Der Berg ruft, die Autos kommen
08.10.2026 AutoAusflugsziel Wasserfallen
Die Wasserfallenbahn zieht an schönen Tagen bis zu 1500 Gäste an. Beim Parkieren hat Reigoldswil den Andrang erstaunlich gut im Griff. Schwieriger wird es auf dem Weg zur Talstation: Durch Mittelbiel und Oberbiel zwängt sich der Ausflugsverkehr ...
Ausflugsziel Wasserfallen
Die Wasserfallenbahn zieht an schönen Tagen bis zu 1500 Gäste an. Beim Parkieren hat Reigoldswil den Andrang erstaunlich gut im Griff. Schwieriger wird es auf dem Weg zur Talstation: Durch Mittelbiel und Oberbiel zwängt sich der Ausflugsverkehr durch ein enges Wohngebiet.
Daniel Aenishänslin
Rund 150 Autos stehen dicht gedrängt. Der Parkplatz ist voll. So sieht es an der Talstation der Wasserfallenbahn aus, wenn schönes Wetter auf ein Wochenende oder die Ferien trifft. Dann strömen die Menschen nach Reigoldswil im hinteren Frenkental. «Fünflibertal» nennen es die Einheimischen.
«An Spitzentagen haben wir zwischen 1000 und 1500 Gäste», sagt Raphael Kissling, Geschäftsführer und Technischer Leiter der Wasserfallenbahn. «Eine Ausnahme bilden die Schlitteltage, an denen es auch einmal 2500 Gäste sein können.»
Viele kommen nach Reigoldswil, weil sie Erholung suchen. Die Wasserfallen und mit ihr die Seilbahn sind ein Magnet. Von der Talstation auf 541 Metern über Meer geht es in zehn Minuten hinauf auf 925 Meter. Während der Fahrt weitet sich der Blick über die Baumwipfel und ins Tal. Oben warten ein Erlebnisspielplatz, ein Restaurant und Wanderwege. Der Waldseilpark ist wegen der Trockenheit derzeit gesperrt. Und natürlich lockt die Abfahrt: im Sommer mit dem Trottinett, im Winter mit dem Schlitten. Das zieht Menschen aus der ganzen Schweiz an. Und sogar aus Hamburg.
Auf dem Parkplatz bleibt Zeit für einen kurzen Schwatz mit der Frau vom Verkehrsdienst. Das zehnjährige Mädchen ist begeistert von der Trottinett-Abfahrt. Die Mutter freut sich, ihrer Tochter einen schönen Nachmittag an der Baselbieter Sonne ermöglichen zu können.
Rekord dank Corona
«2021 hatten wir aufgrund von Corona mit knapp 97 000 Gästen ein absolutes Rekordjahr», sagt Kissling. In normalen Jahren seien es zwischen 76 000 und 84 000. Gemeindepräsident Fritz Sutter spricht von bis zu 100 000 Menschen, die insgesamt jährlich nach Reigoldswil kommen. Seit Corona, sagt Kissling, seien zudem nicht mehr nur die Wochenenden stark frequentiert. Auch montags und freitags sei deutlich mehr los.
Damit der Betrieb rund läuft, setzt die Wasserfallenbahn einen Verkehrsdienst ein. Dieser kostet die Bahn rund 40 000 Franken jedes Jahr. Eingeführt wurde er bereits vor rund 20 Jahren, nach dem Neubau der Bahn.
«Das war quasi eine Forderung der Reigoldswiler Bevölkerung», sagt Gemeindepräsident Fritz Sutter. Einen Betrieb ohne Verkehrsdienst, sagt er, «würden wir nicht ausprobieren wollen». Denn ohne die Verkehrslenker müssten zu viele Autofahrerinnen und Autofahrer auf der Suche nach einem Parkplatz durchs Dorf fahren. Genau das würde die Einwohnerinnen und Einwohner «nerven».
Ganz verhindern lässt sich die Suche allerdings nicht. Gelegentlich verfährt sich noch immer jemand, erzählt eine Verkehrslenkerin. «Das Navi lotst sie zur Kirche.» Die ist dann doch ein paar hundert Meter von der Talstation entfernt.
Raphael Kissling sieht seine Wasserfallenbahn in der Pflicht, jenen Verkehr zu regeln, den ihr Angebot erst entstehen lässt. Sonst versinke Reigoldswil im Verkehrschaos. «Das sind wir den Anwohnerinnen und Anwohnern von Reigoldswil schuldig.» Die Infrastruktur, wie sie sich heute präsentiert, verlange nach einem Verkehrsdienst, so Kissling. «Ohne Verkehrsdienst braucht es klar definierte Parkflächen mit einem Parkplatzbewirtschaftungssystem und die notwendigen Beschilderungen dazu.» Eine andere, neue Infrastruktur wäre mit hohen Investitionen verbunden. Zudem müsste sie einen politischen Prozess durchlaufen – mit ungewissem Ausgang.
