Das Tal ist gefordert – der Kanton auch
07.07.2026 WaldenburgRegierungsrat sieht wirtschaftliche Schwächen und verweist auf lokale Akteure
Das Waldenburgertal wächst langsamer als der Kanton, hat Arbeitsplätze verloren und wirtschaftlich an Gewicht eingebüsst. Gleichzeitig sieht der Regierungsrat Potenzial in der Industrie, im ...
Regierungsrat sieht wirtschaftliche Schwächen und verweist auf lokale Akteure
Das Waldenburgertal wächst langsamer als der Kanton, hat Arbeitsplätze verloren und wirtschaftlich an Gewicht eingebüsst. Gleichzeitig sieht der Regierungsrat Potenzial in der Industrie, im Tourismus, in der Wohnqualität und in der regionalen Zusammenarbeit. Dies geht aus einem Bericht der Regierung hervor.
David Thommen
Verlangt hatte den Bericht die Waldenburger FDP-Landrätin Andrea Kaufmann. Die Regierung solle prüfen und berichten, wie die Standortförderung Baselland das Waldenburgertal verstärkt unterstützen kann. Insbesondere soll der Regierungsrat aufzeigen, «welche Massnahmen ergriffen werden können, um die wirtschaftliche Entwicklung im Waldenburgertal nachhaltig zu fördern und noch ungenutztes Potenzial auszuschöpfen».
Der Bericht der Regierung liegt inzwischen vor – und er zeichnet ein gemischtes Bild. Positiv: Die Bevölkerung wächst. 2025 lebten knapp 16 700 Menschen im Bezirk Waldenburg, 6,5 Prozent mehr als 2011. Wobei: Im ganzen Kanton Baselland waren es im gleichen Zeitraum 10,3 Prozent, in der Schweiz sogar 14,7 Prozent. Das Tal wächst also – aber deutlich langsamer als sein Umfeld.
Noch deutlicher wird die Schieflage bei der Altersstruktur. Der sogenannte Altersquotient gibt an, wie viele Menschen im Rentenalter auf 100 Personen im Erwerbsalter kommen. Im Bezirk Waldenburg liegt der Quotient bei 39,9 Prozent – fast gleich hoch wie im gesamten, bekanntlich zur «Überalterung» neigenden Kanton (40,7 Prozent), aber weit über dem Schweizer Schnitt von 32,9 Prozent. Und während der Altersquotient in der Schweiz seit 2011 um 5,3 Prozentpunkte zulegte, waren es im Bezirk Waldenburg satte 12 Punkte. Die Region altert nicht nur, sie tut dies in einem Tempo, das weit über dem Durchschnitt liegt.
Ähnlich ernüchternd fällt die Entwicklung bei den Arbeitsplätzen aus. Zwischen 2011 und 2023 sank die Zahl der Beschäftigten im Bezirk Waldenburg um 5 Prozent – während sie im Kanton um 12,1 Prozent und in der Schweiz um 16 Prozent zunahm. Auch die Zahl der Arbeitsstätten ging im Tal leicht zurück (-0,5 Prozent), während sie kantonal um 8,2 Prozent und schweizweit um 13,1 Prozent wuchs. Der Regierungsrat spricht denn auch von einer Region, die «stark vom Strukturwandel betroffen» sei.
Schwächer als der Kanton
Besonders ins Gewicht fällt der Rückgang der wirtschaftlichen Leistungskraft. Das Bruttoinlandprodukt (BIP)
– also der Wert aller in der Region erzeugten Waren und Dienstleistungen – sank im Bezirk Waldenburg zwischen 2011 und 2024 preisbereinigt um 10,4 Prozent. Im gleichen Zeitraum wuchs es im Kanton um 13,8 Prozent, in der Schweiz gar um 25,3 Prozent. Die Folge: Pro Einwohner wurden 2024 im Tal gerade einmal rund 35 500 Franken erwirtschaftet. Im Kanton waren es mehr als doppelt so viel (rund 78 000 Franken), in der Schweiz gar rund 91 000 Franken.
Der Regierungsrat zieht daraus einen klaren Schluss: Der Bezirk Waldenburg sei ländlich geprägt, verfüge über weniger Arbeitsplätze als die Zentren und ein grosser Teil der Erwerbstätigen pendle täglich in andere Regionen. Das Waldenburgertal sei damit in erster Linie Wohn- und Lebensort – ein Gutteil der Wertschöpfung entstehe ausserhalb.
Plattform für neue Projekte
Gleichzeitig ist die Analyse nicht nur negativ. Der Bericht nennt auch Standortvorteile: eine hohe Wohn- und Lebensqualität, landschaftliche und touristische Qualitäten, die Anbindung an die Wirtschaftsregion Basel sowie industrielle Schwerpunkte. Besonders stark vertreten sind im Bezirk der primäre Sektor (Land- und Forstwirtschaft), das verarbeitende Gewerbe, die Metallindustrie und die Medizinaltechnik. Diese Konzentration könne auch Chancen bieten, etwa bei regionalen Wertschöpfungsketten, Nischenindustrien oder im Tourismus.
