Der «Alte» erhält ein Korsett
27.08.2026 BöcktenFür rund 27 Millionen Franken sanieren die SBB den Bahndamm
Der Bahndamm in Böckten ist mehr als 100 Jahre alt – und bewegt sich zunehmend. Nun machen ihn die SBB bis Ende 2027 fit für die Zukunft. Die angrenzende Grundwasserschutzzone stellt die Verantwortlichen vor besondere Herausforderungen.
Pascal Kamber
Die Bahnstrecke zwischen Basel und Olten ist eine der wichtigsten Eisenbahnverbindungen der Schweiz. Rund 420 Züge verkehren täglich auf dieser Linie, die als Teil der europäischen Nord-Süd-Achse auch für den internationalen Personen- und Güterverkehr eine bedeutende Rolle spielt. Entsprechend hoch sind die Anforderungen an den Bahnbetrieb. In dieses Bild passt der Bahndamm in Böckten längst nicht mehr: Zwischen 1912 und 1914 wurde er mit Ausbruchmaterial aus dem Bau des Hauenstein-Basistunnels aufgeschüttet – zu einer Zeit, als die Züge noch leichter waren und deutlich seltener verkehrten.
Während der vergangenen 100 Jahre haben sich die Bedingungen grundlegend verändert. Entsprechend gross ist der Sanierungsbedarf. Denn seit einigen Jahren setzt und bewegt sich der Damm. Lokal betragen die Verschiebungen inzwischen mehr als einen Zentimeter pro Jahr. Mitverantwortlich dafür ist die Zusammensetzung des Bahndamms: Das Material ist sehr heterogen und wurde beim damaligen Bau kaum verdichtet. Das stellt heute die Verantwortlichen bei den Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) vor Probleme. «Wir wissen nicht im Detail, was wir antreffen, wenn wir in den Damm bohren. Wir müssen also spontan reagieren», sagt Matthias Pflugi, der als Oberbauleiter die Sanierungsarbeiten vor Ort in Böckten koordiniert.
Komplexe Bedingungen
Die Ungewissheit ist nur eine von vielen Herausforderungen, die sich Pflugi und seinem Team im Oberbaselbiet stellen. Damit die eigentliche Sanierung des Bahndamms beginnen kann, sind umfangreiche Vorbereitungsarbeiten nötig: So wurden für die Autowerkstatt bei der Schwarzen Brücke sowie für jene am Dammweg in Böckten temporäre Abstellplätze errichtet, Ersatz-Velowege erstellt, das Verkehrsregime innerhalb des Dorfs angepasst und Gespräche mit Landwirten über den Landerwerb entlang des Damms geführt. Auch der Weiher beim Rebackerweg wird auf die andere Seite zum Tiergartenweg «gezügelt». Nach Abschluss der Sanierung wird er von den SBB am ursprünglichen Standort renaturiert. «Die Rahmenbedingungen sind sehr komplex, um die Baustelle zu konzipieren. Es sind viele Menschen und Interessengruppen involviert, dementsprechend viele Bedürfnisse müssen wir berücksichtigen und abwägen», sagt Pflugi. Hinzu kommt die stark befahrene Hauptstrasse: «Wir bringen relativ viel neues Material hin und sorgen so für zusätzlichen Verkehr.»
Die grösste Hürde stellt die Umwelt selbst dar: Auf der Nordseite des Dammabschnitts zwischen der Schwarzen Brücke und der Unterführung Weiermattstrasse befindet sich eine Grundwasserschutzzone, die der Kanton Baselland gerne in Richtung Böckten ausdehnen möchte. «Das ist noch nicht umgesetzt, wir mussten es aber bei unserer Planung ebenfalls berücksichtigen», sagt Pflugi. Vorsorglich dichteten seine Mitarbeiter sämtliche Installationsplätze ab und versiegelten sie mit Asphalt. Das Regenwasser wird in sogenannten Absatzbecken gesammelt, gereinigt und schliesslich in die Kanalisation geleitet. Hier kam den SBB der trockene Sommer entgegen, erklärt Matthias Pflugi: «Wäre der Boden feucht gewesen, hätten wir ihn wegen des Bodenschutzes nicht zuschütten dürfen und warten müssen.»
