Das wichtigste Ziel erreicht
03.07.2026 NusshofRolf Wirz über Finanzen, Widerstand und den Abschied aus dem Amt
Nach sechs Jahren als Gemeindepräsident ist Rolf Wirz wieder ein einfacher Einwohner und Stimmbürger von Nusshof. Sein wichtigstes Ziel, den Bilanzfehlbetrag auszugleichen, hat er während seiner Amtszeit ...
Rolf Wirz über Finanzen, Widerstand und den Abschied aus dem Amt
Nach sechs Jahren als Gemeindepräsident ist Rolf Wirz wieder ein einfacher Einwohner und Stimmbürger von Nusshof. Sein wichtigstes Ziel, den Bilanzfehlbetrag auszugleichen, hat er während seiner Amtszeit erreicht. Das kostete ihn viel Geduld und Energie.
Christian Horisberger
Zuerst wollte er, aber die Wählerinnen und Wähler wollten ihn nicht. Dann wollte er nicht mehr, aber die Wähler ihn. Als sie nicht lockerliessen, willigte er ein – und ging auf tutti. Und so wurde Rolf Wirz 2020 nicht nur Gemeinderat von Nusshof, sondern gleich auch Präsident.
Liebe auf den ersten Blick war es wahrlich nicht zwischen dem aus Sissach zugezogenen Wirz und der Wählerschaft des 291-Seelen-Dorfs. Und auch in der sechsjährigen «Ehe» gab es zum Teil heftige Auseinandersetzungen, welche die Beziehung zwischen dem Gemeinderat mit Wirz an der Spitze und dem Souverän auf die Probe stellten. Aber nach und nach gewöhnte man sich aneinander und in den strittigen Fragen wurden Kompromisse gefunden. So konnte Rolf Wirz mit der Befriedigung aus dem Amt scheiden, sein Hauptziel erreicht zu haben: Der gemäss Gemeindegesetz unzulässige Bilanzfehlbetrag ist ausgeglichen. Es konnte sogar ein Pölsterchen von 100 000 Franken angespart werden.
Fürs «Aadie Breesi»-Gespräch treffen wir Wirz, den früheren Chefredaktor der «Volksstimme» und heutigen stellvertretenden Sprecher der Baselbieter Regierung, im Einfamilienhaus, in dem er mit seiner Partnerin lebt. Er hat in der Stube am Kopfende des rustikalen Holztischs Platz genommen, wenige Meter neben ihm döst in seinem Körbchen ein junger Brandlbracke-Welpe, den er als Jagdhund ausbildet, wie er sagt. Zwei Hunde, die ihn während vieler Jahre bei Spaziergängen und auf der Jagd begleiteten, sind kürzlich verstorben. Er hätte sich das früher, als er noch keine Hunde hatte, niemals vorstellen können, «aber das geht einem schon sehr nahe».
Situation falsch eingeschätzt
Wirz macht aus seinem Herzen keine Mördergrube. Er spricht auch offen aus, was ihn im Amt manchmal frustriert hat: Er habe erwartet, dass der Gemeinderat bei seinen Bestrebungen, die Finanzen ins Lot zu bringen, von einer Mehrheit der Bevölkerung unterstützt würde. Doch sei die Mehrheit der Stimmbürger an Gemeindeversammlungen Leuten gefolgt, die Behauptungen in den Raum stellten, ohne diese sachlich belegen zu können. Zweimal lehnte der Souverän eine vom Gemeinderat als so dringlich erachtete Steuererhöhung ab.
«Weil Nusshof so dringend auf Leute angewiesen war, die sich für das Gemeinderatsamt zur Verfügung stellen, ging ich davon aus, dass dem Gemeinderat bei seinen Bemühungen, das Dorf voranzubringen, keine Steine in den Weg gelegt werden», sagt Wirz rückblickend, «aber das war wohl naiv von mir.»
Stattdessen habe es Kreise gegeben, die «gegen alles Opposition gemacht» hätten, was der Gemeinderat zum Positiven habe verändern wollen. Dies, obwohl es keinen Anlass gegeben habe, dem Gemeinderat zu misstrauen, findet Wirz: «Aber im Amt wird man plötzlich mit anderen Augen angeschaut: als Teil des Staatsapparats.» Nach den beiden abgelehnten Steuererhöhungen hatte er beschlossen, nicht weiter gegen Windmühlen zu kämpfen und auf eine Kandidatur für eine zweite Amtsperiode zu verzichten.
Und wieder ging ein Plan von ihm nicht auf: Im ersten Wahlgang der Gesamterneuerungswahlen von 2024 wurde nur der offiziell kandidierende Patrick Born gewählt, im zweiten – bei relativem Mehr und ohne Kandidierende – der zurückgetretene Rolf Wirz und der frühere Gemeinderat Ueli Michel. «Wenn ich nicht weitergemacht hätte, wäre es auf eine Zwangsverwaltung hinausgelaufen», sagt Wirz. Aber er stellte damals sofort klar, dass Ende 2025 Schluss sein werde. Schliesslich hat er dann noch ein halbes Jahr angehängt, um die Rechnung 2025 noch abschliessen zu können.
Das Ergebnis der letzten Rechnung seiner Amtszeit hat der 62-Jährige mit einer gewissen Genugtuung zur Kenntnis genommen. Dank eines Gewinns von 150 000 Franken weist die Bilanz nun wieder einen Überschuss von rund 100 000 Franken aus. Damit hat Präsident und Säckelmeister Wirz sein ursprüngliches Hauptziel tatsächlich erreicht: Das Bilanzdefizit ist getilgt. Dazu beigetragen haben unter anderem die Ende 2024 – im dritten Anlauf – erfolgreiche Erhöhung des Gemeindesteuerfusses um 3 auf 62 Prozentpunkte, allgemein höhere Steuereinnahmen sowie die Neuverhandlung des Kreisschulvertrags mit Wintersingen. Die Steuererhöhung brachte mehr Einnahmen, der neue Vertrag geringere Ausgaben: «Die Massnahmen tragen Früchte.»
