«Das Haus ist weg»
23.01.2026 SissachLesung im «Cheesmeyer» aus einem Tagebuch, geschrieben im Gazastreifen
Der frühere Kulturminister der palästinensischen Autonomiebehörde, Atef Abu Saif, war gestern zu Gast im «Cheesmeyer». Schauspielerin Tahani Salim las Auszüge aus dessen ...
Lesung im «Cheesmeyer» aus einem Tagebuch, geschrieben im Gazastreifen
Der frühere Kulturminister der palästinensischen Autonomiebehörde, Atef Abu Saif, war gestern zu Gast im «Cheesmeyer». Schauspielerin Tahani Salim las Auszüge aus dessen Tagebuch, das am Anfang des Kriegs im Gazastreifen entstanden ist. 84 Tage sass der Autor dort fest.
Mit dem Einverständnis des Verlags drucken wir zwei Passagen aus dem Tagebuch ab.
Tag 58
Letzte Nacht wurde mein Elternhaus zerstört, als F-16-Raketen diesen Teil von Jabalia trafen; ausserdem erwischte es sechs weitere Häuser. Glücklicherweise befand sich niemand darin. Nur einige Stunden zuvor hatten alle das Haus verlassen. Das Haus, in dem ich geboren wurde und in dem ich aufgewachsen bin, ist dem Erdboden gleichgemacht worden. Der Ort, an dem ich meinen ersten Schritt getan, den ersten Buchstaben gelernt, meine ersten literarischen Zeilen geschrieben habe. Das Haus, in dem Hanna und ich eine Familie gegründet und unsere ersten vier Kinder bekommen haben.
Der F-16-Pilot hat sich dieses spezielle Haus ausgesucht. Mit all der Technologie, die ihnen zur Verfügung steht, hätten die Israelis sehen können, dass es leer war. Aber trotzdem war das die Mission des Piloten letzte Nacht: das Haus meiner Familie und sechs weitere Häuser zu zerstören. Als ich es vor zehn Tagen verliess, hätte ich nie gedacht, dass dies das letzte Mal sein würde, dass ich es sehe. Niemand weiss mehr von irgendetwas, wann es das letzte Mal ist. Mein Vater hat jetzt keinen Ort mehr zum Schlafen. Jetzt hat er, ebenso wie Tausende andere Menschen in Gaza, keinen Ort mehr, wo er hingehen kann.
Heute Morgen um 6.30 Uhr rief er mich per «Whatsapp» an. «Das Haus ist weg», sagte er und sonst nichts. Seine Stimme zitterte, und ich konnte die Tränen in seinen Augen sehen. Jetzt ist ein 74-jähriger Mann aus keinem anderen Grund obdachlos als dem, dass jemand die strategische Entscheidung getroffen hat, ihn leiden zu lassen. Die Lage in Jabalia ist mehr als düster. Ich rufe meine Schwester Asmaa an. Sobald man es klingeln hört, ist es immer eine solche Erleichterung. Wenn Leute unter den Trümmern begraben werden, gehen dabei meist auch ihre Telefone kaputt: Also ist sie, wenn ihr Telefon noch funktioniert, vielleicht noch am Leben. Schliesslich, beim dritten Versuch, nimmt sie ab. «Guten Morgen», sagt sie. Diese beiden Worte sind alles, was ich brauche. Jetzt kann ich wieder atmen. Als Nächstes erzählt sie von den Schrecken der vorigen Nacht und wie sie die Minuten gezählt hat, bis diese endlose Kette von Explosionen aufhören würde. Sie konnte das brennende Gebäude der Nachbarn sehen, aber nicht aus- machen, auf welcher Seite des Hauses die Raketen herunterkamen, weil sie so nah waren. Erst als das erste Licht des Morgengrauens durch das zertrümmerte Fenster kroch, wurde ihr klar, dass sie noch lebte. «Ich bin mir nicht sicher, ob ich noch einen weiteren Morgen erleben werde, Atef», sagt sie.
