«Cheesmeyer» – Kaufmann und Unternehmer
14.08.2026 SissachSerie Themenweg (7): Handel und Versorgung
Zum 800-jährigen Bestehen hat die Gemeinde Sissach einen Themenweg realisiert, der sich mit relevanten Themen und Persönlichkeiten der jüngeren Dorfgeschichte befasst. Diesen Sommer zeigt die «Volksstimme» Auszüge ...
Serie Themenweg (7): Handel und Versorgung
Zum 800-jährigen Bestehen hat die Gemeinde Sissach einen Themenweg realisiert, der sich mit relevanten Themen und Persönlichkeiten der jüngeren Dorfgeschichte befasst. Diesen Sommer zeigt die «Volksstimme» Auszüge aus den Texten zu den acht Stationen des historischen Rundgangs. Heute: Handel und Versorgung.
Robert Bösiger
Wäre der Hausierer Josef Meyer nicht 1885 aus dem Luzernischen in Sissach gelandet und hier sesshaft geworden, hätte Sissach wohl nie das erste Warenhaus im noch jungen Kanton Baselland erhalten. Und die hiesigen Haushalte hätten länger darauf warten müssen, bis sie fliessendes Wasser bekommen hätten.
Wir schreiben den 1. Mai 1858. Mit dem knapp 2500 Meter langen Hauenstein-Tunnel zwischen Läufelfingen und Trimbach wird der erste gebirgsdurchquerende Eisenbahntunnel der Schweiz eröffnet. Sissachs Rolle als traditioneller Transitort wurde durch diese Bahnverbindung nochmals markant gestärkt.
In diesem Jahr kommt der aus dem Luzernischen Hergiswil stammende Josef Meyer (1829 – 1894) nach Sissach. Meyer, ein Hausierer («Neogoziant») und strenggläubiger Katholik, ahnt, dass die neue Bahnverbindung Gedeihen und Wohlstand in die Gegend bringen wird. Damals leben in Sissach rund 1400 Menschen. Nur rund 70 davon gehören seinem Glauben an.
So nimmt Josef Meyer in Sissach Wohnsitz, zunächst an der Schulstrasse, dann an der Hauptstrasse. Er verdingt sich auf Bauernhöfen und hausiert nebenher weiterhin. Und schon bald beginnt er sich hier heimisch zu fühlen, lässt seine Verlobte Maria Kunz (1831 – 1876) nachkommen, um sie zu heiraten. Dem Paar werden drei Buben und vier Mädchen geschenkt.
Erster Krämerladen
Hausierer Josef Meyer ist erfolgreich, weil er die Bedürfnisse der hiesigen Bauern genau kennt. Bald schon ist er in weiten Kreisen des Baselbiets bekannt und gern gesehen. Er hätte grundsätzlich zufrieden sein können. Aber er ist besessen von der Vision eines eigenen Krämerladens. So kauft er als Erstes günstig eine Liegenschaft mit Metzgerei und Restaurant (heutiger «Sternen») an der Sissacher Landstrasse (heute Begegnungszone). Geld hat er anfänglich nicht viel, aber er schafft es, einen vertrauensvollen Bürgen zu finden.
Im oberen Stock über der Gaststube eröffnet Josef Meyer sein «Lädeli», das später als erstes Baselbieter Warenhaus in die Geschichte eingehen sollte. Das Sortiment von Meyer ist einmalig für den ganzen Kanton. Er verkauft neben Lebensmitteln wie Brot und Fleisch aus der eigenen Metzgerei auch Stoffe, Schuhe, Kleider, Unterwäsche, Möbel und alles, was das damalige Konsumentenherz fürs tägliche Leben begehrt.
Und weil ausgezeichneter Käse ebenfalls zu seinen Spezialitäten gehört, wird der Mann bald einmal «Cheesmeyer» genannt. Sein Ruf als guter Negoziant steigt innert weniger Jahre so an, dass seine Person bald im ganzen Kanton und sogar in Basel bekannt ist. Von überall her kommen Kundinnen und Kunden nach Sissach.
Neben dem Verkauf von Waren beginnt Meyer ebenfalls Land und Bauernhöfe zu kaufen. Dabei kann er von seinem Wissensvorsprung profitieren; weil er täglich mit Bauern zu tun hat, gehört er jeweils zu den Ersten, denen zu Ohren kommt, wenn jemand aus einem Notfall heraus den Hof oder ein Stück Land zum Kauf feilhält. Es entspricht dem Meyer’- schen Naturell, dass er solche sich bietende Opportunitäten nicht ausschlagen kann.
