«Das alte Blatten wird es nicht wieder geben»
15.09.2026 BaselDer Präsident der Walliser Gemeinde spricht über den Bergsturz
Geht es nach dem Präsidenten der verschütteten Gemeinde im Lötschental, soll das neue Blatten bis zum Jahr 2030 im alten Charme erstrahlen. Doch es gibt viele offene Fragen, wie an einem Talk von ...
Der Präsident der Walliser Gemeinde spricht über den Bergsturz
Geht es nach dem Präsidenten der verschütteten Gemeinde im Lötschental, soll das neue Blatten bis zum Jahr 2030 im alten Charme erstrahlen. Doch es gibt viele offene Fragen, wie an einem Talk von «OnlineReports» in Basel offenkundig wurde.
Anna Wegelin
Ein Jahr und bald vier Monate ist es her. Aber die Bilder sind in unseren Köpfen geblieben. Am 28. Mai 2025 begrub eine gewaltige Eis- und Felslawine das Dorf Blatten im Lötschental fast vollständig. Die Zerstörung war gewaltig. Ein Schafhalter starb, das Dorf mit seinen rund 300 Einwohnerinnen und Einwohnern war zuvor evakuiert worden.
Das Walliser Hochtal ist eine beliebte Tourismusdestination, in dem auch Menschen aus unserer Region Ferien machen oder seit mehreren Generationen Zweitwohnungen haben. Die Bilder der Naturkatastrophe im Oberwallis gingen um die Welt. Und mittendrin stand Matthias Bellwald. Der ehemalige Berufsoffizier und Oberst im Generalstab hatte erst Anfang Jahr sein Amt als Gemeindepräsident von Blatten angetreten. Er stand in der Krise wie ein Fels in der Brandung und strahlte Zuversicht aus.
Bereits gut zwei Wochen nach dem verheerenden Bergsturz wurde der Wiederaufbau-Plan «Blatten 2030» präsentiert. Aber ist dieser realistisch? Wo im Prozess steht man? Und welches sind die grossen Themen neben dem materiellen Wiederaufbau? Auch um solche Fragen ging es im «Talk» beziehungsweise Gespräch von «OnlineReports» mit Bellwald, das vergangene Woche im Basler Marionetten Theater am Münsterplatz stattfand. Eingeladen hatte der Unterstützungsverein für das unabhängige Nordwestschweizer Nachrichtenportal. Dessen Co-Chefredaktion mit Alessandra Paone aus Zunzgen und Jan Amsler aus Sissach moderierte das Gespräch.
Nach der Begrüssung durch den Präsidenten des Vereins der Freunde von «OnlineReports», Hans Furer, bei welcher der Anwalt, frühere Kantonsrichter und Alt-Landrat das Erdbeben von Basel im Oktober 1356 in Erinnerung rief und an die neue Normalität von Naturkatastrophen wie Nepal und Tibet oder Venezuela gemahnte, bedankte sich Bellwald zunächst für die «Solidaritätswelle und den grossen Rückhalt in der Schweizer Bevölkerung» nach dem Bergsturz in Blatten.
Bis ins Baselbiet
Die Naturgewalt sei schon «furchtbar» und «schrecklich» gewesen, erwiderte er auf die Frage, was er empfinde, wenn er sich die Bilder des Gletschersturzes vergegenwärtige. Er vermisse sein Elternhaus in Blatten: «Das Zentrum der Familie», so Bellwald, «mit einer wunderbaren Aussicht auf den Dorfplatz und auch auf den Friedhof – die Endlichkeit war einem immer bewusst.» Die Veränderung des Klimas sei eine «Herausforderung», und zwar global, nicht nur in den Walliser Alpen, so der Gemeindepräsident. Der Bergsturz von Blatten habe ihm gezeigt: «Wir können nicht alles kontrollieren, die Natur ist stärker und wir müssen sie achten.»
Die Evakuation der Blattner Bevölkerung habe «bis nach Basel» stattgefunden, berichtete er. Drei Personen leben aktuell in der Region, zwei davon in Baselland. 75 Prozent konnten im Lötschental bleiben. Bellwald geht davon aus, dass «sehr viele Leute nach Blatten zurückkommen», denn «man ist einfach dort daheim, wo man seine Wurzeln hat». Familie, Tradition und Vereine seien sehr wichtig in Blatten. Letztere seien äusserst aktiv und die «tragende Komponente» für die Gemeinschaft im Exil. Bellwald sprach von der «Sehnsucht, sich wieder zu treffen», und beschrieb seine Heimatgemeinde als das «grösste soziokulturelle Experiment der Schweiz».
Es gebe allen Grund zur Hoffnung auf ein neues Blatten, zu dem ein Grossteil der Dorfgemeinschaft in einem partizipativen Prozess ein Weissbuch erarbeitet habe: «Die Bevölkerung ist die Architektin des neuen Blatten.» Die Vision: Ein autofreier Dorfplatz, der als Treffpunkt funktioniert. Kein Massentourismus und eine «Kirche, die im Dorf bleibt». Neubauten aus Holz und Stein – «kein Beton». Und Schutzbauten, die «nicht erdrückend» sind. Kurzum: «Blatten hat das Potenzial für ein neues Alpendorf im alten Charme. Aber das Alte wird es nicht wieder geben, obwohl Blatten das schönste Dorf im Lötschental war.»
Am Vorhaben, Blatten wieder aufzubauen respektive neu zu bauen, liess der Oberwalliser Gemeindepräsident auch an der Veranstaltung in Basel keinen Zweifel. Ob absolute Sicherheitsgarantie vor Naturgefahren am geplanten neuen Standort oder Wiederbelebung der Landwirtschaft und Fortwirtschaft im Katastrophengebiet: «Es grünt überall.»
Blatten soll also spätestens in drei bis vier Jahren wieder stehen, «sodass, wer dann zurück will, auch zurück kann», sagte Bellwald. Zur Publikumsfrage, ob für «Zweitheimische» im neuen Blatten auch Platz vorgesehen sei, antwortete der «Breesi»: «Es wird Priorisierungen geben, aber keine Ghettoisierung.» Werde das gesamte Land im neuen Siedlungsperimeter bebaut, würden alle unterkommen.
