«Das ist zu viel» – «Neuer Schulraum ist nötig»
08.04.2026 GelterkindenPascal Catin und Lars Trachsler im Streitgespräch zur Schulraum-Abstimmung
Das Projekt «Campus Loggia» sieht neuen Primarschulraum für Gelterkinden vor. Am 26. April stimmt die Gemeinde an der Urne über den Projektierungskredit ab. «Campus ...
Pascal Catin und Lars Trachsler im Streitgespräch zur Schulraum-Abstimmung
Das Projekt «Campus Loggia» sieht neuen Primarschulraum für Gelterkinden vor. Am 26. April stimmt die Gemeinde an der Urne über den Projektierungskredit ab. «Campus Loggia»-Befürworter Lars Trachsler und Gegner Pascal Catin legen ihre Argumente dar.
Janis Erne
Herr Catin, eine dem Referendumskomitee nahestehende Gruppe hat ein Alternativprojekt erarbeitet. Damit anerkennen die Gegner des «Campus Loggia», dass es in Gelterkinden neuen Schulraum braucht. Richtig?
Pascal Catin: Der Gemeinderat hat an der Gemeindeversammlung im vergangenen Dezember eine Grafik gezeigt, die von leicht sinkenden Schülerzahlen ausgeht. Daher sind wir der Meinung, dass der Schulraumbedarf nochmals überprüft werden muss. Falls ein Bedarf besteht, soll ein kostengünstiges Schulhaus gebaut werden, das seinen Zweck erfüllt.
Am 26. April wird darüber abgestimmt, ob der «Campus Loggia» weiterverfolgt werden soll oder nicht.
Was genau stört Sie an diesem Projekt?
Catin: Problematisch ist der monumentale Eingangsbereich. Dieser treibt die Kosten des «Campus Loggia» stark in die Höhe, ebenso die teure Bauweise und die Umgebungsarbeiten. Das Alternativprojekt «Ratio» ist mehr als 4 Millionen Franken beziehungsweise rund 40 Prozent günstiger – und erfüllt dennoch sämtliche Ansprüche.
Herr Trachsler, die Ausgaben der Gemeinden steigen, etwa bei den Pflegekosten für ältere Einwohner. Wäre ein schlichter Schulhausneubau da nicht angebracht? Lars Trachsler: Die Gemeinde definierte 2023 in einem Wettbewerb die Kriterien für das neue Schulhaus. Daraus ging ein Siegerprojekt hervor. Laut dem Bericht des Preisgerichts wären die anderen Projekte nicht günstiger gewesen als der «Campus Loggia».
Mit «Ratio» liegt nun aber eine günstigere Alternative vor, die zudem von lokalen Unternehmern entworfen wurde. Trachsler: Ich finde es grundsätzlich eine gute Idee, das lokale Gewerbe einzubeziehen. Mich erstaunt jedoch, dass das Projekt erst jetzt und nicht bereits während des offiziellen Wettbewerbs eingebracht wurde.
Wäre «Ratio» zu diesem Zeitpunkt für Sie unterstützenswert gewesen?
Trachsler: Das kann ich nicht sagen, da viele Informationen fehlen. Tatsache ist: Wir sind nun an einem anderen Punkt, der Projektwettbewerb ist abgeschlossen. Am 26. April geht es nicht um eine Auswahl zwischen «Campus Loggia» und «Ratio», sondern einzig um den Projektierungskredit für das offizielle Projekt.
Catin: Ja, es geht um den «Campus Loggia». Tatsache ist aber auch, dass es im Wettbewerb eine Preisgrenze von 7 Millionen Franken gab und diese nicht eingehalten wurde. Nun sprechen wir von 10,8 Millionen Franken, die investiert werden sollen. Das ist zu viel – zumal die Unternehmergruppe gezeigt hat, dass es sogar unter 7 Millionen geht.
Trachsler: Die 7 Millionen Franken waren keine fixe Grenze, sondern ein Anhaltspunkt. Zudem müssen wir die Bauteuerung berücksichtigen. Der «Trakt 5» auf dem Schulareal Hofmatt kostete 2017 rund 6,6 Millionen Franken. Seither ist die Bauteuerung um etwa 18 Prozent gestiegen. Es ist schwer nachvollziehbar, wie heute ein günstigeres Projekt realisiert werden soll.
Catin: Lokale Unternehmer, die mehrfach an Schulprojekten beteiligt waren, haben das offenbar geschafft. «Ratio» kostet 6,7 Millionen Franken – inklusive Projektierung.
Trachsler: Wir kennen nur die Zahlen aus dem öffentlich zugänglichen Bericht. Wie die Offerten zustande gekommen sind, können wir nicht beurteilen.
Die «Campus Loggia»-Befürworter argumentieren, ein Kostenvergleich sei nicht möglich. Bei «Ratio» fehlten Planungshonorare, Reserven und der Umbau des Pavillons Süd. Könnten die Kosten am Ende höher ausfallen, Herr Catin?