Wegen der Schutzzone müssen die SBB zudem strenge Vorschriften bei der Betonzusammensetzung beachten: Bohrungen unter den Grundwasserspiegel sind ebenso wenig erlaubt wie der Einsatz von wassergefährdenden Flüssigkeiten. Die Bohrmaschine, die am Bahndamm zum Einsatz kommt, muss über Nacht auf abgedichteten «Inseln» stehen, damit im Falle eines Lecks kein Öl im Boden versickern kann. Immerhin: Anstatt Diesel kommt Strom zum Zug, denn die SBB wollen eine Elektro-Bohrmaschine einsetzen. «Es ist ein Pilotversuch. Sollte dieser nicht funktionieren, greifen wir auf die herkömmliche Maschine zurück», sagt Pflugi.
Korsett aus Bohrpfählen
Die Auflagen sind nicht ohne. «Das ist eine ziemlich teure Geschichte», sagt der Oberbauleiter, betont aber: «Der Schaden wäre noch viel grösser, wenn wir nichts machen würden.» Deshalb wollen die SBB das Risiko einer Verschmutzung des Grundwassers so weit wie möglich minimieren: «Man sieht gerade in diesem Sommer, wie wichtig Wasser ist. Deshalb haben wir uns nie gegen diese Massnahmen des Kantons und des Gemeindeverbunds Wasserversorgung Wühre gewehrt. Im Gegenteil, wir finden sie sinnvoll.» Die Option, die Sanierung «von oben herab» über die Bahngleise durchzuführen, wurde geprüft und verworfen. «Wir hätten dafür nicht genügend Sperrungen erhalten, weil die Strecke so stark befahren ist», erklärt Pflugi.
Momentan laufen die letzten Vorbereitungen, damit im Herbst die eigentliche Sanierung des Bahndamms beginnen kann. Zuerst bauen die SBB Stahlnägel ein, um die Böschung zu sichern. Anschliessend werden 90 Zentimeter breite Bohrpfähle senkrecht in den Boden gebohrt. Sie bilden auf beiden Seiten des Damms das Fundament für die Beton-Stützwände, die schliesslich horizontal mit Zuggliedern aus Stahl verbunden werden.
Auf der 500 Meter langen Baustelle sind rund 150 solcher Querungen geplant – also etwa alle drei Meter eine. «Mit diesem Fangedamm-System verpassen wir dem Bahndamm ein Korsett, damit er sich nicht weiter auseinander bewegt», erklärt Matthias Pflugi. Ende kommenden Jahres soll die Sanierung abgeschlossen sein. Die Kosten belaufen sich auf rund 27 Millionen Franken. Der Bahnverkehr wird durch die Arbeiten nicht eingeschränkt, Nachteinsätze sind nur vereinzelt vorgesehen, dieses Jahr zum Beispiel im kommenden November und Dezember.
Matthias Pflugi betont, dass die Sicherheit während der gesamten Sanierung gewährleistet sei. Seit dem Jahr 2023 wird der Bahndamm mit Messgeräten überwacht. Droht er abzusinken, schlagen die Geräte frühzeitig Alarm. «Wir haben nie die akute Gefahr gesehen, dass der Damm von heute auf morgen auseinander fällt. Die Sanierung erfolgt in einem regulären Verfahren», sagt Matthias Pflugi.
Nach der Sanierung werden die SBB den Bahndamm weiter überwachen, um zu sehen, ob die Setzungen wie erhofft abklingen. Läuft alles nach Plan, sollen sich die horizontalen und vertikalen Bewegungen ab 2028 auf maximal einen Millimeter pro Jahr reduzieren. Ist dies der Fall, folgt der «krönende Abschluss» für den Bahndamm in Böckten: Im Rahmen eines zusätzlichen Projekts wollen die SBB in drei bis fünf Jahren den Gleisunterbau mitsamt Entwässerung erneuern. Bis dahin bauen sie während der Dammsanierung eine Drainage ein, die überschüssiges Wasser ableiten soll. Aktuell liegt Matthias Pflugis Fokus aber auf dem «Innern» des Damms: «Wir machen ihn fit für weitere 100 Jahre.»



