Das Gewohnheitstier
17.09.2026In zwei Wochen startet unser erstes Trainingslager auf Schnee. Gerade stecke ich in den letzten Vorbereitungen. Meine letztjährigen Unterschenkelschienen geben mir auf dem Snowboard wertvolle Stabilität. Künftig sollen sie jedoch etwas weicher werden. Gemeinsam mit den ...
In zwei Wochen startet unser erstes Trainingslager auf Schnee. Gerade stecke ich in den letzten Vorbereitungen. Meine letztjährigen Unterschenkelschienen geben mir auf dem Snowboard wertvolle Stabilität. Künftig sollen sie jedoch etwas weicher werden. Gemeinsam mit den Orthopädietechnikern habe ich lange über mögliche Lösungen gesprochen. Nun haben sie eine tolle Idee, die sich zum Testen sogar provisorisch umsetzen lässt. So kann ich sie ausprobieren und bei Bedarf ganz flexibel wieder zurücksetzen.
Da ich Veränderungen nicht so gerne mag, fällt mir dieser Findungsprozess nicht leicht. Gut ist, dass ich mit den Schienen bereits eine grosse Verbesserung wahrnehme, auch wenn wir noch nicht beim perfekten Ergebnis angelangt sind. Der Weg lohnt sich.
Eine weitere Veränderung ist im Gange: Für die kommende Saison nehme ich mir fest vor, etwas entspannter mit mir selbst umzugehen. Vergangene Saison bin ich mit viel eigenem Druck und Stress gestartet. Ich arbeite also an mehr Leichtigkeit, ohne dabei den nötigen Biss zu verlieren. Deshalb gab ich über den Sommer Dingen wie autogenem Training und der Regeneration mehr Gewicht. Ich will bewusst auf meine täglichen Selbstgespräche achten.
Wir Menschen sind Gewohnheitstiere. Natürlich ist es am einfachsten, den eintrainierten Glaubenssätzen und der gewohnten Routine zu folgen. Zum Glück haben wir aber die Macht der Entscheidung. Es gilt, alte Gewohnheiten zu durchbrechen. Üben lässt sich das mit kleinen, alltäglichen Dingen: Ich sage aufbauende Sätze in den Spiegel, statt mich stressen zu lassen. Ich halte kurz inne und spreche mir selbst ein Lob aus, statt mich zu kritisieren. Ich gönne mir eine Einheit mit den Kompressions-Boots. Es hilft, aus dem Trott zu kommen. Genau wie bei den Schienen ist es ein Ausprobieren und Testen, ohne Perfektion zu verlangen.
Welche schlechten Gewohnheiten wollen wir loswerden? Wodurch ersetzen wir sie? Das Neue wiederholen wir so lange, bis aus der aktiven Entscheidung Gewohnheit wird. Diese Beständigkeit gibt uns Sicherheit, und wir brauchen schliesslich keine Energie mehr für die Entscheidung.
Mir selbst passiert es häufig, dass ich in alte Muster zurückfalle und die Selbstzweifel Überhand nehmen. Dass ich zu hart mit mir ins Gericht gehe oder mir keine erholsame Pause gönne. Aber ich kann mich immer wieder aufs Neue für die passende Routine entscheiden. Und genau das übe ich, bis es von allein geht.
Es wird eine interessante Saison, in der ich mich Schiene für Schiene und Gedanke für Gedanke fast schon neu kennenlernen darf. Ich freue mich darauf.
Romy Tschopp
Vom Rollstuhl aufs Snowboard: Die Sissacherin Romy Tschopp (1993) ist die erste Schweizer Para-Snowboarderin, die an Paralympischen Spielen teilnehmen konnte. Sie wurde 2023 Vizeweltmeisterin im Snowboardcross.