Gestern lief ich in Rafah die Tel-al-Sultan-Strasse hinunter in Richtung Stadtzentrum. Es war gut, etwas Sonne abzubekommen, jetzt, wo die Wolken abgezogen waren. Ich hatte in den Büros der Abteilung für soziale Entwicklung ein Meeting mit dem Leiter Loay Madhoun. Ein paar Minuten nach Beginn gesellten sich fünf weitere Kollegen zu uns, um mitzureden und die Lage zu analysieren. Loay ist für die Verteilung von Sozialhilfe und Unterstützung an die Vertriebenen zuständig und hat den grössten Teil des Tages am Grenzübergang Rafah verbracht, wo er Lastwagen in Empfang nahm und die Verteilung der Ladung überwachte.
Er erklärte, dass die Hilfslieferungen, die Gaza bisher erreicht haben, kaum 10 Prozent des tatsächlichen Bedarfs ausmachen. Angesichts der zahllosen Menschen, die aus dem Rest des Gazastreifens vor allem nach Khan Younis strömen, ist die dringendste Frage, wo sie alle schlafen sollen. Das ist jede Nacht eine neue Herausforderung. Die meisten von ihnen schlüpfen in den Unrwa-Schulen oder den öffentlichen Schulen unter. Aber die sind alle schon seit Langem voll. Selbst die Colleges und Universitäten sind in Notunterkünfte umgewandelt worden. Und es gibt keinen Raum mehr für weitere Flüchtlinge, nirgendwo.
Gestern Nacht nahmen die Israelis das Shuja’iyya-Viertel in Gaza-Stadt ins Visier; laut Berichten wurden Hunderte von Zivilisten getötet und etwa 50 Gebäude, darunter Teile der Altstadt, zerstört. Heute treffen noch mehr Menschen aus Khan Younis in Rafah ein, und die Stadt scheint kurz vor dem Platzen. Auf dem Markt kann man sich kaum einen Weg durch die Mengen bahnen, so überfüllt ist er. Es gibt fast nichts mehr zu kaufen, und die Menschen kommen vorwiegend hierher, weil sie Bewegung und frische Luft brauchen.
Mein Freund vom Roten Halbmond erklärt mir, dass sie in den nächsten Tagen allein an die Neuankömmlinge Tausende von neuen Zelten ausgeben müssen. Man kann es drei, vier, fünf Tage ohne Nahrung aushalten, aber wenn es regnet, schafft es auf der Strasse niemand auch nur eine Nacht lang.
Tag 85
Das ist der Wahnsinn dieses Krieges. Ich habe ihn überlebt. Wer weiss, warum. Nur die Zeit wird zeigen, ob Widdad ihn überlebt. Oder ob all meine Brüder und Schwestern, mein Vater und meine Freunde ihn ebenfalls überleben werden. Welche Schreckensnachricht wird mich als Nächstes erreichen?
Jetzt, da ich auf dem Balkon meines Hotels in Port Said sitze, sehe ich alles. Ich sehe alle 84 Tage, die ich durchlebt habe. Ich höre die Stimmen und die Schreie. Ich sehe die Trümmer. Ich sehe tief in die Augen der Menschen, die getötet wurden. Obwohl ich auf einem Balkon in Ägypten stehe, bin ich immer noch dort. Ich gehe auf mein Zelt zu. Ich setze mich mit meinen Freunden hin, um über die Nachrichten des heutigen Tages zu sprechen. Ich nerve Ibrahim das zigste Mal, bei jedem nachzufragen, der vielleicht etwas von unserem Vater gehört hat. Ich rieche den Geruch des Feuers, atme den Dampf des kochenden Tees ein. Ich sehe immer noch alles.
Atef Abu Saif wurde 1973 im Flüchtlingslager Jabalia im Gazastreifen geboren. Er studierte Politik- und Sozialwissenschaften, lehrte an der Universität von Al-Azhar im Gazastreifen. 2019 bis 2024 war er Kulturminister der Palästinensischen Autonomiebehörde.