Kein Grund zur Euphorie
Wirz hätte Grund, mit dem Erreichten zufrieden zu sein, doch er wäre gerne weitergekommen: «Hätte man früher auf den Sanierungskurs eingeschwenkt, wären wir schon länger aus dem Schlamassel raus. So aber hatten wir aufgrund der Bilanzunterdeckung während sechs Jahren keinen Gestaltungsspielraum.»
Dass nun ein kleines Polster aufgebaut werden konnte, sei erfreulich, so Wirz, aber längst kein Grund zur Euphorie: «Dieses Geld ist rasch wieder weg.» Zum Beispiel für die Umgestaltung der Bushaltestelle im Zentrum oder für die Gesamtmelioration (siehe «Volksstimme» von gestern). Für diese beiden Projekte kann die Gemeinde Nusshof mit namhaften Beiträgen von Bund und vom Kanton rechnen, doch wird die Gemeinde ebenfalls in die Tasche greifen müssen.
Als positive Errungenschaften seiner Amtszeit beurteilt der zurückgetretene Präsident die Einführung von Tempo 30 auf Gemeindestrassen und die gemeinsame Verwaltung mit Wintersingen: Diese Lösung koste etwas weniger als vorher und sei effizienter.
Neuigkeiten zu einer weiteren Vertiefung der Zusammenarbeit mit Wintersingen, die in einer Fusion münden könnte, kann Wirz zu seinem Abschied keine vermelden. Seit einem «rein informellen Austausch» beider Gemeinderäte zum Thema sei nichts Weiteres geschehen. Er habe hier bewusst nichts forciert, um seinen Nachfolgern damit nichts aufzubürden, wie er sagt.
Dem Anspruch an sich selber glaubt Rolf Wirz in den vergangenen sechs Jahren gerecht geworden zu sein: Alle Einwohnerinnen und Einwohner gleich behandeln, gesunden Menschenverstand walten lassen und das Dorf weiterbringen.
Wer vom dreiköpfigen Gemeinderat seine Nachfolge als Präsident antritt, steht noch nicht abschliessend fest. Die stille Wahl ist möglich.
«Ich wünschte mir für Nusshof mehr Gemeinschaftssinn»
Herr Wirz, was werden Sie vermissen?
Rolf Wirz: Die Zusammenarbeit mit den Mitgliedern des Gemeinderats. Wir hatten an unseren Sitzungen immer eine gute Atmosphäre. Es gab nie Krach und wir konnten lösungsorientiert arbeiten. Sehr geschätzt habe ich auch den Austausch mit Vertreterinnen und Vertretern anderer Gemeinden, die Möglichkeit, in Themen hineinzuschauen, die für mich vollkommen neu waren, oder die Unterstützung kantonaler Stellen bei verschiedenen Fragestellungen.
Was werden Sie nicht vermissen?
Gemeindeversammlungen, an denen Behauptungen ohne Hand und Fuss aufgestellt werden.
Was wünschen Sie sich für Ihr Dorf?
Mehr Gemeinschaftssinn. Da wir nur wenige Dorfvereine haben, würde ich es umso mehr begrüssen, wenn sich mehr Einwohnerinnen und Einwohner aus den Gruppen der Alteingesessenen, den früheren Zuzügern und den Neuzuzügern an den wenigen Dorfanlässen beteiligen würden – zum Beispiel am Banntag. Ich habe versucht, dies vorzuleben.
Sie stammen aus Sissach, waren dort Bürgerrat. Warum haben Sie die Antennen für eine mögliche Fusion nicht in diese Richtung ausgefahren?
Für Sissach wären wir im Fall einer Fusion ein Quartier ohne Priorität. Vom Dorfcharakter her passen wir viel besser zu Wintersingen, mit dem uns nicht nur die Schule und die Verwaltung verbindet, sondern auch die Kirchgemeinde. Und unsere Jugend geht in Wintersingen in den TV.
Was geben Sie Ihrem Nachfolger/Ihrer Nachfolgerin mit auf den Weg?
Der Gemeinderat muss zu den Finanzen weiterhin Sorge tragen, aber das wissen dessen Mitglieder auch selber.
Was fangen Sie mit der gewonnenen Freizeit an?
Ich mache mir keine Sorgen, dass ich mich nicht beschäftigen kann. Ich gehe auf die Jagd, habe einen jungen Hund, bewirtschafte einen Rebberg und sitze im OK des Nordwestschweizer Schwingfestes 2027 in Sissach. Ich bin nach einer Pause wieder im Lions Club aktiv, spiele Tennis und Curling und habe im vergangenen Jahr wieder angefangen zu golfen. Ausserdem bin ich seit Kurzem Mitglied der Partei «Die Mitte».
ROLF WIRZ
ch. Der abgetretene Nusshöfer Gemeindepräsident ist 62-jährig und stammt aus Sissach. Nach einer längeren journalistischen Tätigkeit – unter anderem als Chefredaktor der «Volksstimme» – wurde er zunächst Sprecher der Baselbieter Polizei, dann der Baselbieter Volks- und Gesundheitsdirektion. Heute wirkt er als stellvertretender Sprecher der Baselbieter Regierung und ist verantwortlich für Kommunikation und digitale Transformation. Er lebt in Partnerschaft.


