Der Friedhof als Kraftort
30.10.2026 SissachNatalie Häusler ist eins mit ihrem Friedhof
Seit vier Jahren wirkt Natalie Häusler als Friedhofsgärtnerin in Sissach. Mit Geschick und Empathie sorgt sie dafür, dass sich die Trauernden geborgen fühlen und der parkähnliche Friedhof am Gottesackerweg in seiner ...
Natalie Häusler ist eins mit ihrem Friedhof
Seit vier Jahren wirkt Natalie Häusler als Friedhofsgärtnerin in Sissach. Mit Geschick und Empathie sorgt sie dafür, dass sich die Trauernden geborgen fühlen und der parkähnliche Friedhof am Gottesackerweg in seiner Art erhalten bleibt.
Heiner Oberer
Es war ein langer Weg, mit zahlreichen Umwegen und Schicksalsschlägen, bis Natalie Häusler (59) schliesslich dort angelangt ist, wo sie Halt und Zufriedenheit gefunden hat. Seit dem ersten Oktober 2022 ist sie Friedhofsgärtnerin der Friedhofsgemeinde Sissach-Böckten-Diepflingen-Itingen-Thürnen.
Zum Gespräch in ihrem kleinen Büro auf dem Sissacher Friedhof empfängt sie den Schreibenden in Überhosen und einer wärmenden Allwetterjacke. Die Begrüssung ist herzlich, der Händedruck kräftig. Der Schreibtisch ist belegt mit zahlreichen Dokumenten, von Hand beschriebenen Notizblättern und amtlichen Schriftstücken. Alles perfekt angeordnet und übersichtlich. «Richtig», sagt Häusler, «ich musste mein Leben immer wieder neu sortieren.»
Die Kindheitsjahre verbrachte Häusler auf der Insel Madagaskar. «Mein Vater war Bierbrauer und Mälzer. Sein Wissen als Mälzer war sehr gefragt, und so ist er in der ganzen Welt herumgekommen.» Von 1984 bis 1986 absolvierte sie eine Lehre als Parfümerie-Fachverkäuferin, die sie sehr erfolgreich abschloss. Es sei nicht ihr Wunschberuf gewesen, sagt Häusler. Viel lieber wäre sie Modistin (Hutmacherin) geworden. Wichtig sei ihr aber gewesen, einen Beruf erlernt zu haben. Schnell habe sie allerdings gemerkt, dass man mit dem geringen Verdienst als Verkäuferin nicht wirklich leben könne. Es folgten verschiedene Anstellungen in den Bereichen Versicherungen, Anzeigenmarketing und Projektmanagement. 1998 erwirbt sie das Handelsdiplom.
Als Witwe und Mutter am Limit
In den Jahren 1998 und 2000 kamen ihre beiden Kinder zur Welt. 2004 starb ihr Ehemann. «Der unerwartete Tod meines Mannes und Vater unserer zwei Kinder hat mich für einige Zeit aus der Bahn geworfen», sagt Häusler. Sie habe sich gefühlt, wie im berüchtigten Hamsterrad – das sich dreht und dreht. Sie sei mitgesprungen, weil ihr nichts anderes übrig blieb. «Ich musste einfach funktionieren.» Es gehe einem viel durch den Kopf, sagt sie. Wie komme ich finanziell über die Runden? Wie schaffe ich es, den Kindern eine gute Mutter zu sein? In dieser schweren Zeit kam Häusler ihr ausgeprägter Durchhaltewille zu Hilfe. Sie stürzte sich in die Arbeit. Unter anderem arbeitet sie im Alters- und Pflegeheim Rinau, Kaiseraugst, als kaufmännische Angestellte und präsidierte vier Jahre lang den Verein Aurora (Kontaktstelle für Verwitwete mit minderjährigen Kindern).
