Demokratie in der ursprünglichsten Form
17.04.2026 Wittinsburg, PolitikCaroline Zürcher, Gemeindepräsidentin SP, Wittinsburg
Als Gemeindepräsidentin durfte ich in den vergangenen Jahren viele politische Prozesse begleiten. Doch Anfang Mai erfülle ich mir einen Traum: Zum ersten Mal werden mein Mann und ich die ...
Caroline Zürcher, Gemeindepräsidentin SP, Wittinsburg
Als Gemeindepräsidentin durfte ich in den vergangenen Jahren viele politische Prozesse begleiten. Doch Anfang Mai erfülle ich mir einen Traum: Zum ersten Mal werden mein Mann und ich die Landsgemeinde in Glarus besuchen. Wir werden bereits am 2. Mai nach Glarus reisen, da ich eine Führung gebucht habe, um die besonderen Gepflogenheiten und die Geschichte dieser einzigartigen Institution näher kennenzulernen und uns perfekt auf den Anlass vorzubereiten.
Seit mehr als 700 Jahren treten die Landsleute im Kanton Glarus zur Landsgemeinde zusammen. Diese lange Tradition beeindruckt mich sehr. Die Landsgemeinde ist gelebte direkte Demokratie in ihrer ursprünglichsten Form: Stimmbürgerinnen und Stimmbürger ab dem vollendeten 16. Altersjahr versammeln sich unter freiem Himmel, diskutieren Vorlagen und stimmen mit Handerheben ab. Dabei können sie nicht nur Ja oder Nein sagen, sondern auch Anträge stellen, Vorlagen abändern oder ergänzen. Was in anderen Kantonen oft über Volksinitiativen geschieht, ist hier unmittelbarer Bestandteil der Versammlung. Besonders spannend finde ich den sogenannten Memorialsantrag, mit dem Anliegen direkt aus der Bevölkerung aufgenommen werden können. Eine zentrale Rolle kommt dem Land- ammann zu. Er leitet die Versammlung, sorgt für einen geordneten Ablauf und trägt grosse Verantwortung, insbesondere im Umgang mit komplexen oder auch polarisierenden Traktanden. Diese Aufgabe stelle ich mir besonders anspruchsvoll vor. So ist es jeweils schon an Gemeindeversammlungen nicht ganz einfach, die Anträge der Bürgerinnen und Bürger verfahrensrechtlich korrekt zu behandeln.
Der Kanton Glarus verbindet Tradition mit bemerkenswertem Reformwillen. An der Landsgemeinde 2007 wurde das Stimmrechtsalter auf 16 Jahre gesenkt. Hierbei handelt es sich um einen mutigen Entscheid, der schweizweit Beachtung fand. Ebenso bedeutend war die Gemeindereform 2011, bei der die Anzahl der Gemeinden auf drei reduziert wurde. Dies wäre im Baselbiet mit seiner stark föderalistischen Struktur aktuell nicht vorstellbar. Auch wichtige finanzpolitische Kompetenzen liegen direkt beim Volk: So werden etwa der Steuerfuss festgelegt und grössere Kredite genehmigt.
Im sozialpolitischen Bereich hat Glarus ebenfalls eigenständige Lösungen ent- wickelt. Die Sozialhilfe ist klar kantonal geregelt und organisiert, was zu einheitlichen Standards führt und die Gemeinden entlastet. Diese Struktur zeigt, wie Verantwortung sinnvoll gebündelt werden kann, ohne die Bürgernähe aus den Augen zu verlieren.
Ich freue mich sehr darauf, diese besondere Atmosphäre vor Ort zu erleben. Politik wird im Kanton Glarus nicht nur in Sitzungszimmern gestaltet, sondern unter freiem Himmel gelebt. Für mich ist dieser Besuch eine wertvolle Erinnerung daran, weshalb wir uns politisch engagieren: Demokratie lebt vom Mitmachen. Glarus zeigt eindrücklich, wie lebendig und verantwortungsvoll direkte Demokratie sein kann. Von diesen Eindrücken lasse ich mich gerne für unsere eigene Gemeindearbeit inspirieren.
In der «Carte blanche» äussern sich Oberbaselbieter National- und Landratsmitglieder sowie Vertreterinnen und Vertreter der Gemeindebehörden zu einem selbst gewählten Thema.

