«Das Feuer musste weg»
02.10.2026 BuusMarc Brodbeck verhinderte, dass ein Brand auf seinen Kuhstall übergriff
Ein Knall reisst Marc Brodbeck aus dem Schlaf. Wenige Augenblicke später steht der Buusner Landwirt im Pyjama und barfuss vor den Flammen. Was danach geschieht, rettet seinen Stall und 30 Kühe. Einige ...
Marc Brodbeck verhinderte, dass ein Brand auf seinen Kuhstall übergriff
Ein Knall reisst Marc Brodbeck aus dem Schlaf. Wenige Augenblicke später steht der Buusner Landwirt im Pyjama und barfuss vor den Flammen. Was danach geschieht, rettet seinen Stall und 30 Kühe. Einige Tage später wird ihm erst richtig bewusst, wie knapp es war.
David Thommen
Es klang, als würde mitten in der Nacht auf dem Hausplatz eine Glasscheibe zu Bruch gehen. Marc Brodbeck wurde wach, dann krachte es gleich noch einmal. Er richtete sich im Bett auf – und sah vom Schlafzimmerfenster hinunter zum Milchraum, wo bereits Flammen hochschlugen.
Es war kurz nach 23 Uhr in der Nacht auf den 24. September, ein Donnerstag. In einem Anbau der Scheune auf Brodbecks Hof im Grien war Feuer ausgebrochen. Die Polizei hielt später fest, dass der Hofbetreiber durch den Brand geweckt worden sei und mit seinem sofortigen Löschversuch verhindert habe, dass die Flammen auf den angrenzenden Stall übergriffen (siehe «Volksstimme» vom 25. September, Seite 7).
Eine Woche später besucht die «Volksstimme» Marc Brodbeck auf seinem Hof. Das Wichtigste: «Mir geht es gut», sagt der Landwirt und seit dem Jahr 2019 Präsident des Bauernverbands beider Basel. Vieles ist inzwischen gereinigt, aufgeräumt oder provisorisch wieder in Betrieb. Im Innern des Stalls sind zwei Männer in weissen Schutzanzügen daran, mit Hochdruckreinigern den Russ von der Stalldecke zu entfernen. Zwei Dinge befinden sich aber noch genau dort, wo sie nach jener Nacht liegengeblieben sind: die leeren Feuerlöscher. «Die zwei haben eigentlich alles gerettet», sagt Brodbeck, «für mich haben sie jetzt einen grossen Wert.»
Als Brodbeck in jener Nacht die Flammen sah, schlug er im Haus Alarm. Seine Frau und die Tochter verständigten die Rettungskräfte, er selber rannte hinaus – im Pyjama und barfuss, sagt der 52-Jährige und muss heute darüber lachen.
Zwei Feuerlöscher
Einen Feuerlöscher holte Brodbeck beim Wohnhaus, den zweiten beim Stall. «Für mich war klar: Das Feuer muss weg.» Denn unmittelbar neben dem brennenden Milchraum liegt der grosse, mehrheitlich aus Holz gebaute Stall, und dort befanden sich nicht nur 30 Kühe, sondern darüber und daneben auch kubikmeterweise Futter und Stroh.
Er war früher selbst bei der Feuerwehr und weiss, was Feuer bedeutet. Vor allem die Hitze blieb ihm in Erinnerung. «Wenn die einmal da ist, bekommt man einen gewaltigen Respekt.» Brodbeck blieb draussen und bekämpfte das Feuer von dort. Trotzdem schlugen die Flammen rasch auch in den Stall. Aluminiumteile und Türrahmen schmolzen, eine Lampe über den ersten Kühen in der langen Reihe ebenfalls, und in einem Medikamentenschrank an der Stallwand begann Verbandsmaterial allein wegen der enormen Hitze zu brennen.
Über dem Kuhstall ist eine alte Betondecke. Sie wurde in dieser Nacht zum entscheidenden Brandschutz: «Wenn diese Decke nicht gehalten hätte, hätten wir keine Chance gehabt», sagt Brodbeck. «Daran darf man eigentlich gar nicht denken.»
Sein Sohn, der seit dem Frühling auf dem Hof arbeitet, eilte mit einem weiteren Wasserschlauch dazu. Vater und Sohn konnten das Feuer niederhalten, den Rest erledigte die mit dem Tanklöschfahrzeug angerückte Buusner Feuerwehr, die besonders rasch eintraf, weil sich nach einer Übung noch ein Teil der Mannschaft im Magazin befand.