Sie organisierte, plante und funktionierte. Und doch, sagt sie, spürte sie, dass es so nicht weiter gehen konnte. Sie entschliesst sich im Jahr 2010, zusammen mit ihren Kindern für einen einjährigen Sprachaufenthalt nach Irland zu gehen. «Freunde und Bekannte erklärten mich für verrückt. Doch wer mich kennt, weiss: Habe ich mir etwas in den Kopf gesetzt, ziehe ich das durch.» Trotz anfänglicher Schwierigkeiten entwickelt sich der Aufenthalt in Irland für alle drei zu einem Glückstreffer. Neben dem Erlernen der Sprache hätte sie viel Zeit gehabt, um sich Gedanken über ihre Zukunft zu machen. Ihr Organisationstalent, ihr Fleiss und ihre Hartnäckigkeit haben ihr immer wieder geholfen, sich in scheinbar verstrickten Situationen zurecht zu finden, so Häusler.
Zurück in der Schweiz und dem Hamsterrad entronnen, arbeitete Häusler im Nebenamt als Hauswartin und Teilzeit als Sigristin mit Hauswartfunktion in der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Möhlin. Die Arbeit erforderte viel Flexibilität, bei geringem Einkommen. Und wieder regte sich bei Häusler der Drang nach etwas Neuem. Nach etwas Festem. Sie quälte sich stundenlang vor dem PC durch Stellenangebote, schaute in den Zeitungen der Region die Seiten mit den Stelleninseraten durch, bis sie schliesslich auf eines für eine Stelle als Friedhofsgärtnerin in Sissach stiess. «Es ist ja nicht so, dass Friedhofsgärtnerin mein Kindheitstraum gewesen wäre», sagt Natalie Häusler und lacht. Sie bewarb sich und erhielt nach kurzer Zeit die Zusage.
«Neben dem offenen Gespräch mit den Verantwortlichen haben mich vor allem die Lage und die Gestaltung des gepflegten Friedhofs beeindruckt. Eine schöne Anlage mit vielen Bäumen und einladenden Grünflächen», schwärmt Häusler. Für viele Leute sei der Friedhof ein Ort der Besinnung, aber auch der Erholung. «Das ist sicher auch ein Verdienst meines Vorgängers Martin Schmid, der während 33 Jahren den Friedhof am Gottesackerweg prägte. Er hat den Friedhof entwickelt und war massgeblich an der Gestaltung des Kinderfriedhofs beteiligt.»
Gräberbuch und Belegungsplan
Neben zahlreichen anderen Arbeiten ist die Friedhofsgärtnerin verantwortlich für das Führen des Gräberbuchs und das Erstellen eines Belegungsplanes, die Wartung und Pflege des Friedhofsareals und der Gebäude, das Herrichten verwahrloster Gräber. Derzeit wird an der Einführung einer Friedhofsoftware gearbeitet. Hierfür werden von Häusler alle Grunddaten der bestehenden Gräber eingegeben. Zudem unterstützt und begleitet sie den Pfarrer und die Trauernden während der Bestattung. «Das ist nicht immer einfach», betont Natalie Häusler. Speziell wenn ein Kind zu Grabe getragen werde, versuche sie mit Mitgefühl die Hinterbliebenen zu trösten.
Beim Gespräch mit Natalie Häusler fällt auf, wie fokussiert sie ist. Wie sie mit qualitätsorientierter Denkund Handlungsweise ihrer Arbeit nachgeht. «Prägende Erfahrungen waren für mich die Kinderjahre in Madagaskar, der frühe Tod meines Ehemanns, die Situation als alleinerziehende Witwe und der Aufenthalt in Irland.» Diese Erfahrungen hätten sie zu der Person gemacht, die sie heute ist.