Catin: Ich liess mir die Kosten von den beteiligten Unternehmern detailliert darlegen. Es sind sowohl Reserven als auch sämtliche Honorare enthalten. «Ratio» und «Loggia» sind somit eins zu eins vergleichbar.
Trachsler: Für uns ist nicht ersichtlich, wo die Planungshonorare bei «Ratio» eingerechnet sind. Zudem befinden sich die Projekte in unterschiedlichen Stadien. Und das ist der zentrale Punkt. Das zeigt sich auch daran, dass bei «Ratio» 53 Prozent der Offerten eingeholt wurden.
Catin: Die Planungshonorare sind im Detailkostenplan enthalten. Die Unternehmensgruppe ist, wie du sagst, weiter als der «Campus Loggia». Dafür wurden nämlich noch gar keine Offerten eingeholt. Deshalb verstehe ich nicht, weshalb sich der Schulneubau verzögern sollte, wenn der Projektierungskredit abgelehnt wird. «Ratio» ist weit fortgeschritten, ein Bezug im Sommer 2029 ist möglich. Wir sollten das Projekt «Campus Loggia» stoppen und die Million Franken Projektierungskosten sparen.
Trachsler: Ich habe grosse Bedenken bezüglich des öffentlichen Beschaffungswesens. Wird das Projekt verworfen, sind zwei Varianten denkbar: eine neue Ausschreibung oder dass die «Ratio»-Gruppe den Auftrag erhält. Beides birgt ein erhebliches Einspracherisiko. Denn der Wettbewerbssieger war klar der «Campus Loggia». Dann ist es nicht möglich, einfach das Projekt zu wechseln.
Catin: Wird der Projektierungskredit abgelehnt, muss der Gemeinderat nochmals über die Bücher. Auch bei einem neuen Ausschreibungsverfahren kann das Schulhaus rechtzeitig gebaut werden.
Trachsler: Das bezweifle ich stark. Zumal ihr zuerst nochmals den Schulraumbedarf überprüfen möchtet, was ebenfalls Zeit in Anspruch nimmt und den politischen Prozess verzögert.
Herr Catin, Sie werben für die günstigere Alternative, stellen aber gleichzeitig infrage, ob überhaupt ein neues Schulhaus nötig ist. Wieso?
Catin: Im Pavillon Süd gibt es sechs funktionierende Klassenzimmer. Diese sollen nun für zweckfremde Nutzungen wie einen Kindergarten, schulergänzende Tagesstrukturen und Musikunterricht aufgehoben werden. Das schafft einen künstlichen Bedarf an neuen Schulzimmern. Dafür sollen fast 11 Millionen Franken in ein neues Schulhaus investiert werden. Das ergibt keinen Sinn – es sind bereits heute genügend Räume für diese Einrichtungen vorhanden.
Trachsler: Alleine für den Kindergarten Bützenen zahlt die Gemeinde jährlich gegen 60 000 Franken Miete. Eine eigene Liegenschaft wäre günstiger. Zudem sind Tagesstrukturen auf dem Schulareal ein grosser Mehrwert. Und es gibt heute deutlich zu wenig Gruppenräume – obwohl diese essenziell für eine attraktive, zeitgemässe Schule und in anderen Schulen eine Selbstverständlichkeit sind.
Catin: Ich bin der Meinung, dass wir zeitgemässen Schulraum brauchen. Aber 4 Millionen Franken mehr auszugeben für einen monumentalen Eingangsbereich ohne Bildungsnutzen, ist nicht gerechtfertigt. Auch der Betrieb und die Abschreibungen würden die Finanzen belasten. Wir müssen die Verschuldung der Gemeinde im Blick behalten.
Trachsler: In Gelterkinden wird kein monumentaler Eingangsbereich geplant. Zu Beginn des Gesprächs wurde gesagt, dass die Schülerzahlen kurzfristig leicht sinken. Das mag stimmen, doch Gelterkinden wächst stark. Bis 2030 entstehen mehr als 300 neue Wohnungen. Daher werden die Schülerzahlen mittelfristig steigen. Stoppen wir das «Loggia»-Projekt, verlieren wir in der Schulraumplanung mehrere Jahre.
Der Architekt des Projekts «Campus Loggia» hat noch keine einzige Schule gebaut. War der offene Wettbewerb ein Fehler?
Trachsler: Das ist eine Frage der Wettbewerbsgestaltung. Ich habe mich kürzlich mit dem «Campus Loggia»- Architekten getroffen. Er hat mir aufgezeigt, dass er bei der Realisierung mit erfahrenen Basler Büros zusammenarbeiten wird.
Catin: Trotzdem ist es ein Fakt, dass er noch nie ein Schulhaus realisiert hat. In der Region gibt es erfahrene Unternehmer, die mehrfach in Schulbauten involviert waren. Ich vertraue ihnen mehr als einem Wettbewerb mit architekturlastiger Jury, die hauptsächlich auf das Ästhetische geachtet und die Kosten völlig ausgeblendet hat.
