Das Kreuz hinter dem Namen
22.10.2026 BaselIstvan Akos erlebte den ungarischen Aufstand vor 70 Jahren
Sieben Jahre alt war Istvan Akos, als die Russen 1956 den ungarischen Volksaufstand niederknüppelten und seine Familie in den Westen fliehen musste. Gestern besuchte der für «Unser Bier» bekannte Basler einen ...
Istvan Akos erlebte den ungarischen Aufstand vor 70 Jahren
Sieben Jahre alt war Istvan Akos, als die Russen 1956 den ungarischen Volksaufstand niederknüppelten und seine Familie in den Westen fliehen musste. Gestern besuchte der für «Unser Bier» bekannte Basler einen Gedenkanlass zum 70. Jahrestag.
Jürg Gohl
«1956» lautet der Titel des Buchs auf dem Tisch. Eine schlichte Jahreszahl. Verfasst wurde das Werk, das Istvan Akos vor sich hinlegt, von György Dalos bereits vor 20 Jahren, als sich der ungarische Volksaufstand zum 50. Mal jährte.
Kurz zusammengefasst erhoben sich 1956 in den letzten Oktobertagen, der 23. Oktober gilt als Beginn, in Ungarn Arbeiter, Bauern, Bürger, Kommunisten und Studenten gegen die brutale sowjetische Unterdrückung. Rücksichtslos schlugen die Russen vom 4. bis 10. November den Aufstand nieder. Autor György Dalos geht in seinem fundiert recherchierten Buch von 1800 Toten und 11 500 Verwundeten aus. Als Istvan Akos kurz vor der Flucht mit seinem Vater nach Budapest kam, erschütterte ihn der Anblick der komplett zerbombten Stadt.
Istvan Akos, der als Gründer der Brauerei «Unser Bier» in Basel stadtbekannt ist, kaufte sich das Buch des bekannten ungarischen Schriftstellers, Übersetzers und Historikers, als er vor 20 Jahren in Wien eine Sonderausstellung zum niedergeschlagenen Aufstand besuchte, der damals 50 Jahre zurücklag. Doch erst jetzt nahm er das Buch aus dem Gestell hervor und las es, weil der inzwischen 83-jährige Autor gestern an einem Gedenkanlass zu diesem historischen Ereignis an der Universität Basel auftrat. Diese Veranstaltung wollte sich der inzwischen 77-jährige Akos nicht entgehen lassen.
Der Tag der Flucht
Der Aufstand ist sehr eng mit der Lebensgeschichte des Baslers verknüpft, weil er als Sohn eines Militärpiloten selber seine ersten sieben Jahre in Budapest verbrachte. In der ungarischen Hauptstadt blühten unter der Fremdherrschaft Stalins das Denunzieren und das Überwachen im gleichen Mass wie Jahre zuvor in Nazi-Deutschland. Sein Vater sass ein Jahr im Gefängnis, der Grund dafür blieb dem Sohn unbekannt. «In der Schule stand ein Kreuz hinter meinem Namen», erzählt er. Das Zeichen bedeutete, dass er als Sohn eines «Klassenfeinds» keine weiterführende Schule besuchen dürfe.
Der politische und der wirtschaftliche Druck zwangen seine Familie zur Flucht. Die Eltern hätten von einem Besuch bei Verwandten gesprochen, und so wunderte sich der kleine Istvan über die vielen Geschenke, die er zum Nikolaustag erhielt. Er ahnte nicht, dass es sich um Abschiedsgeschenke handelte. «Es war der 7. Dezember 1956», beginnt er die Schilderung der Flucht Richtung Österreich. Zuerst ging es mit Bauernwagen, später mit Märschen durch Wälder westwärts. Mittendrin musste die Gruppe einen eiskalten Fluss durchqueren. Er erinnert sich auch 70 Jahre später bestens an diesen riskanten Teil: «Mein Vater entkleidete sich vorher wegen des Gewichts der nassen Kleider und damit er am anderen Ufer trockene Kleider anziehen konnte.» Auf seiner Schulter sass Istvan und hielt die Kleider.
Basel statt Kanada
Vorübergehend lebte die Familie in einem Flüchtlingslager in Österreich. Vorgesehen war, nach Kanada zu emigrieren. Doch der kleine Sohn stürzte beim Spielen auf dem Eis und erlitt eine Hirnerschütterung. So führte der Weg der Familie statt nach Übersee per Rotkreuz-Zug in die Schweiz, wo die Basler Chemie die Flüchtlinge mit offenen Armen empfing. «Ich bin halt auf den Kopf gefallen», sagt Istvan Akos selbstironisch.
Doch das stimmt nur im wörtlichen Sinn. Schnell fand er sich in Basel zurecht. «Als Kind lernt man die neue Sprache sehr schnell», sagt er. «Uns Flüchtlingen wurde überall geholfen. Ablehnung oder Rassismus erlebte ich nie.» Entgegen kam ihm dabei, dass er im bildlichen Sinn alles andere als auf den Kopf gefallen ist.
Kopf hinter «Unser Bier»
Er bereiste als Journalist die Welt, produzierte einmal einen Spielfilm, organisierte Messen und Tagungen im Bereich Umweltschutz, werkelte am berühmten «Bebbi-Sagg» mit, engagierte sich politisch bei der SP, pflanzte in seiner alten Heimat am Neusiedler See 4,2 Hektaren Reben an und gründete schliesslich den Verein und die Brauerei «Unser Bier». Das sind nur ein paar Stationen in seiner Vita. Noch heute arbeitet Istvan Akos im Bereich Kommunikation, doch geniessen inzwischen drei Enkel bei ihm und seiner Frau die Priorität. Ein Alleskönner? «Nein», entgegnet er, «meine Versuche, selber Bier zu brauen, gingen gründlich daneben.»
Als einstiges Flüchtlingskind verfolgt er mit Interesse und mit Sorge die politischen Ereignisse. Es erleichterte ihn, dass Viktor Orbán im Land seiner Geburt klar abgesetzt wurde. Auch der russische Angriffskrieg in der Ukraine beschäftigt ihn sehr. Er gibt sogar zu, in jungen Jahren, als er sozialistischen Idealen nachhing, durchaus gewisse Sympathien für den einstigen Peiniger von Ungarn gehegt zu haben, weil die Sowjetunion Freiheitsbewegungen in der Dritten Welt unterstützte. «Doch heute richten die Russen gleich viel Schreckliches an, wie es die Sowjetunion vor 70 Jahren uns angetan hat.»



