Das Arbeitslager auf der Fluh
06.10.2026 SissachGrabungen auf der Sissacher Fluh im Jahr 1936
Arbeitslager. Was nach einem Gefangenenlager tönt, war in Wahrheit ein Arbeitslager von jugendlichen Arbeitslosen, organisiert im Rahmen des freiwilligen Arbeitsdienstes Baselland. Die rund 30 Zöglinge halfen vor 90 Jahren bei ...
Grabungen auf der Sissacher Fluh im Jahr 1936
Arbeitslager. Was nach einem Gefangenenlager tönt, war in Wahrheit ein Arbeitslager von jugendlichen Arbeitslosen, organisiert im Rahmen des freiwilligen Arbeitsdienstes Baselland. Die rund 30 Zöglinge halfen vor 90 Jahren bei Grabungen auf der Sissacher Fluh mit.
Heiner Oberer
Wo sich heute auf der Sissacher Fluh ausgepumpte Wanderinnen und Wanderer an Schorle, Speck und Brot laben und durstige Hunde gierig Wasser aus dem Blechnapf schlabbern, wurde vor 90 Jahren geschichtsträchtig im Boden gewühlt. Gründlich und mit Erfolg. Der Grund der Grabung: Es geht im Jahr 1936 darum, die alte Fluchtburg und die Hochwacht auszugraben. Nicht etwa von bezahlten Arbeitern, sondern von jugendlichen Arbeitslosen im Alter von 16 bis 22 Jahren. Dies im Rahmen des freiwilligen Arbeitsdienstes Baselland.
Die mit Spaten und Pickeln ausgerüstete Arbeitskolonne stand unter der Leitung von E. Seiler, Verwalter des Kantonalen Arbeitsamts, und hatte zum Ziel, Arbeit zu vermitteln. Die jungen Burschen und Mädchen wurden mit Arbeit, oder im vorliegenden Fall mit Ausgrabungen auf dem Bischofstein und auf der Fluh, beschäftigt.
In der «Volksstimme» vom 31. Juli 1935 wird um Unterstützung und Spenden für den freiwilligen Arbeitsdienst geworben: «Der jugendliche Arbeitslose will nicht Almosen – er will Arbeit. Unterstützt die Bundesfeierspende für den freiwilligen Arbeitsdienst! Was ist die schwerste Sorge unserer Zeit? Die Arbeitslosigkeit der Jugendlichen, Helft sie lindern, indem Ihr die Bundesfeierspende unterstützt!» Neben der körperlichen Ertüchtigung und Pflege guter Arbeitskameradschaft diente der Betrieb aber auch den «ernsthaften kulturellen Bestrebungen zur Erforschung unseres heimatlichen Bodens.»
Köchin und Lagermutter
Als Unterkunft diente den jungen Arbeitskräften eine Baracke für 30 Personen mit Küche unterhalb der Fluhweide. Für die Verpflegung der Jugendlichen sorgte Köchin und Lagermutter Anna Kern, die Ehefrau des Lagerleiters.Vom Hof Obere Hinteregg wurde eine Wasserleitung auf die Fluh gelegt und beim Hof eine Pumpe installiert. Zudem entstand ein Reservoir.
Die Ausgrabungen auf dem Bischofstein wurden ebenfalls von der Sissacher Fluh her ausgeführt. Dazu entstand von der Fluh zum Bischofstein ein horizontaler Weg, bekannt bei den Einheimischen als «s Käärne-Wäägli». Nicht nur die Zwischenverpflegung, sondern auch das beim Mauern benötigte Wasser und der Zement – der Sand wurde an Ort und Stelle gemahlen – wurden auf einem gummibereiften Zweiräderkarren auf diesem 1200 Meter langen Weglein mühelos herbeigeschafft.
