Der Flugpionier vom Tschoppenhof
17.09.2026 OberdorfRolf von Siebenthal legt seinen ersten historischen Roman vor
Nach neun Krimis hat Rolf von Siebenthal seinen ersten historischen Roman verfasst. Er schreibt die faszinierende Lebensgeschichte von Jakob Degen nieder. Geboren in Liedertswil, wanderte der Protagonist als Kind nach Wien aus. ...
Rolf von Siebenthal legt seinen ersten historischen Roman vor
Nach neun Krimis hat Rolf von Siebenthal seinen ersten historischen Roman verfasst. Er schreibt die faszinierende Lebensgeschichte von Jakob Degen nieder. Geboren in Liedertswil, wanderte der Protagonist als Kind nach Wien aus. Dort tat er sich vor allem als Flugpionier hervor.
Jürg Gohl
Vor zwei Jahren schickte Krimiautor Rolf von Siebenthal seinen Gentleman-Einbrecher Raab ins Raubkunst-Milieu. Der Protagonist löste mit reichlich Action und Nervenkitzel auch diesen Fall. Zumindest zwischen den Zeilen tönte der Autor aus dem Vorderen Frenkental an, dass er auf seinem literarischen Webstuhl bereits das nächste Abenteuer für seinen Helden eingefädelt hat.
Doch weit gefehlt. Nach neun Krimis legt der frühere Journalist der «Basler Zeitung» seinen ersten historischen Roman vor. Daran müssen sich die Von-Siebenthal-Habitués erst gewöhnen. Doch das geschieht schnell. Das Buch umfasst 420 Seiten, Vor- und Nachwort sowie die biografischen Erläuterungen am Ende nicht eingeschlossen. Es trägt den Titel «Der Erfinder» und erzählt die Lebensgeschichte von Jakob Degen. Es erscheint heute.
Auf die Lebensgeschichte seines Protagonisten ist der Autor bereits 1998 gestossen, als er für seine damalige Arbeitgeberin, die «Basler Zeitung», zum 150. Todestag des Flugpioniers einen Artikel über den erstaunlich wenig bekannten Mann verfasste. «Seither hat mich seine Geschichte nicht mehr losgelassen», verrät er in einem Interview mit dem Limmat-Verlag. Dieser gibt erstmals ein Buch des Baselbieter Schriftstellers heraus.
Reihenweise Erfindungen
Geografisch betrachtet musste der Autor aus Oberdorf nicht weit suchen, um auf seinen Titelhelden zu stossen. Jakob Degen kam 1760 im kleinen Nachbardorf «Tschoppenhof», offiziell Liedertswil, zur Welt. Allerdings spielen nur die ersten elf Lebensjahre beziehungsweise die ersten 30 Buchseiten im Oberbaselbiet. Dann wandert die Familie aus wirtschaftlichen Gründen in die reiche, noble Kaiserstadt Wien aus, wo Posamenter gefragt sind. Sie flieht in der Nacht, weil die Basler Seidenband-Fabrikanten das Emigrieren untersagen.
Schon früh tritt die Neugier, die allererste Voraussetzung beim Erfinden, bei Jakob Degen zutage. Wenn Gleichaltrige spielen, beobachtet er den Flug der Vögel, sein Skizzenbuch ist sein ständiger Begleiter, und als die Familie in Ulm das Wegwerf-Fluchtschiff besteigt, das sie auf der noch ungezähmten Donau nach Wien bringen soll, fragt der Bub den Schiffer Kaspar «Löcher in den Bauch», um den Verfasser zu zitieren.
In Wien angekommen, «managt» der Sohn seine überforderte Familie. Dort entwickelte er noch als Kind ein Hilfsmittel, das seinem Vater in der Seidenband-Fabrik das Produzieren erleichtert. In seiner Lehre als Uhrmacher ist er bereits ein Tüftler. Er verbessert und verfeinert die Mechanik der Uhrwerke, und bald vertrauen ihm die Katholiken ihre Kirchenuhren an. Er ist, nebenbei, Organist und darf als Arbeiterkind sogar die Universität besuchen.
