«Das Unvorhergesehene ist immer möglich – doch wir sind parat»
17.07.2026 Basel, BaselAnna Wegelin
Ab heute Freitag wird das «Basel Tattoo» wiederum Publikum von nah und fern begeistern mit Musik, Tanz und Gloria. Total 190 000 Zuschauerinnen und Zuschauer werden zum nach Edinburgh weltweit zweitgrössten Open-Air-Festival dieser Art erwartet, davon 70 ...
Anna Wegelin
Ab heute Freitag wird das «Basel Tattoo» wiederum Publikum von nah und fern begeistern mit Musik, Tanz und Gloria. Total 190 000 Zuschauerinnen und Zuschauer werden zum nach Edinburgh weltweit zweitgrössten Open-Air-Festival dieser Art erwartet, davon 70 000 an den Shows und 120 000 an der Parade diesen Samstagnachmittag. Es gibt elf Vorstellungen in neun Tagen, unter den Mitwirkenden drei königliche Formationen, Weltklasse-Acts aus der internationalen Showtrommel-Szene und eine legendäre Dudelsack-Band (siehe dazu auch das «Ausgefragt» auf Seite 10).
Das gigantische Freilicht-Spektakel unter der Schirmherrschaft des Eidgenössischen Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) feiert sein 20-Jahre-Jubiläum. Reto Scacchi aus Waldenburg ist zum neunten Mal als Sicherheitschef des «Basel Tattoo» im Einsatz. Wir treffen ihn Anfang Juli im Innenhof des mächtigen Kasernen-Hauptbaus am Kleinbasler Rheinufer. Hier wird gerade ein riesiges Metallgerüst montiert: die neue Arena. Sie besteht aus sage und schreibe 400 Tonnen Stahl und ist das Konstrukt einer Eventbaufirma aus der Innerschweiz mit Platz für 7700 Personen. Es herrscht ein emsiges Treiben und eine hohe Konzentration. Alle wissen, was zu tun ist, und die Stimmung ist gut.
«Wir sind fast wie eine Familie», erzählt Scacchi, der sich für den Besuch der «Volksstimme» in den sogenannten Tartan gestürzt hat: lange Hose und Gilet von feinster Lammwollqualität im blau-grünen Schottenkaro, dazu ein passendes dunkles Jacket mit «Basel-Tattoo»- Pin. Das Festival-Team mit seinen 450 Helferinnen und Helfern sei eine gestandene Gruppe, die sich kenne: «Du kannst dich darauf verlassen, dass es klappt.»
Die Atmosphäre während der Vorstellungen beschreibt er als ein «Superklima mit Gleichgesinnten» und «ein farbenfrohes Feuer mit viel Licht, Tanz und Dudelsack». Nicht viel anfangen kann er mit dem Vorurteil, wonach es beim «Basel Tattoo» rein militärisch zugehe. Aber es sei schon so, die Kittel würden auch bei Temperaturen von mehr als 30 Grad nicht ausgezogen – Präzision und Disziplin sind Ehrensache.
Militär als prägende Zeit
Wer ist Scacchi und was ist seine Aufgabe als Sicherheitschef am «Basel Tattoo»? Scacchi, was «Schach» auf Italienisch bedeutet, wuchs in Niederdorf auf. Er machte eine Polymechanikerlehre bei der Firma Revue Thommen in Waldenburg. Anschliessend absolvierte er eine Technikerausbildung im Maschinenbau und arbeitete als Konstrukteur und Entwickler beim Forschungsinstitut Straumann, das damals mit dem Zahnimplantate-Geschäft durchstartete.
Im Militär durchlief er die «klassische Karriere» bis zum Kompaniekommandanten: «Das war ein ‹Lehrblätz› zu einer anderen Zeit.» In der Armee habe er in jungen Jahren gelernt, wie man aus Fehlern lernt und mit Menschen an etwas arbeitet. «Motivieren, anziehen und loslassen und vor allem Vertrauen entgegenbringen» – so lauten seine Maximen als Führungspersönlichkeit. Das streng Militärische habe er jedoch «überhaupt nicht gern», so Scacchi, der bis zu seiner Pensionierung mit 64 vergangenen Herbst während 30 Jahren als Einsatzleiter und Schadenplatzkommandant bei der Rettung Basel-Stadt tätig war. Zudem war der Oberbaselbieter während vieler Jahre Chefausbilder für Zivilschutz beim Stadtkanton.
