Das Recht auf Fehler
29.10.2026 PolitikPiero Grumelli, Gemeindepräsident Oberdorf, «Mitte»
Es gibt Dinge, die verstehe ich einfach nicht.
Wie oft sind wir als Kleinkinder beim Gehenlernen hingefallen? Wie oft sind wir beim Velofahren ohne Stützräder vom Sattel ...
Piero Grumelli, Gemeindepräsident Oberdorf, «Mitte»
Es gibt Dinge, die verstehe ich einfach nicht.
Wie oft sind wir als Kleinkinder beim Gehenlernen hingefallen? Wie oft sind wir beim Velofahren ohne Stützräder vom Sattel gesprungen oder haben uns die Knie aufgeschürft? Trotzdem wurden wir getröstet und ermuntert, es nochmals zu versuchen. Immer wieder haben wir etwas verschüttet, zerbrochen oder beschädigt. Und immer hat man uns Mut gemacht: Du schaffst das! Tatsächlich gelang es uns von Mal zu Mal besser. So funktioniert Lernen seit Jahrtausenden: durch Ausprobieren, Scheitern und Besserwerden.
Irgendwann kommen wir in die Schule – und auf einmal wird die Fehlerkultur zur Sackgasse. Fehler werden getadelt, notiert und rot angestrichen. Wer Angst vor der falschen Antwort hat, hebt irgendwann gar nicht erst die Hand. So erziehen wir den Kindern die Neugier und den Mut Schritt für Schritt ab. Unter Druck soll Wissen in einer auf 45 Minuten getakteten Prüfung abgefragt werden – auch wenn allen Beteiligten klar ist, dass das Kind die Aufgabe eigentlich verstanden hat. Abgefragt wird oft nur die Fähigkeit, Dinge kurzfristig auswendig zu lernen und ins Hirn zu pressen. Für ein vertieftes Erfahren und Erkunden reicht im überbordenden Lehrplan schlicht die Zeit nicht.
Das Ergebnis: Es wird zwar vieles durchgenommen, aber haften bleibt kaum etwas. Lehrbetriebe und weiterführende Schulen schlagen seit Jahren Alarm. Unser Kanton hat das vor einer Weile ebenfalls realisiert – und prompt ein rund 50-Millionen-Paket geschnürt, um dem beizukommen.
Dabei wäre es so einfach: Kinder sind von Natur aus neugierig und saugen Wissen auf wie Schwämme – wenn man denn die Themen behandelt, die sie gerade bewegen. Kinder wollen ausprobieren, tüfteln und eigene Erfahrungen sammeln. Jedes Kind lernt auch anders: Das eine schaut zuerst lieber zu, das zweite muss alles selbst anpacken, und ein drittes hört im Stillen zu und begreift im Hintergrund. Jedes Kind hat sein eigenes Tempo. Doch unser System verlangt stur, dass alle im gleichen Takt ticken, gleich funktionieren und zur selben Sekunde dasselbe lernen wollen.
Dass dieses System nicht funktioniert, wissen die Schulen längst. Sie versuchen tagtäglich, den Unterricht anzupassen, sind aber in einem starren Korsett gefangen. In seiner Weisheit begegnet der Kanton diesem Defizit nun mit noch mehr Regeln, mehr Teamsitzungen, mehr Berichten und Abklärungen – und erstickt die Pädagogik unter einem Berg aus Administration. Das viele Geld ist nur Kosmetik, und nur wenige Rappen kommen im Klassenzimmer an.
Gleichzeitig bereiten Lehrpersonen wie vor Jahrzehnten jede einzelne Stunde von Grund auf neu vor, obwohl längst für alle Lerntypen hervorragendes Digitalund Lernmaterial existieren würde. So züchten wir die Überlastung von Lehrkräften und Schulleitungen systematisch herbei. Und wenn dann noch unkooperative Eltern dazukommen, ist das System vollends für die Katz.
Was wäre, wenn wir stattdessen einfach wieder die Neugier der Kinder kitzeln – und den Jugendlichen dabei helfen, den Umbau in ihrem Frontallappen unbeschadet zu überstehen?
In der «Carte blanche» äussern sich Oberbaselbieter National- und Landratsmitglieder sowie Vertreterinnen und Vertreter der Gemeindebehörden zu einem selbst gewählten Thema.

