Der Gang aufs letzte Blutgerüst
10.03.2026 Maisprach«Hyazinth» – ein Kriminalfall mit Todesfolge
Die «Literarische Gesellschaft Baselland» (LGBL) sorgte mit der szenischen Lesung «Hyazinth – Die letzte Hinrichtung im Kanton Baselland» für grosses Aufsehen. Ein Drama nachhaltiger ...
«Hyazinth» – ein Kriminalfall mit Todesfolge
Die «Literarische Gesellschaft Baselland» (LGBL) sorgte mit der szenischen Lesung «Hyazinth – Die letzte Hinrichtung im Kanton Baselland» für grosses Aufsehen. Ein Drama nachhaltiger Zeitgeschichte.
Stephan Imhof
«Freut euch des Lebens …» spielte Willi Kenz einleitend auf dem Klavier und bildete den paradoxen Bogen zu einem der dunkelsten Kapitel der Baselbieter Rechtsprechung. Schwerpunkt war die letzte öffentliche Hinrichtung in Liestal von Hyazinth Bayer, der 29-jährig am 15. Oktober 1851 wegen Raubmord zum Tode verurteilt wurde. Auf einer Wiese nahe dem heutigen Gestadeckplatz wurde er mit dem Schwert enthauptet.
Spannung war unter den rund 50 Interessierten angesagt, die sich zur letzten Aufführung im Gemeindezentrum in Maisprach einfanden. Der zeitgenössische Erzähler Josef Viktor Wiedmann, gespielt von Buchautor und Präsident der «Literarischen Gesellschaft Baselland» Thomas Schweizer, begrüsste die Besucher und eröffnete das Theaterstück.
Der Historiker Lorenz Degen, Vorstandsmitglied der LGBL, hat ein Drama mit 23 Szenen geschrieben. Erzählt wird die Geschichte des Büchsenmachers Hyazinth Bayer aus Friedrichshafen, gespielt von Lorenz Degen. Dieser lernt auf seiner Wanderschaft, die ihn vom Toggenburg nach Liestal führt, die Fabrikarbeiterin Dorothea Richard aus dem Niederschönthal, gespielt von Sonja Degen, kennen. Diese spätere Geliebte soll Auslöserin für Hyazinth Bayers Geldmangel sein.
Aus Habgier verlangt sie mehr von ihm, als er ihr bieten kann, und treibt ihn schliesslich zu dieser Tat. Es wird auch das ärmliche Leben der Opferfamilie Wiesner vorgestellt. Der Posamenter Heinrich Wiesner (gespielt von Franz M. Degen) und seiner Frau (gespielt von Elisabeth Isch) führen mit ihren beiden Kindern und seiner Mutter ein einfaches Leben in Bubendorf. Dringend auf den Lohn von 36 Franken angewiesen – heute entspricht das etwa 4000 Franken –, macht sich Wiesner auf den Weg zu einer Niederlassung in Bad Säckingen, um Geld für mehrere Monate Heimarbeit abzuholen.
Raub auf der Wintersinger Höhe
Bei der Rückreise lernt er in Maisprach Hyazinth kennen und erzählt ihm, dass er ein stattliches Gehalt auf sich trägt. Auf der Wintersinger Höhe in der Nähe des vorderen Hofs Kreuzbrunnen schlägt der Büchsenmacher zu und raubt sein Opfer aus. Der bald aufgefundene Wiesner stirbt an seinen schweren Verletzungen.
Bayer flüchtet, wird aber in der Ortschaft Stein gefasst und nach Liestal «ausgeliefert». Darauf folgt für den reuigen Täter ein fragwürdiger Prozess, der mit dem Todesurteil endet. Eindrucksvoll beleuchtet Lorenz Degen die Frage nach dem Motiv zu einer solchen Tat. Mögliche Antworten bekommt der Betrachter mit einem Blick in das damalige gesellschaftliche Leben.
Es ging um Armut und Moral, um den Begriff Schuld, auch um die Todesstrafe. Zwiespältig aber ist ein Brief, den Dorothea Richard an den vormals im Toggenburg arbeitenden Hyazinth schrieb. Belegt ist, dass dieses Schreiben eine überstürzte Rückkehr auslöste und zur Begegnung mit Heinrich Wiesner führte. Ging es um eine Schwangerschaft oder um drohenden Ruin? Was im Brief stand, ist unklar.
Lorenz Degen gelang mit diesem Werk ein wortgewaltiger Krimi, der den Bogen zwischen Fakten und Literatur ohne grosse Effekthascherei fand. Die Nähe zum Publikum verstärkt hat auch die kräftige und den Szenen angepasste musikalische Untermalung durch den Pianisten Willy Kenz. Beim anschliessenden Apéro, offeriert vom Verein Vernetzte Vielfalt Maisprach (VVM), der den Anlass auch organisierte, dürfte bei einigen Besuchern ein Nachdenken über mehr Bescheidenheit statt übersteigertem Streben nach materiellem Besitz erfolgt sein.