Scacchi bezeichnet sich als «einen Joker des ‹Basel Tattoo›». Er weiss, wie die Festivalorganisation tickt und was es braucht, um Ereignisse im Team zu bewältigen – nicht zuletzt auch dank der vielen freiwillig Helfenden. Grundlage für die Sicherheit am «Basel Tattoo» bildet ein bewährtes Konzept mit Krisenstab, in dem Scacchi als Sicherheitschef dabei ist. «Wir sind parat, wenn die Post abgeht», sagt er. Es gebe viele Gefahren, die sich voraussagen liessen. Unvorhergesehenes sei jedoch immer möglich: «Das ist das Heterogene an der ganzen Geschichte.» Wenn zum Beispiel eine brennende Fritteuse in der «Tattoo Street», der Festmeile, einen Flächenbrand auslösen würde oder es zu Manipulationen, Massenpanik oder Drohungen käme.
«Wir haben einen eigenen, professionellen Sanitätsdienst auf dem Gelände mit Behandlungsplätzen und Notarztpersonal», betont er. Das sei eine grosse Entlastung für den kantonalen Rettungsdienst. Pro Vorstellung suchen im Schnitt 75 bis 80 Personen die vom Organisator bereitgestellte Sanität auf, häufig wegen Kopfweh oder einem «vertrampten» Fuss. Zwei bis vier Personen müssen pro «Basel Tattoo»- Jahr wegen Kreislaufproblemen oder Schnittwunden ins Spital.
Wettergott liebt das «Tattoo»
Als ein «grosses sicherheitsrelevantes Thema» bezeichnet Scacchi den Wetterumschlag. Ob Hagelschlag oder Jahrhundertgewitter, beim Wetter könne es schon Grenzerfahrungen geben, weiss er: «Da muss man auch Glück haben.» Doch erstens seien sie auf alles gefasst und zweitens «sehr eng» mit der Wetterbeobachtung des Flughafens «Euro-Airport» vernetzt. Drittens sei der Kasernenhof in den vergangenen Jahren bei drohenden Gewittern interessanterweise immer verschont geblieben. «Ein Phänomen, das ich mir nicht erklären kann», so Scacchi: «Auch wenn eine Front kommt, macht sie bei der Mittleren Brücke kehrt und entlädt sich anderswo.»
Bei einer Krise sei der Stab jeweils knapp eine halbe Stunde im Einsatz, bevor die ordentlichen Blaulicht-Behörden die Einsatzleitung übernehmen. Im Falle der Fälle gebe er zum Beispiel Anweisungen für den geeigneten Anfahrtsweg für Rettungswagen oder sorge dafür, dass keine Leute unbefugt hinter und unter die Bühne gehen. Daneben gebe es Routinearbeiten hinsichtlich der Infrastruktur: zum Beispiel jeden Morgen das Gerüstsystem der Arena überprüfen, die sich im öffentlichen Raum befindet; sichergehen, dass der Vorhangstoff für die Garderoben unter der Arena feuerfest ist und der Blitzableiter funktioniert; oder dafür sorgen, dass der Wurzelschutz für die angrenzenden Bäume auf dem Kasernenareal gewährleistet ist.
Schlaflose Nächte und Lampenfieber vor dem Festival kennt Scacchi nicht. «Wenn es losgeht, habe ich eine gute Anspannung.» Ab heute Freitag wird der Sicherheitschef jeweils am Nachmittag bis in die frühen Morgenstunden im Einsatz sein. «Ich kann ja am Tag schlafen», meint er und schmunzelt. Die schönsten Momente am «Basel Tattoo» seien für ihn der «Lone Piper», der einsame Dudelsackspieler auf der Zinne, der Schottische Act – «einfach mystisch» – oder wenn die Patrouille Suisse über die Arena fliegt.
«20 Jahre ist eine stolze Zahl», sagt der Oberbaselbieter. Dem «Basel Tattoo» wünscht er zum runden Geburtstag weiterhin magische Momente und auch Exotisches sowie «Kurliges», das nicht unbedingt Weltklasse sein muss. Scacchi: «Das Wichtigste ist, dass alle irrsinnig gern ans ‹Tattoo› kommen und etwas Schönes zusammen erleben.»
20 Jahre «Basel Tattoo» vom Freitag, 17., bis Samstag, 25. Juli. Zutritt zur Festmeile ist auch ohne Ticket möglich. «Basel Tattoo»-Parade durch die Innenstadt am Samstag, 17. Juli, 14 bis 16 Uhr. www.baseltattoo.ch


