plattners bildnerisches Schaffen. Diese martialische Seite wurzelt in der Verherrlichung der alten Eidgenossenschaft, wie sie vor dem Ersten Weltkrieg an patriotischen Feiern betrieben wurde, und fand ihren Höhepunkt in der Geistigen Landesverteidigung der 1930erund frühen 1940er-Jahre, der Plattner, wie andere Künstler seiner Zeit, einen markanten bildnerischen Ausdruck verlieh. Dies äussert sich auch an seiner Signatur, die ein als eidgenössische Feldfahne gestaltetes P zeigt.
Neben diesen vielfältigen Arbeiten fand Plattner immer wieder Zeit, mit Staffelei und Malkasten in die Landschaft zu ziehen oder sogar längere Studienreisen nach Italien, Nordafrika, ins Rheinland, nach Ungarn oder in die Bretagne zu unternehmen. Auf diesen Expeditionen entstanden unzählige Skizzen und Gemälde von Landschaften und Ortschaften, meist ohne Menschen. Sie sind geprägt durch die jeweilige Tages- und Jahreszeit, wobei Plattner die Vorfrühlingszeit bevorzugte.
Vielfalt an Ausdrucksmitteln
Plattners Schaffen lässt sich keinem bestimmten Stil zuordnen. Er zählte nicht zu den avantgardistischen Künstlern und blieb zeitlebens der Gegenständlichkeit treu. Nur in einzelnen Ortsdarstellungen, namentlich seiner Heimatstadt Liestal, zeigt sich eine Tendenz zur geometrisierenden Vereinfachung, ohne jedoch die Mehrperspektivität des Kubismus anzunehmen. Je nach Genre lassen sich unterschiedliche künstlerische Einflüsse erkennen: Bei den kriegerischen Bildern orientierte sich Plattner häufig an Ferdinand Hodler und bei mythologischen Darstellungen an Arnold Böcklin, während die frühen Landschaftsgemälde teilweise noch vom Einfluss des Impressionismus zeugen.
In seinem grafischen Schaffen bediente sich Plattner einer Vielfalt an Ausdrucksmitteln. Dort finden sich Anklänge an altdeutsche Künstler wie Hans Holbein den Jüngeren und Urs Graf ebenso wie Karikaturen, flüchtige, mit sicherem Strich ausgeführte Skizzen neben detaillierteren Darstellungen. Plattner verstand es, seinen Stil den Erwartungen der unterschiedlichen Auftraggeber anzupassen, ohne sich dabei zu einer unpersönlichen Mimikry verbiegen zu müssen.
Otto Plattner starb am 20. Oktober 1951 in Stein am Rhein an Herzversagen, nachdem er dort Wandmalereien restauriert hatte. Beigesetzt wurde er auf dem Friedhof in Liestal – der Stadt, in der er am meisten Spuren hinterlassen hat. Bis gegen Ende des 20. Jahrhunderts erzielten seine Werke an Auktionen respektable Preise. Mittlerweile hat das Interesse an Otto Plattner deutlich nachgelassen. Zwar hängen bis heute viele seiner Bilder in Baselbieter Haushalten, doch gibt es bei Haushaltsauflösungen kaum noch Interessenten dafür.
Die grösste Sammlung an Werken des Künstlers mit fast 2500 Einheiten befindet sich im Besitz der Stadt Liestal und der Stiftung Dichter- und Stadtmuseum Liestal. Den Kern bilden eine Schenkung und ein Legat von Otto Plattners Tochter Stefy Plattner, die einen grossen Teil des Nachlasses umfassen. Er wurde ergänzt durch kleinere Schenkungen und Ankäufe.
Führung am kommenden Dienstag
Am kommenden Dienstag, 20. Oktober, dem 75. Todestag des Künstlers, besteht die Möglichkeit, bei einer Führung im Kulturgüterdepot der Stadt Liestal einen Einblick in die Vielfalt von Otto Plattners Schaffen zu gewinnen. Treffpunkt ist um 18 Uhr bei der Primarschule Frenke, Eingang von der Gitterlistrasse her.
Zudem hat das Distl einen kostenlosen Rätsel-Rundgang durch die Liestaler Alt-
stadt erarbeitet, der Familien dazu einlädt, den Maler auf spielerische Weise kennenzulernen. Das circa 30-minütige Rätselquiz mit einfachen Fragen ist über die App «Actionbound» verfügbar: Im App-Store herunterladen, unter «Bound finden/Suche» das Stichwort «Plattner» eingeben und «Otto Plattners Rätselrundgang im Liestaler Stedtli» anklicken. Viel Vergnügen!
Stefan Hess
Stefan Hess ist Leiter des Dichter:innen und Stadtmuseums Liestal.