Jakob Horand (siehe Kasten), Grabungsleiter auf dem Bischofstein, dem Burgenrain und der Sissacher Fluh, erwähnte die Arbeit der jungen Burschen und Mädchen in der «Volksstimme» vom 7. August 1937 mit lobenden Worten: «Die Ergebnisse auf dem Bischofstein sind wie auf dem Burgenrain und der Fluh sehr bemerkenswerte und ergänzen die früher gewonnenen Resultate teilweise in sehr wertvoller Weise.»
Die Ausgrabungen auf der Sissacher Fluh dauerten von Mitte Mai bis Mitte Dezember. Rund 75 «Freiwillige» nahmen an den Grabungen teil. In der Broschüre «Zusammenfassung der hauptsächlichsten Grabungsergebnisse auf der Sissacherfluh vom Jahre 1936» führte Jakob Horand die reibungslose Abwicklung des Arbeitsdienstes und den verhältnismässig sehr guten Gesundheitszustand der Lagerinsassen «zum grossen Teil auf die vorzüglich eingerichtete Wohnhütte und die reichlich geführte Küche» zurück.
Wertvoll für die Landesgeschichte
Die Burschen des Arbeitslagers waren aber nicht nur mit Grabungen beschäftigt. Adolf Kern, Leiter des Arbeitslagers, erbarmte sich der damaligen Fluhwirtin Luggi Graf, die jeden Tag Würste, Brot und alles zum täglichen Gebrauch in zwei Taschen auf die im Jahr 1937 neu erstellte Blockhütte auf der Fluh trug. Nur das Bier, auch das ein Grundnahrungsmittel, wurde damals mit dem Lastwagen auf die Fluh transportiert. Kern stellte jeden Tag einen Jüngling zur Verfügung, den die Fluhwirtin zum Einkaufen ins Dorf schicken durfte. Nun, der Bursche war zwar willig und stark, aber leider nicht der Intelligenteste. Es war an einem heissen Sommertag, als der Lastenträger mittags, voll beladen mit Rucksack und Taschen, schwitzend und keuchend auf der Fluh eintraf. Adolf Kern, positiv überrascht vom Arbeitseifer des Jünglings, sagte zu ihm: «Piccolo, jetz hesch aber vom Luggi es Schmützli verdient.» Der überraschte Bursche entgegnete halb weinend: «Näi. Ich hätt lieber e Süessmoscht!» Wenn auch die Ausbeute an Kleinfunden auf der Sissacher Fluh lange nicht so reich ausfiel wie im Jahr zuvor auf dem Burgenrain, «so sind die gewonnenen Resultate für unsere Landesgeschichte dennoch ebenso wertvoll wie dort, ja zum Teil jene noch ergänzend», schreibt Horand weiter. Was allerdings im Dunkel der Geschichte bleibt, ist die Frage, ob jemals einer der Burschen für ein «Schmützli» von der Fluhwirtin zu haben war.
Agronom, Verwalter und Heimatforscher
hob. Jakob Horand (1895 – 1955) war der Sohn von Johannes Horand, Tierarzt und Gemeindepräsident, und Elisabeth Horand (geborene Scholer). Er heiratete 1928 Margrit Buess von Oltingen. An der ETH Zürich absolvierte er ein Studium zum dipl. Ingenieur-Agronom und war dann als Assistent an der Versuchsanstalt Liebefeld tätig, bevor er 1927 Gemeindeverwalter von Sissach wurde. In diesem Amt blieb er bis 1952. Nach einigen Jahren war er zusätzlich Zivilstandsbeamter für die fünf Gemeinden im Kirchensprengel Sissach. Von 1936 bis 1954 war er Mitglied des Erziehungsrats, und der Natur-, Pflanzen- und Heimatschutzkommission gehörte er ab 1936 an. Neben dem Beruf profilierte sich Jakob Horand als Heimatforscher. Er wertete Ausgrabungen auf Bischofstein und Burgenrain aus, betrieb Flurnamenforschung und untersuchte die alten Bauten von Sissach. Das Heimatmuseum Sissach gilt als sein Werk. Aktiv war er auch im Trachtenwesen.