Die Kühe blieben ruhig
Während sich Rauch und Hitze unter der Stalldecke sammelten, verhielten sich die Kühe erstaunlich ruhig: «Sie hatten alle die Köpfe unten.» Brodbeck beobachtete das noch während des Löschens. Ein grosser temperaturgesteuerter Lüfter, der bei einem Umbau 2012 eingebaut worden war, zog einen Teil des Rauchs aus dem Stall; draussen bildete sich dafür eine mächtige Rauchwand, die über das Feld zog.
Besonders um zwei Kühe sorgte sich Brodbeck: Sie standen vorne im Stall, also am nächsten beim Feuer, und beide waren hochträchtig. Beide Kühe haben inzwischen gekalbt. Muttertiere und Kälber hätten alles gut überstanden, sagt Brodbeck: «Das ist eigentlich ein Wunder.» Er selbst kam nicht ganz so glimpflich davon. Beim Löschen holte er sich eine Schramme am Kopf und vor allem atmete er Rauch ein. Als die Sanität ihn ins Spital bringen wollte, wehrte er sich zunächst, wie er sich erinnert. «Ich sagte: Ich bleibe hier, bis ich sehe, dass das Feuer nicht mehr weitergeht.» Ob er dabei laut geworden sei? Brodbeck lacht: «Nicht laut. Aber bestimmt …»
Schliesslich musste er mit. Im Spital wurde eine Rauchgasvergiftung festgestellt, hinzu kamen Brandverletzungen an den Händen und Schnittwunden an den Füssen: «Im Spital haben sie mir etliche Scherben aus den Fusssohlen herausgezogen.»
Um vier Uhr kam der Monteur
Noch auf der Notfallstation begann Brodbeck bereits über das nächste Problem nachzudenken: Wie sollten die 30 Kühe am Morgen gemolken werden? Der Milchraum ist das technische Herz: Melkanlage, Milchkühlung, Boiler, Pumpen und Elektrik – alles dort war vernichtet. Brodbeck nahm Kontakt mit dem Monteur seiner Melkanlage auf, und bereits in aller Früh stand dieser tatsächlich auf dem Hof: mit einem Reservetank und einer provisorischen Melkanlage, eigentlich für Ziegen gedacht, mit der sich aber auch Kühe melken lassen. Als Brodbeck gegen vier Uhr früh das Spital verliess, lief die Organisation für den Morgen bereits: «Da muss ich sagen: Das funktioniert in der Schweiz schon sehr gut.» Auch die Gebäudeversicherung schickte früh eine Ansprechperson vorbei.
Wie hoch der Schaden ist, steht noch nicht fest. Ebenso wenig ist die Brandursache geklärt. Marc Brodbeck vermutet einen elektrischen Defekt, will den Untersuchungen aber nicht vorgreifen.
Schon 1949 brannte der Hof
Feuer hat in der Familie Brodbeck eine besondere Geschichte. 1949 brannten an derselben Stelle Scheune und Wohnhaus nieder. Marc Brodbeck kennt die Erzählungen seines Grossvaters seit seiner Kindheit: «Dieses Lied haben wir als Junge hundertmal gehört.»
Die Grosseltern und alle weiteren Personen des Fünfgenerationen-Haushalts hätten damals so gut wie alles verloren. Praktisch nur, was sie am Körper trugen, sei ihnen geblieben. Das Erlebnis prägte sie so stark, dass später bei jedem Gewitter die Stecker im Haus gezogen wurden und man nachts aufstand und sich sicherheitshalber schon einmal anzog.
Beim Wiederaufbau damals verlangte die Gebäudeversicherung, Wohnhaus und Stall voneinander zu trennen. Diese Vorsicht aus der lange zurückliegenden Brandnacht erwies sich nun als wertvoll.
Brodbeck blickt bei unserem Besuch nüchtern auf das Geschehene. Natürlich schmerze der Schaden. Doch je länger man aufräume, desto deutlicher werde auch, was alles nicht passiert sei. Gedanken macht er sich vor allem über den künftigen Brandschutz. Rauchmelder seien in landwirtschaftlichen Gebäuden wegen Staub, Dampf und Ammoniak nicht ganz einfach einzusetzen. Gerade technische Räume müsse man künftig aber besser überwachen.
Drei Generationen leben und arbeiten auf dem Hof: Brodbecks über 80-jähriger Vater, er und seine Frau sowie Sohn und Tochter. Die 30 Kühe sind noch da, das Futter ist noch da, der Stall steht. «Es hätte viel schlimmer kommen können», sagt Marc Brodbeck. «Wir sind alle gesund. Das ist das Wichtigste.»