Flugmaschinen konstruiert
Als seine Familie mit Falschgeld betrogen wird, entwickelt Jakob Degen die Guillochier-Maschine. Dank ihr kann das Geld nicht mehr gefälscht werden. Die «Oberbaselbieter» Technik findet sich heute noch auf Dollar-Noten. Sie rettet den bereits alten Jakob Degen sogar vor dem Bankrott, als er, völlig verschuldet, seine Erfindung der Österreichischen Nationalbank verkauft. Schulden und Armut ziehen sich wie ein roter Faden durch sein Leben.
Für das grösste Aufsehen sorgte Jakob Degen aber als Flugpionier. Darauf deutet auch der zweite Titel unter «Der Erfinder» hin. Er lautet «Jakob Degens Traum vom Fliegen». Über den «fliegenden Uhrmacher», der durch Berichte und Vorführungen erster Ballonfahrten angestachelt wird, redet bald halb Europa. Er tritt vor dem kaiserlichen Hof in Schönbrunn und später in Paris auf. Quasi als Nebenprodukte ersinnt er Windmessanlagen. Im Nachwort ist auch vermerkt, dass ihn ein Luftfahrthistoriker als «ersten Konstrukteur einer Flugmaschine» bezeichnet. Degen tüftelte sogar an einem mechanischen Hubschrauber herum.
Abgesehen von den Dialogen musste der Autor bei seiner Geschichte des Erfinders wenig erfinden. Er stiess bei seinen Recherchen auf zahlreiche Zeitdokumente, Artikel, Abbildungen und persönliche Notizen seines Protagonisten. Einfallsreichtum war hingegen nötig, wenn es um den Charakter seiner Hauptperson ging. Die Quellen verraten dazu nichts: «Nirgends erfährt man, ob Jakob Humor hatte, ob er geduldig war oder gesellig. Die Person, wie sie hier gezeichnet wird, ist meine Erfindung.» Das gilt natürlich auch für die Gefühle, die ihn durchfluten, wenn er sich mit seinem Gefährt über staunende und spottende Menschenmassen erhebt.
Wie ein Tagebuch
Aufgebaut ist das Buch chronologisch. Die Kapitel sind bloss mit dem jeweiligen Datum überschrieben, manchmal folgen sich die Tage mit grossem Abstand, manchmal im Staccato. Oft beginnen sie mit einem optischen, akustischen oder geruchlichen Einstieg. Das letzte Kapitel trägt die Nummer 66 und beschreibt den letzten Arbeitstag des inzwischen 81 Jahre alten Jakob Degen. Über die letzten sieben Lebensjahre und sein Sterben lässt uns der Autor zumindest im offiziellen Teil – wohl bewusst – im Dunkeln. Diese bemerkenswerte Biografie soll nicht wegdämmern.
Jakob Degen wurde 88 Jahre alt. Seine Lebensgeschichte ist zugleich ein aufschlussreiches Zeitdokument. Schon der Buchtitel deutet an, dass er ein spätes Kind der Aufklärung ist. Zugleich zeichnet sich die Epoche der Industrialisierung ab. In seine Lebenszeit, 1760 bis 1848, fallen die Französische Revolution und Napoleons ganzes Leben inklusive seiner Kriege. Er erlebt Napoleon, die Wiener Kaiserfamilie und vermutlich auch Beethoven sogar «live».
1815, im Jahr des Wiener Kongresses, kehrt er aus Paris in die österreichische Hauptstadt zurück, nachdem er in der Fremde fürchterlich abgestürzt ist. Und beim historischen Hintergrund darf nicht vergessen werden: Am Anfang dieses Lebens voller Wendungen steht die Ausbeutung einer Tschoppenhöfer Bauernfamilie durch die Basler Bändeliherren. Sie führt ebenfalls zu Degens Lebzeiten zur Kantonstrennung.
Rolf von Siebenthal: «Der Erfinder» – Jakob Degens Traum vom Fliegen. 423 Seiten. Limmat-Verlag. Vortrag über Recherchearbeit von Siebenthal, Freitag, 30. Oktober, 19.30 Uhr, Mehrzweckraum, Niederdorf.