Zu erkennen ist das Team des Verkehrsdienstes an den orangen Leuchtwesten und der Aufschrift auf dem Rücken. Die Mitarbeitenden stoppen, weisen ein, erklären. Manchmal wird es anspruchsvoll – etwa an jenem Marktwochenende im September. Der Dorfplatz ist von Marktständen übersät. Die Parkplätze gegenüber werden zur Wendeschleife für den Bus. Auch diese Fläche muss freigehalten werden. Einer hat sein Auto trotz Verbotsschildern dort abgestellt. Eine Busse klemmt bereits unter dem Scheibenwischer. Das Hindernis bleibt. Ein Auge werfen die Verkehrslenker auch auf die Parkplätze der nahe gelegenen Restaurants «Sonne» und «Rebstock». Dort hat das Personal zusätzlich Parkverbotsschilder vor den Eingang aufgestellt.
«Fluch und Segen»
«Fluch und Segen zugleich», nennt ein Mitarbeiter des Verkehrsdienstes das Verkehrsaufkommen an den schönen Tagen des Jahres. Viele Autos, aber eben auch Kundschaft. Für die Gemeinde selbst sieht Fritz Sutter keine direkten wirtschaftlichen Vorteile. «Aber für die Bahn und die Restaurants ist es überlebenswichtig – logisch!» Es gebe keinen Punkt, an dem sich die Gemeinde auf den Standpunkt stelle: Die touristischen Gäste seien willkommen, aber die Belastung für das Dorf werde zu gross.
Sutter hält ganz klar fest: «Reigoldswil ist offen für alle Besucherinnen und Besucher, die das Naherholungsgebiet nutzen wollen.» Das Konzept ist durchdacht. Das muss man der Gemeinde Reigoldswil und der Wasserfallenbahn lassen. Ist der Parkplatz der Talstation voll, können ausserhalb der Schulzeit die Parkplätze der Schulen genutzt werden. Entsprechende Signale weisen darauf hin, auch der Verkehrsdienst macht die Ausweichmöglichkeit im Gespräch mit den Autofahrenden bekannt.
Allerdings bedeuten diese Parkplätze einen bis zu 20-minütigen Fussmarsch hinauf zur Talstation. Rund 200 zusätzliche Parkplätze lassen sich auf diese Weise gewinnen. Reichen auch diese nicht mehr aus, kann in Absprache zwischen Wasserfallenbahn und der Polizei an der langen Bretzwilerstrasse vom Sekundarschulhaus in Richtung Dorfkern parkiert werden.
Dieses Angebot reiche in der Regel, zeigt sich Gemeindepräsident Sutter überzeugt. Nur selten sei auch dieses zu knapp: «Vielleicht, wenn es einmal Schnee hat.» Sein Urteil über die Parkplatzsituation fällt deshalb klar aus: «Gut und zweckmässig.»
Schön, aber eng
Die Parkplatzsituation lässt sich als problematisch bezeichnen – und zugleich als gelöst. Was einigen Reigoldswilerinnen und Reigoldswilern hingegen missfällt, ist der Verkehr selbst. Vor allem jener, der vom Dorfplatz hinauf durch Mittelbiel und Oberbiel zur Talstation führt. Es gibt Beschwerden. Gemeindepräsident Fritz Sutter misst ihnen allerdings wenig Bedeutung bei. «Das ist an einer Hand abzuzählen und nicht erwähnenswert.»
Für jene, die zur Talstation hochfahren, ist es eine malerische Strecke. Wer zu Fuss geht, hat noch mehr davon. Der Weg führt entlang der Hinteren Frenke, die an diesem heissen Tag beinahe trockengelegt ist. Vorbei an der alten Mühle, einem barocken Pfarrhaus und schliesslich am Posamenterhaus.
Historische Gebäude stehen hier neben Einfamilienhäusern. Viele ältere Menschen leben in diesem Teil des Dorfs. In den Gärten stehen hie und da Masten mit Schweizer Fahnen. Es ist eine Wohnstrasse, ein Stück ruhiges Baselbiet im Grünen – aber eng für die Autos, die an mehreren Stellen kaum kreuzen können.
Gerade wegen dieser Baselbieter Schönheit kommen sie überhaupt. Die Menschen. In ihren Autos.Vom Dorfplatz hinauf bis zur Wasserfallen.