Herr Trachsler, der «Campus Loggia» muss irgendwie finanziert werden.
Der Gemeinderat nannte als Möglichkeiten Darlehen, Steuererhöhungen und Landverkäufe. Was stellt sich das Befürworterkomitee vor?
Trachsler: Mit der konkreten Finanzierung haben wir uns nicht befasst. Es ist die Aufgabe des Gemeinderats, diese aufzuzeigen. Persönlich denke ich, dass es eine Kombination der genannten Massnahmen braucht.
Catin: Es stört mich, dass der Gemeinderat bisher keinen Finanzierungsplan dargelegt hat und ihr den teuren «Campus Loggia» trotzdem bedingungslos unterstützt. Die Verschuldung unserer Gemeinde könnte sich bis 2030 verdoppeln – von 30 auf 60 Millionen Franken.
Trachsler: Nur ein Teil der 30 Millionen Franken würde auf das neue Schulhaus zurückgehen. 18 Millionen Franken sind laut Finanzplan für Strassen, Wasserleitungen und den Werkhof vorgesehen. Die Verschuldung verdoppelt sich also nicht alleine wegen des «Campus Loggia».
Catin: Dennoch unterstützt ihr das Projekt, ohne dass die Finanzierung geklärt ist. Dies wird eine massive Steuererhöhung zur Folge haben.
Trachsler: Wir sind überzeugt, dass neuer Schulraum nötig ist. Mit dem Projektierungskredit kann das Projekt optimiert und Kosten können vermindert werden – bei der Umgebungsgestaltung gibt es zum Beispiel grosses Sparpotenzial. Hier liegen zwischen dem «Campus Loggia» und «Ratio» 1,3 Millionen Franken.
Catin: Die Differenz zwischen den beiden Projekten beträgt insgesamt 4 Millionen Franken. Anpassungen am Wettbewerbsprojekt wären nur mit der Zustimmung des Architekten möglich.
Herr Trachsler, haben Sie mit dem Architekten auch über mögliche Anpassungen gesprochen?
Trachsler: Ja. Er ist sich der angespannten Finanzlage der Gemeinde bewusst und zeigt sich kompromissbereit. Für ihn ist es in Ordnung, wenn gewisse Dinge am «Campus Loggia» optimiert oder weggelassen werden.
Catin: Wieso ist der Architekt dann nicht mit einem bereits optimierten Projekt in den Wettbewerb eingestiegen und warum hat der Gemeinderat das Projekt nicht bereits für die Gemeinderatsvorlage optimiert? Ein Architekt hat ein Interesse, sein Projekt möglichst planungsgetreu umzusetzen – insbesondere, wenn es sein erstes Schulhaus ist. Ich bezweifle daher, dass das Projekt deutlich günstiger wird.
Zu den Personen
je. Pascal Catin ist Betriebsökonom und Abteilungsleiter bei einer Schweizer Bank. Der 37-Jährige ist Sektionspräsident der FDP Gelterkinden und Umgebung, Vorstandsmitglied des Bürgerlichen Zusammenschlusses Gelterkinden (BZG) sowie ehemaliger Gemeinderat. Er präsidiert das Komitee, welches das Referendum gegen den von der Gemeindeversammlung bewilligten Projektierungskredit ergriffen hat.
Lars Trachsler studiert Rechtswissenschaften im Masterstudium an der Universität Basel. Der 24-Jährige ist Mitglied der SP und Vizepräsident der Kantonalpartei. Zudem ist er in Gelterkinden Mitglied der Gemeindekommission. Er vertritt das Komitee «Zukunft Schulraum Gelterkinden», das sich für den «Campus Loggia» und den Projektierungskredit in Höhe von 1,02 Millionen Franken ausspricht.
Darüber wird abgestimmt
je. Am 26. April stimmen die Gelterkinderinnen und Gelterkinder über das Referendum gegen den Projektierungskredit für den «Campus Loggia» ab. Konkret geht es um die Bestätigung eines von der Gemeindeversammlung beschlossenen Kredits über 1,02 Millionen Franken für die Detailplanung des Bauprojekts auf der Schulanlage Hofmatt. Dieses umfasst den Rückbau des Pavillons Ost, ein neues Schulhaus sowie den Umbau des Pavillons Süd für einen Kindergarten und die Tagesstrukturen. Die geschätzten Gesamtkosten für das Vorhaben liegen aktuell bei rund 11,2 Millionen Franken. Gegen den Beschluss der Gemeindeversammlung wurde das Referendum mit 752 gültigen Unterschriften eingereicht. Wird der Projektierungskredit an der Urne bestätigt, muss der Gemeinderat einen Baukredit sowie Sparmassnahmen und Möglichkeiten für die Finanzierung des «Campus Loggia» ausarbeiten. Die entsprechende Vorlage würde laut Abstimmungsbroschüre frühestens an der Gemeindeversammlung im Dezember 2026 vorgelegt werden.



