Clever gewählt – statt blind zugegriffen
16.10.2026 SissachErnährungsberaterin über Labels, Lockangebote und bewusste Entscheidungen beim Einkaufen
«Nutri-Score», «High-Protein» oder Fairtrade: Im Supermarkt versprechen Verpackungen Orientierung. Doch nicht alles ist so eindeutig: Ernährungsfachfrau Anaëlle ...
Ernährungsberaterin über Labels, Lockangebote und bewusste Entscheidungen beim Einkaufen
«Nutri-Score», «High-Protein» oder Fairtrade: Im Supermarkt versprechen Verpackungen Orientierung. Doch nicht alles ist so eindeutig: Ernährungsfachfrau Anaëlle Hänggi erklärt bei einem Einkauf, worauf sich ein zweiter Blick lohnt.
Fiona Findlay
Auf dem einen Quark steht gross «High-Protein», auf dem anderen nicht. Wer besonders viel Eiweiss möchte, dürfte also eher zum ersten greifen. Doch Ernährungsberaterin Anaëlle Hänggi empfiehlt einen zweiten Blick: Ein entsprechend beworbener Quark enthalte beispielsweise gleich viel Protein wie ein gewöhnlicher Quark.
Es ist eines von vielen Beispielen, denen die «Volksstimme» bei einem gemeinsamen Einkauf mit Hänggi durch die Migros begegnet. Farben, Schriftzüge und Labels konkurrieren um Aufmerksamkeit. Gleichzeitig bleibe für Entscheidungen häufig wenig Zeit. «Alles muss schnell gehen heutzutage», sagt Hänggi. Darin sieht die Fachfrau für Ernährung eine der grössten Herausforderungen beim Einkaufen: Die Auswahl sei riesig, gleichzeitig nehme sich nach ihrer Einschätzung ein Grossteil der Kundschaft kaum noch Zeit für die Auswahl.
Was die Labels nicht verraten
Wie man sich zwischen Werbeversprechen, Labels und Preisen besser zurechtfindet, thematisiert Hänggi am 18. November in ihrem Vortrag «Clever Einkaufen» am Ebenrain-Zentrum in Sissach. Dabei möchte sie den Zuhörenden jedoch nicht bloss eine weitere Liste mit Vorgaben für den nächsten Einkauf mitgeben. «Es geht mir nicht darum, noch mehr Regeln zu schaffen», betont sie. Vielmehr sollen Konsumentinnen und Konsumenten lernen, selbst zu beurteilen, was in ihrem Einkaufskorb landen soll.
Das gilt auch für die zahlreichen Labels, die uns auf unserem Rundgang begegnen. Sie können zwar laut Hänggi Orientierung bieten, setzen jedoch unterschiedliche Schwerpunkte. Ein Schweizer Kreuz auf einem Produkt bedeute beispielsweise nicht automatisch, dass sämtliche enthaltenen Rohstoffe aus der Schweiz stammen. Auch beim «Nutri-Score» empfiehlt Hänggi einen kritischen Blick. Das Label ermöglicht einen Vergleich innerhalb einer Lebensmittelgruppe, berücksichtigt jedoch nicht alle Kriterien. Deshalb lohne sich ein Blick auf die Zutatenliste. Worauf dabei zu achten ist, erläutert Hänggi in ihrem Vortrag.
In der Früchte- und Gemüseabteilung kommt eine weitere Frage hinzu: Woher stammen die Produkte? Regionalität und Saisonalität gehen nämlich nicht automatisch miteinander einher: Wer bewusst einkaufen möchte, sollte deshalb sowohl auf die Saison achten als auch auf dem Etikett nach dem Herkunftsland suchen, so Hänggi.
Eigene Schwerpunkte setzen
Damit wächst die Liste der Kriterien für einen Einkauf: gesund, günstig, regional, saisonal, nachhaltig. Hänggi empfiehlt, sich zunächst zu überlegen, was einem persönlich besonders wichtig ist. Wer seine Prioritäten im Vorfeld kennt, könne sich zwischen Herkunftsangaben, Labels und Werbeversprechen leichter zurechtfinden.
Schliesslich wäre da noch der Preis. Lässt sich ausgewogen einkaufen, ohne das Budget zu sprengen? Für Hänggi durchaus: «Grundnahrungsmittel wie beispielsweise Kartoffeln oder Haferflocken sind eigentlich gar nicht teuer.»
Gleichzeitig müsse eine günstige und ausgewogene Ernährung nicht bedeuten, jeden Abend lange in der Küche zu stehen. So lasse sich beispielsweise aus Kartoffeln, Gemüse und etwas Kräuterquark schnell und einfach eine gesunde Mahlzeit zubereiten.
Gegen Ende unseres Einkaufs gelangen wir zu einer Lebensmittelgruppe, die nicht unbedingt den besten Ruf geniesst: Fertigprodukte. Doch auch hier möchte Hänggi nicht pauschal zwischen «gut» und «schlecht» unterscheiden. Gerade wenn im Alltag wenig Zeit zum Kochen übrig bleibt, können Fertigprodukte unterstützend wirken. Hänggi nennt vorgefertigte Spätzli als Beispiel. Kombiniert mit Gemüse und Käse könne daraus ohne grossen Aufwand eine ausgewogene Mahlzeit entstehen.
Der gemeinsame Rundgang zeigt damit vor allem eines: Wer clever einkaufen möchte, muss nicht jede Empfehlung blind befolgen. Entscheidend ist gemäss Hänggi vielmehr, die eigenen Prioritäten zu kennen, Lebensmittel genauer unter die Lupe zu nehmen und bewusst auszuwählen.
Vortrag «Clever Einkaufen», Mittwoch, 18. November, 17.30 bis 19.00 Uhr, Ebenrain-Zentrum, Sissach. Eintritt frei.