FDP-Landrätin Andrea Kaufmann hatte mit ihrem Postulat verlangt, dass der Kanton aufzeigt, wie die Standortförderung Baselland das Waldenburgertal gezielter unterstützen kann. Der Regierungsrat verweist in seiner Antwort vor allem auf bestehende und neue Förderinstrumente. Dazu gehört die «Neue Regionalpolitik» von Bund und Kanton. Für die Periode 2024 bis 2027 stehen dafür im – gesamten – Kanton Baselland je 990 000 Franken von Bund und Kanton zur Verfügung. Gefördert werden sollen Projekte in Gewerbe, Industrie, Dienstleistungen und Tourismus. Die Projektträger beteiligen sich in der Regel ebenfalls an den Kosten.
Konkret erwähnt der Regierungsrat unter anderem eine «Dialogplattform zur Standort- und Wirtschaftsförderung» im Waldenburgertal. Diese soll regionale Akteurinnen und Akteure zusammenbringen, Herausforderungen benennen und daraus konkrete Projekte entwickeln. Die Konzeptphase wurde Ende 2025 gestartet. Ab Mitte 2026 sollen die Arbeiten durch eine eigene Organisation im Waldenburgertal weitergeführt werden, unterstützt durch kantonale Stellen.
Ebenfalls aufgeführt wird der «Unternehmensaustausch Feinmechanik» Waldenburgertal. Dieses Format wurde nach der Ankündigung des Stellenabbaus bei Synthes lanciert, zusammen mit der Handelskammer beider Basel und KMU Waldenburgertal. Diskutiert wurden laut Bericht unter anderem der Fachkräftemangel, die Innovationskraft der Unternehmen, Raumplanung, Entsorgung und die Sichtbarkeit der Industrie ausserhalb der Region. Inzwischen ist dieser Austausch in die Dialogplattform integriert.
Tourismus als Chance
Weitere Projekte betreffen den «Waldenburgertaler Schatzfinder», ein Bonbuch zur Vernetzung von Betrieben, sowie ein mögliches Erlebnisangebot rund um die Oris Uhrenfabrik in Hölstein. Mit einer «Digital World Roadshow» sollen Unternehmen zudem für die Chancen und Herausforderungen der digitalen Transformation sensibilisiert werden. Drei der sechs Veranstaltungen im Kanton sind im Waldenburgertal vorgesehen.
Auch beim Tourismus sieht der Regierungsrat Ansatzpunkte: Er verweist auf die Erlebniskarte Langenbruck, Burgen-Touren mit Einbezug der Ruine Schloss Waldenburg, die E-Bike-Route «Bärg- und Tälitour», Anlässe im Rahmen der Genusswoche in Waldenburg und die neue «Schweiz-Mobil»-Rundwanderung in Langenbruck. Geplant ist zudem ein Pilotprojekt für einen Bus-Shuttle zwischen Langenbruck, Chilchzimmersattel und Eptingen, der im Herbst oder Winter dieses Jahres starten soll.
Als mögliche künftige Projekte nennt der Bericht die Sanierung der – zurzeit gesperrten – Ruine Schloss Waldenburg mit touristischem Erlebnisangebot, Familienangebote in Langenbruck sowie einen «Foodtrail» mit dem Velo. Damit setzt der Kanton nicht nur auf klassische Wirtschaftsförderung, sondern auch auf die sogenannte «residentielle Ökonomie» – also auf Angebote rund um Wohnen, Freizeit, Naherholung, Dienstleistungen und Tourismus.
Verantwortung bleibt im Tal
Der Bericht enthält aber auch eine klare Einschränkung: Der Kanton könne zwar Rahmenbedingungen setzen, Austauschplattformen initiieren und Projekte finanziell unterstützen. Entscheidend seien letztlich aber «aktive und motivierte regionale Akteure». Gemeint sind Gemeinden, Vereine, Verbände, Unternehmen und Private. Sie müssten durch Zusammenarbeit dafür sorgen, dass das Waldenburgertal ein attraktiver Wohnund Arbeitsort bleibt.
Mit diesen Feststellungen beantragt der Regierungsrat dem Landrat, das Postulat abzuschreiben. Politisch stellt sich nun die Frage, ob die Antwort genügt. Sie zeigt einerseits auf, dass der Kanton die wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Waldenburgertals anerkennt und einzelne Instrumente bereitstellt. Andererseits bleibt offen, ob aus Plattformen, Programmen und Projektideen genügend konkrete Wirkung entsteht (siehe Interview mit FDP-Landrätin Andrea Kaufmann).