Allerheiligen und Allerseelen
hob. Seit dem 9. Jahrhundert feiern katholische Gläubige auf der ganzen Welt am 1. November das Fest Allerheiligen. Dabei wird in einem feierlichen Hochamt nicht allein der Heiligen gedacht, sondern auch aller Frauen und Männer, welche die frohe Botschaft Jesu im Stillen lebten und verwirklichten. Im Lauf der Zeit verschmolzen Allerheiligen und Allerseelen dann zu einem Doppelfest, an dem die Menschen auch ihrer verstorbenen Angehörigen und Freunde gedachten. Seither werden die Gräber mit Blumen, grünen Zweigen und Kerzen geschmückt, Symbole der Hoffnung und des Ewigen Lichts, das den Verstorbenen leuchtet. Unzählige Grabkerzen tauchen in den Abendstunden die Friedhöfe in ein Lichtermeer.
Sissach ist wie das gesamte obere Baselbiet ursprünglich evangelisch-reformiert, sagt der Sissacher Pfarrer Matthias Plattner, und hat so keine Tradition mit Allerheiligen und Allerseelen. Die Reformatoren haben vor 500 Jahren mit der Heiligenverehrung und -anbetung auch das Fest Allerheiligen ausgesetzt und geächtet, so Plattner. In der Gegenreformation wurde das untere Baselbiet wieder rekatholisiert – und Allerheiligen und Allerseelen wieder eingeführt. Nicht so bei uns. Das allgemeine Totengedenken blieb aber auch uns Reformierten erhalten, am letzten Sonntag des Kirchenjahrs zwischen 20. und 26. November und stets eine Woche vor dem ersten Advent, welcher kirchlich das Neujahr bedeutet, dem sogenannten Toten- oder Ewigkeitssonntag. In Sissach, so Plattner, findet seit jeher um halb zehn Uhr auf dem Friedhof eine öffentliche Totengedenkfeier am Ewigkeitssonntag statt. Es werden die Namen der Verstorbenen des vergangenen Jahres verlesen und eine Kerze am Osterlicht für sie entzündet. Um zehn Uhr findet anschliessend der Gottesdienst in der Kirche statt, in welchem Versöhnung und vor allem die Auferstehungshoffnung thematisiert werden. Durch die Privatisierung der Bestattungsriten und den Bedeutungsverlust der Kirchen für das öffentliche Leben schwindet die Bedeutung von Allerseelen und Totensonntag weitherum und schnell, sagt Plattner.
Trauern um einen geliebten Menschen
Wer trauert richtig? Wer trauert scheinbar nicht?
Als mein Mann vor über 20 Jahren starb, trauerte auch eine Bekannte um ihren Mann. Sie hatte das Bedürfnis, jeden Tag das Grab zu besuchen. Mir aber graute von Anfang an, das Grab meines Geliebten zu besuchen. Denn dort war die Bestätigung, dass mein Mann wirklich tot ist. Hingegen zu Hause spüre ich seine Nähe bis heute.
Nach seinem Tod funktionierte ich anscheinend normal. Aber ich mied unterwegs jeden Weg, der neben einer Telefonkabine vorbei führte. Denn dort musste ich jedesmal heftig weinen, weil ich unterwegs immer meinem Mann telefoniert hatte.
Nach einem Jahr holte mich die Wirklichkeit ein. Ich weinte Tag und Nacht, konnte nicht mehr aufhören und dachte, ich käme in die Psychiatrie. In meiner Not rief ich eine Kollegin an, die in unserer Lehre sich auch in ihren späteren Mann verliebt hatte und ihn vor mir verlor.
Sie sagte mir am Telefon: «Weine, weine, weine, solange du musst!» Und – nach dem Telefonat ging es mir besser. Ich konnte endlich trauern.
Bis heute besuche ich das Grab sehr selten. Bin ich deshalb ein schlechterer Mensch?
Jeder trauert auf seine Weise. Viele trauern im Stillen, ohne dass die Aussenstehenden es mitbekommen.
Ich wünsche mir, dass die Menschen sensibler werden und nicht urteilen / verurteilen, was sie meinen zu sehen.
Denn sie können nicht in den trauernden Menschen hineinsehen.
Beitrag von E.H., Reigoldswil

