Der Architekt und sein Warenhaus
05.11.2026 SissachEines der letzten Male, als ich Robert Häfelfinger über den Weg gelaufen bin, war, als er mit seinem Rollator in der Sissacher Begegnungszone unterwegs war. Ob er wohl – wie viele Jahrzehnte zuvor – zur Post gelaufen ist, um das Postfach zu leeren? Womöglich hat er ...
Eines der letzten Male, als ich Robert Häfelfinger über den Weg gelaufen bin, war, als er mit seinem Rollator in der Sissacher Begegnungszone unterwegs war. Ob er wohl – wie viele Jahrzehnte zuvor – zur Post gelaufen ist, um das Postfach zu leeren? Womöglich hat er unterwegs jemandem einen seiner Witze erzählt. Nun ist er im 96. Lebensjahr friedlich eingeschlafen.
Robert Häfelfinger, für die meisten Sissacherinnen und Sissacher «der Robi», hat Sissach geprägt wie kaum ein Zweiter. Entsprechend haben ihn die meisten im Dorf gekannt. Auch jene, die ihn nicht kannten, die begegnen zumindest seinem Werk und Wirken (ohne es vielleicht zu wissen): Denn als visionärer Architekt hat er zahlreiche Gebäude in Sissach und in der Region vor dem Abriss bewahrt und dazu beigetragen, dass sie uns erhalten geblieben sind. Es dürften um die 100 Häuser sein, denen er im Verlauf seiner mehr als 60-jährigen Berufszeit neues Leben eingehaucht hat; viele davon stehen heute unter Denkmalschutz.
Als Robert Häfelfinger an einem schwülheissen Samstag, dem 11. Juli 1931, im alten Spital in Liestal das Licht der Welt erblickt, wird in Wien gerade das 58 000 Zuschauerinnen und Zuschauer fassende Praterstadion von Architekt Otto Ernst Schweizer eröffnet. Und in Berlin legt der Architekt Werner March Pläne vor zum Ausbau der Wettkampfstätten für die Olympischen Sommerspiele des Jahrs 1936. Selbstredend haben diese beiden Tatsachen rein gar nichts mit Robert Häfelfinger zu tun. Im Nachhinein ist es aber ein schöner Zufall, dass Robi ebenfalls Architekt geworden ist.
Zusammen mit den vier Geschwistern Benjamin (Jahrgang 1924), Marie-Luise (1925), Paul (1928) und Louis (1929) wächst Robi im «Cheesmeyer-Huus» auf, jenem Gebäude, das später eine zentrale Rolle in seinem Leben einnehmen wird. Die Brüder Paul und Louis starben beide im Jahr 2015, Marie-Luise (Marlies) verstarb Ende Juni 2021.
Nach Amerika und wieder zurück
Nach seinen Studienjahren in Engelberg (Klosterschule) mit Matur in Latein und Altgriechisch sowie an der ETH in Zürich hat sich Robert Häfelfinger zunächst nach England und in die USA verabschiedet mit einem vollen Stipendium für die Harvard-Universität, um beruflich Erfahrungen zu sammeln. In Kalifornien lernt er seine spätere Frau Nita kennen und lieben. Ab 1964 sind sie zurück in Sissach, wo sie eine Familie mit vier Kindern (Brigitte, Monika, Kathryn und Robert jun.) gründen. Ab dann betreibt er sein Architektur- und Planungsbüro im Herzen von Sissach.
Von Beginn an engagiert sich der junge Architekt für das Gemeinwesen und «seine» Gemeinde. Noch 1964 rutscht er in den Sissacher Gemeinderat nach. Bis zu seinem Rücktritt 1970 ist er Bauchef und zuständig für die Planung und die Wasserversorgung. Zudem engagiert er sich in kantonalen Kommissionen in den Bereichen Natur- und Heimatschutz, Arealüberbauungen und Altstadt.
Zu den herausragenden Qualitäten von Robi Häfelfinger zählen seine Hartnäckigkeit und Überzeugungsfähigkeit. Ohne diese und seinen Kampfgeist wäre unsere (nahe) Welt erschreckend ärmer, und viele markante Häuser wären in den vergangenen Jahrzehnten moderner Architektur und profanem Renditestreben zum Opfer gefallen. Dazu zählen allein in Sissach das heutige Begegnungszentrum Jakobshof sowie die familieneigenen Häuser rund um das «Cheesmeyer-Huus». Doch er fungierte auch als Initiant der kompletten Restauration der katholischen Kirche St. Josef in Sissach, des einzigen neuromanischen Gotteshauses auf dem Kantonsgebiet. Auch das Gemeindehaus von Sissach wurde vor 50 Jahren unter seiner Federführung erweitert und restauriert. Die Liste liesse sich (fast) beliebig verlängern.
Häfelfinger fiel auf Gemeindeebene zuweilen als unbequemer Mitbürger auf. Häufig aber erwiesen sich seine Anstösse als wertvoll und zukunftsweisend, weil er damit die Behörden zum Nach- und Überdenken zwang. Dass ein Mann, der so viel Gutes für die Allgemeinheit, die Gemeinde und letztlich für die Lebensqualität aller getan hat, hie und da mimosenhaft reagiert hat, wenn er sich unverstanden und ungerecht behandelt oder ignoriert gefühlt hat, möge man ihm nachsehen.
Auch mit mehr als 90 Jahren lag ihm besonders der «Cheesmeyer», dessen Wohlergehen und Zukunft am Herzen. Die Entwicklung des Areals zwischen «Cheesmeyer» und Bahnhof hat er zwar nicht mehr erleben dürfen, aber zumindest den Eindruck, dass es nun – nach verschiedenen Anläufen – doch noch zur Realisierung kommen dürfte.
Häfelfingers Visionen beschränkten sich nicht auf das Architektonische. So kämpfte er etwa für die Tieflage der Bahn im Rahmen des Projekts Bahn 2000 – hier sahen er und seine Mitstreiter sich allerdings grossen Widerständen gegenüber. Lange musste er auch für den Erhalt der Unteren Fabrik im Zuge der Realisierung der Umfahrung Sissach kämpfen; immerhin erhielt er im Jahr 1995 dafür den Baselbieter Heimatschutzpreis.
Drei Jahre darauf konzipierte der Tüftler Robi Häfelfinger zusammen mit anderen den schwebenden Fesselballon «exposphere». Mit einem Ballon hätten an der Landesausstellung «Expo.02» bis zu 100 Personen in die Höhe aufsteigen sollen. Die Ballone wären an der «Expo» als eine Art mobile Artepavillons zum Einsatz gekommen. Die «Expo»-Leitung indes zog die Reissleine. Eine anderweitige Realisierung der Idee (etwa im Disneypark) scheiterte an den hohen finanziellen Hürden sowie den Ereignissen von 9/11. Realisiert wurde hingegen ein anderes Projekt, 20 Jahre früher: Häfelfinger konstruierte sogenannte «Interaid»-Container als Notbehausungen, die der durch Erdbeben geplagten Bevölkerung in Italien zugutekamen.
Die Gemeinde Sissach und die Bevölkerung haben Robert Häfelfinger viel zu verdanken und sind ihm zu grossem Dank verpflichtet. Hätte es den Kulturpreis Sissach schon früher gegeben – er hätte den Preis für sein Lebenswerk wohl erhalten.
Am 4. Oktober dieses Jahres ist Robert Häfelfinger in seinem 96. Lebensjahr gestorben. Die Abdankung wird am 21. Dezember stattfinden.
Robert Bösiger, Sissach


