Der Hofladen ist ihre Leidenschaft
28.08.2026 AnwilBäuerinnen-Serie Teil 8: Jeannette Niklaus von der Dorfstrasse 9
Sie kocht gerne und bietet in ihrem Hofladen ein breites Sortiment an Selbstgemachtem an. Jeannette Niklaus schätzt ihren bäuerlichen Alltag, sieht aber auch die Herausforderungen für Frauen in der ...
Bäuerinnen-Serie Teil 8: Jeannette Niklaus von der Dorfstrasse 9
Sie kocht gerne und bietet in ihrem Hofladen ein breites Sortiment an Selbstgemachtem an. Jeannette Niklaus schätzt ihren bäuerlichen Alltag, sieht aber auch die Herausforderungen für Frauen in der Landwirtschaft.
Elmar Gächter
«Nein, einen Hofnamen hat unser Betrieb nicht. Komm einfach an die Dorfstrasse 9 in Anwil», lauteten die ersten telefonischen Kontakte mit jener Frau, die hier gemeinsam mit ihrem Mann einen Bio-Betrieb führt. Es ist eines jener schmucken Bauernhäuser, die dem 550-Seelen-Dorf seinen unverwechselbaren Charme verleihen. Erbaut um 1900, wurde es 1977 bei einem Brand beschädigt und im rückwärtigen Teil neu gestaltet. Unübersehbar hängt vor der heimeligen Kulisse das Täfelchen «Hofladen». Und damit sind wir bereits bei jener Geschichte, die Jeannette Niklaus seit mehr als vier Jahrzehnten mit Haus und Hof verbindet.
«Ich bin eigentlich schon Bäuerin», sagt sie über ihre Tätigkeit auf dem Betrieb – und mit dem «eigentlich» schwingen auch ihre anfänglichen Zweifel mit, sich so nennen zu dürfen. Zwar sind diese wegen ihrer fehlenden landwirtschaftlichen Ausbildung noch nicht ganz verschwunden, dennoch versteht sie sich längst als gleichberechtigte Partnerin ihres Mannes Daniel. «Er ist hauptsächlich für den Aussenbereich samt Hühner zuständig und ich für den Hofladen und den Haushalt samt Organisatorischem.» Daniel hat den Betrieb 1998 gemeinsam mit Jeannette von seinen Eltern übernommen. Relativ rasch gaben sie die Milchviehhaltung auf und entschieden sich für den Obstbau und die Direktvermarktung.
Jeannette Niklaus absolvierte im Hotel «Bad Maisprach» eine Lehre als Köchin und sammelte auf ihren Wanderjahren wertvolle Erfahrungen. Auch wenn sie ihren erlernten Beruf nicht mehr ausübt, gehört das Kochen nach wie vor zu ihrem Alltag. «Ich mache es gern, und wir alle essen auch gern.» An manchen Tagen sitzen lediglich zwei Personen am Tisch, an anderen – je nach Obstsaison mit den Helferinnen und Helfern – deutlich mehr. Salat und Gemüse, vieles davon aus dem eigenen Garten, gehören stets auf den Teller. Fleisch gibt es etwas weniger als früher, und wenn, dann stammt es von einem Metzger in der näheren Umgebung oder sicher aus der Schweiz. Ihr «Suure Mocke», den sie früher oft aufgetischt hat, fand sogar Eingang in das Baselbieter Kochbuch. Für Abwechslung auf dem Speiseplan sorgt sie mit ihrer spontanen Kochweise, zwischendurch auch vegetarisch; vor allem liegt ihr eine gesunde Ernährung am Herzen.
Breites Angebot
Ihr Stolz und ihre Leidenschaft ist der Hofladen. Naheliegend ist, dass zahlreiche Früchte aus dem eigenen Obstbaubetrieb sowie Gemüse in frischen, selbst gemachten Köstlichkeiten Verwendung finden. Dörrobst, verschiedenste Konfitüren – darunter die von ihr besonders geliebte «Hagebutte-Konfi mit Vanille» – Zimtstengel, Spitzbuben, Linzertörtli oder Änisbrötli machen das Angebot zu einer eigentlichen Qual der Wahl. Daneben finden sich im Sortiment Spirituosen aus eigenen Früchten oder alkoholfreie Säfte. Bei verschiedenen Produkten wie Brot, Zopf, Kabis oder Kartoffeln zählt sie auf die Zusammenarbeit mit Bäuerinnen aus Anwil. «Ich weiss gar nicht, wie viele Artikel ich im Laden habe.» Mit dem Absatz ist Jeannette Niklaus zufrieden. Neben der Hauptkundschaft aus dem Dorf und den «Heimweh-Ammeler» entdecken zunehmend Wandernde und Velofahrende den Hofladen. Sie legen gerne einen Halt ein und geniessen die Pause am schmucken Tischchen vor dem Haus. Einmal im Jahr ist Jeannette Niklaus mit einem Teil ihrer Produkte am «Oltiger Määrt» vertreten.
