«Das Modell der Zukunft»
11.08.2026 SissachErstes grosses Gesundheitszentrum im Oberbaselbiet eröffnet
Seit Mitte Juli bietet die ehemalige Arztpraxis von Pascal Molteni am Bahnhof Sissach erweiterte medizinische Leistungen an. Mit dem Modell soll die Grundversorgung im Oberbaselbiet für die kommenden 30 Jahre ...
Erstes grosses Gesundheitszentrum im Oberbaselbiet eröffnet
Seit Mitte Juli bietet die ehemalige Arztpraxis von Pascal Molteni am Bahnhof Sissach erweiterte medizinische Leistungen an. Mit dem Modell soll die Grundversorgung im Oberbaselbiet für die kommenden 30 Jahre sichergestellt werden.
Sander van Riemsdijk
Bisher war sie an der Rheinfelderstrasse untergebracht. Doch nun geht die Arztpraxis von Pascal Molteni in der «Rössligarten»-Überbauung direkt am Bahnhof Sissach neue Wege. Im grosszügigen Praxisbetrieb auf zwei Stockwerken sind unter einem Dach sieben spezialisierte Fachbereiche vereint, um eine vernetzte Behandlung zu ermöglichen. Mit der hausärztlichen Grundversorgung als Herzstück werden von der Sportmedizin über ultraschallgesteuerte Infiltrationen bis zur spezialisierten Kardiologie verschiedene Leistungen angeboten.
Geschäftsführer Pascal Molteni betrachtet sein Gesundheitszentrum «SissaMed» als im Oberbaselbiet einzigartiges Modell und als nächsten Entwicklungsschritt in der medizinischen Versorgung. Dieser Schritt sei notwendig, weil junge Allgemeinmediziner im Sinne einer ausgewogenen Work-Life-Balance nicht mehr in einer Einzelpraxis arbeiten möchten, sondern in Gruppenpraxen mit mehreren Ärztinnen und Ärzten. «Die Verschiebung von der Einzelpraxis hin zu den Gruppenpraxen mit ihrem umfassenden medizinischen Angebot ist nicht mehr aufzuhalten. Es ist das Modell der Zukunft», so Molteni.
Das Konzept passt auch zu den Vorstellungen des Baselbieter Gesundheitsdirektors Thomi Jourdan (EVP), der Gesundheitszentren und damit die Ambulantisierung der Versorgung fördern will. Molteni sieht sein Modell im Einklang mit dem Konzept «Gesundheit Baselland 2030» von Regierungsrat Jourdan, kritisiert jedoch die fehlende Unterstützung vonseiten des Kantons und der Gemeinden. «Mit unserer Praxis holen wir Spezialisten in die Region, anstatt dass Patientinnen und Patienten für jede noch so kleine Behandlung nach Basel oder aufs Bruderholz fahren müssen», sagt Molteni. Mit dem neuen Angebot versteht sich der Mediziner und Unternehmer nicht als Konkurrent zu anderen Hausarztpraxen in der Region. «Nein, im Gegenteil, wir sehen uns im Rahmen der dezentralen Versorgung als Ergänzung. Unsere Leistungen stehen auch Patientinnen und Patienten anderer Arztpraxen zur Verfügung.»
Das breite Angebot von «Sissa-Med» soll dazu beitragen, unnötige Zuweisungen auf die Notfallstationen der Region zu vermeiden. «Unser Ziel ist es, möglichst viele Patientinnen und Patienten direkt bei uns abschliessend zu behandeln und ihnen damit den Gang ins Spital zu ersparen», erklärt Molteni. Ist eine Hospitalisation erforderlich, nimmt «SissaMed» frühzeitig Kontakt mit den zuständigen Spitalärztinnen auf. «So sollen Patienten nicht unnötig lange auf der Notfallstation warten müssen.»
Notfall- und Unfalldienste während der Nacht oder am Wochenende sind bei «SissaMed» nicht geplant. Erfahrungen zeigen, dass solche Angebote ausserhalb der regulären Öffnungszeiten nur begrenzt genutzt werden. «Für nächtliche und schwerwiegende Notfälle verfügt die Region mit dem KSBL bereits über die entsprechende Versorgungsstruktur», so Molteni.
Unternehmerisches Risiko
Mit dem erweiterten medizinischen Angebot und der modernen Infrastruktur stellt sich zwangsläufig auch die Frage nach der Wirtschaftlichkeit. Dass ein Gesundheitszentrum dieser Grössenordnung mit mehreren Ärztinnen und Ärzten sowie medizinischen Praxisassistentinnen ein unternehmerisches Risiko birgt, stellt Molteni nicht in Abrede. «Wenn wir wirtschaftlich auf der sicheren Seite hätten bleiben wollen, wären wir nicht umgezogen.» Für die Realisierung habe es neben Mut auch verlässliche Unterstützer aus der Industrie und dem Bankensektor gebraucht.