Die Freude an ihrem Hofladen und der Kontakt mit den Kundinnen und Kunden lassen ihren schweren Schicksalsschlag zwischendurch etwas in den Hintergrund treten. Vor drei Jahren verlor die Familie mit ihren vier erwachsenen Kindern den ältesten Sohn bei einem tragischen Unfall. Jeannette Niklaus spricht von einer sehr belastenden Zeit, in der sie sich auch abgrenzen musste. Zu schaffen machen ihr zudem Rückenprobleme und als Folge davon eine Neuropathie am rechten Bein, die ihren Alltag verändert hat. «Ich bin seither körperlich nicht mehr so belastbar und muss meine Tätigkeit auf dem Feld und Garten einschränken.» Schwergefallen ist ihr – die viele Jahre lang den Damenturnverein und die Mädchenriege leitete –, dass sie nicht mehr Sport treiben kann. Dankbar ist sie für die Hilfe von Frauen und Schülerinnen. «Und vor allem schätze ich die Hilfe meines Mannes, der mir viele Arbeiten im Haushalt und im Hofladen abnimmt.»
Während der Hauptsaison bietet der Betrieb im Rahmen des Landdienstes Jugendlichen Beschäftigungsmöglichkeiten. Jeannettes Aufgabe ist es, sie während ihres Aufenthaltes auf dem Hof zu begleiten und zu betreuen. «Ich arbeite sehr gerne mit jungen Leuten», sagt sie. Während längerer Zeit hat sie zudem Mädchen in Hauswirtschaft ausgebildet.
Gedanken über die Zukunft
Angesprochen auf das internationale Jahr der Bäuerin ist ihr wichtig, dass Frauen auf ihren Betrieben generell mehr Rechte erhalten. In der Schweiz habe sich diesbezüglich in den vergangenen Jahren zwar vieles verbessert, bei Versicherungsfragen und beim Unfallschutz ortet sie jedoch weiterhin Nachholbedarf. «Gegenüber den Angestellten ist man als Familienangehörige beispielsweise beim Krankentaggeld schlechter gestellt und die Prämien sind erst noch teuer.» Auch mit Blick auf die Pensionierung ihres Mannes, die in den nächsten Jahren ansteht, machen sich Jeannette und Daniel Gedanken über ihre Zukunft. Dass eines ihrer Kinder in ihre Fussstapfen treten wird, sei eher unwahrscheinlich. «Aber wir haben noch Zeit, eine Lösung zu finden», meint sie optimistisch.
Die Mitarbeit bei «Frauenplus Baselland», der Dachorganisation für Frauenvereine, wo sie als Vertreterin des Bäuerinnen- und Landfrauenvereins beider Basel im Vorstand tätig ist, bedeutet ihr sehr viel. Sie will sich dort auch künftig beim Maiverkauf und anderen Anlässen engagieren, weil sie sich überzeugt für Frauen und Familien einsetzt, denen es weniger gut geht. Bedauern bereitet ihr, dass der Arbeitskreis für Bäuerinnen im Sand verlaufen ist. «Ich finde es vor allem schade für die jungen Frauen. Es wäre schön, wenn der ‹Ebenrain› einen solchen wieder ins Leben rufen würde.»
Als Ausgleich zur täglichen Arbeit kalligrafiert sie Weihnachtskarten, malt und liest gerne Liebesromane, Krimis oder historische Geschichten. Zur Erholung geht sie mit ihrem Mann regelmässig auf Reisen und schätzt vor allem auch die gemeinsamen Ferien mit der ganzen Familie. Am liebsten besucht sie südliche Länder – und so freut sie sich jetzt schon auf die kommenden Herbstferien in Spanien, immer auch mit der Vorfreude, sich nach der Rückkehr wieder ihrem geliebten Hofladen zu widmen.
Serie zum UNO-Jahr 2026 der Bäuerinnen und Landwirtinnen: Bereits erschienen sind die Porträts von Sonya Leuenberger vom Hof Halde in Ziefen, Andrea Gysin vom Hof Halde in Läufelfingen, Myriam Schwob vom «Prinzenhof» in Lampenberg, Angelika Itin vom «Mettlihof» in Maisprach, Christine Spycher vom Hof auf dem Rigiberg in Buus, Mariann Herzog vom Hof Ebnet in Diegten und Anita Rudin vom Biohof Dangern in Eptingen. Der Beitrag über Jeannette Niklaus bildet den Abschluss der Serie.