Im Vordergrund stand für Molteni jedoch stets die ärztliche Unabhängigkeit. «Wir wollten bewusst einen Gegenentwurf zum zunehmenden Trend schaffen, dass grosse Arztpraxen von Investoren oder Krankenversicherern übernommen werden.» Dadurch bestehe die Gefahr, dass wirtschaftliche Interessen stärker in medizinische Entscheidungen einfliessen. «Wir möchten in erster Linie unseren Patientinnen und Patienten verpflichtet bleiben und die Medizin nach fachlichen und menschlichen Kriterien gestalten können.»
Gewisse Sorgen bleiben
Um diese Unabhängigkeit zu bewahren, hätten die Verantwortlichen bewusst ein erhebliches finanzielles Risiko auf sich genommen. «Wir sind Ärztinnen und Ärzte aus Leidenschaft. Gleichzeitig tragen wir als Unternehmer Verantwortung dafür, dass die Rechnung aufgeht. Dieses Spannungsfeld begleitet uns. Das Risiko ist jedoch kalkulierbar, denn eine wohnortsnahe und qualitativ hochstehende medizinische Grundversorgung wird es immer brauchen.»
Angesichts der demografischen Entwicklung und der zunehmenden Zahl älterer Menschen rechnet Molteni damit, dass der Bedarf an medizinischen Leistungen in den kommenden Jahren weiter steigen wird. «In unserer früheren Praxis hätten wir diese Entwicklung räumlich nicht auffangen können.» Deshalb wurden im Neubau zusätzliche Behandlungszimmer als Reserve für künftiges Wachstum eingeplant, die derzeit noch nicht genutzt werden.
Das Schweizer Gesundheitswesen gehört zwar zu den teuersten weltweit, bietet zugleich aber eine medizinische Versorgung auf hohem Niveau. Mit der steigenden Nachfrage wächst auch seine gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung. Molteni sieht darin jedoch keinen klassischen Markt: «Gesundheitsversorgung lässt sich nicht allein nach Angebot und Nachfrage beurteilen. Entscheidend ist, dass wir langfristig genügend Kapazitäten schaffen und gleichzeitig eine hochstehende, wohnortsnahe und für die Bevölkerung zugängliche Medizin gewährleisten können.»
Viele Hausärztinnen und Hausärzte stehen vor der Pensionierung oder sind bereits im Pensionsalter und finden keine Nachfolge. Mit dem Modell «SissaMed» und seinen Wachstumsreserven will Molteni künftige Engpässe in der Grundversorgung auffangen. Er ist zuversichtlich, dass mit diesem Arbeitsmodell dem Mangel an Hausärzten und damit der drohenden Unterversorgung insbesondere in ländlichen Regionen wie dem Oberbaselbiet entgegengewirkt werden kann.
Sorgen bereitet Molteni die geplante Höchstgrenze für ärztliche Leistungen im «Tardoc» ab kommendem Jahr. Dabei handelt es sich nicht um eine Beschränkung der Arbeitszeit. Begrenzt werden soll vielmehr die Anzahl der Taxpunkte, die ein Arzt zulasten der obligatorischen Krankenversicherung abrechnen darf. Das Konzept befindet sich noch im Genehmigungsverfahren des Bundesrats.
Molteni befürchtet, dass diese Begrenzung besonders engagierte Hausärztinnen und -ärzte treffen und die Versorgung einschränken könnte. «Wir dürften zwar weiterhin arbeiten und Patientinnen und Patienten behandeln, könnten einen Teil der erbrachten Leistungen unter Umständen aber nicht mehr abrechnen. Damit würde es wirtschaftlich schwieriger, das heutige Behandlungsvolumen aufrechtzuerhalten.»
Aus seiner Sicht drohen dadurch zusätzliche Verlagerungen in teurere Versorgungsstrukturen. «Eine solche Regelung könnte die ambulante Medizin schwächen und den Hausarztberuf weiter an Attraktivität verlieren lassen. Gerade angesichts des bestehenden Hausärztemangels wäre das ein erheblicher Stolperstein bei der Suche nach Nachwuchs.» Die Gesundheitsversorgung in der Schweiz bleibt damit nicht nur unter Druck, sondern auch politisch in Bewegung.