Aus heutiger Sicht sollte man berücksichtigen, dass seit dem 18. Jahrhundert die ländliche Gesellschaft überwiegend eine Gesellschaft von Armen war: Die Mehrheit der ländlichen Bevölkerung bestand also nicht aus vermögenden Bauern, sondern sie lebte in ärmlichen, teilweise sehr prekären Verhältnissen. Wurde man in solchen Situationen von Unwettern und Ernteausfällen betroffen, konnte dies zu Hungersnöten führen und dazu, dass man seinen Hof nicht mehr hat halten können. Josef Meyer war ein cleverer und gewievter Kaufmann, der mit solchen Zukäufen zweifellos seinen Reichtum vermehrt hat.
Letztlich gehörten Josef-Meyer-Kunz sieben Bauernhöfe. Auch das gesamte Areal zwischen der Sissacher Hauptstrasse bis an die Gemeindegrenzen von Zunzgen gehörte ihm – neben diversen anderen Grundbesitzen. Insgesamt waren im Katasterbuch um die 180 Eintragungen auf seinen Namen registriert. Einige Grundstücke veräusserte er jeweils nach kurzer Zeit wieder mit Gewinn, andere verblieben in seinem Besitz.
«Ein Herz voll Liebe»
Welch gutes Händchen Meyer als Unternehmer hatte, beweist die Tatsache, dass er ebenfalls für den Bau des Restaurants «zum Bölchen» sowie der ganzen Häuserreihe an der Bahnhofstrasse verantwortlich zeichnete. Die Vollendung seiner Vision – den Bau einer katholischen Kirche und eines grossen Warenhauses – konnte Josef Meyer-Kunz nicht mehr selbst erleben. Am 8. April 1894 starb er im Alter von 65 Jahren. Der Überlieferung nach soll ein sehr stattlicher Trauerzug durch die Landstrasse hinab bis zum Friedhof gezogen sein.
Im damaligen «Baselbieter», dem Volksblatt für Baselland, wurde sein Wirken und Schaffen gebührend gewürdigt: «Wie kaum einem zweiten war es ihm geglückt, sich durch rastlosen Eifer vom einfachsten Hausierer zum bedeutendsten Handelsmann und Unternehmer emporzuschwingen.» Ihm sei es zu verdanken, dass Sissachs Haushaltungen so mit einer Wasserleitung versorgt worden seien. Und auch dem Wohnungsmangel habe er abgeholfen, lobte ihn die regionale Presse. «Er war ein guter Mann. Sein Auftreten war stets bescheiden und von grösster Einfachheit.»
Pionier der Wasserversorgung
Beide Schriften gehen darauf ein, dass Josef Meyer bezüglich Wasserversorgung Entscheidendes für seine Wahlheimat Sissach geleistet hat. Tatsächlich darf Meyer als veritabler Pionier betrachtet werden. Das kommt so: In den 1880er-Jahren verlangt Josef Meyer vom Sissacher Gemeinderat, den hiesigen Hausfrauen möge das Wasser mittels Leitungen direkt in den häuslichen Schüttstein gebracht werden.
Weil die Exekutive dieses Ansinnen abschlägig beantwortet, lässt Cheesmeyer anno 1883 selbst einen «Wasserschmöcker» kommen. Auf eigene Rechnung lässt er im Wolfsloch, unterhalb von Böckten, eine Quelle fassen. Aus heutiger Sicht muss dies als die Geburtsstunde des modernen Sissacher Wasserleitungssystems bezeichnet werden.
Übrigens: Bis ins Jahr 1883 haben die wenigsten Haushalte im Dorf eigentliche Hausanschlüsse; sämtliches Trink- und Brauchwasser wird mit Kesseln an den beiden öffentlichen und fünf privaten Brunnen geholt und in Zubern und Holzfässern im Haus gelagert. An diesen Brunnen wird auch das Vieh getränkt. Der älteste Dorfbrunnen Sissachs ist übrigens jener, der bis zur Verbreiterung der Landstrasse im Jahr 1850 vor dem Gasthof «Sonne» gestanden hat; seither befindet er sich vor dem Gemeindehaus.
Schon ein paar Jahre nach der Erstellung der Cheesmeyer’schen Wasserleitung befand eine Gemeindeversammlung, diese genüge nicht mehr. Gewünscht wurde unter anderem ein höherer Wasserdruck, damit auch höher gelegene Häuser Wasser erhalten. So kam es, dass eine Wasserkommission ins Leben gerufen wurde. Nach einigem Gezerre juristischer Natur übernahm die Gemeinde die Cheesmeyer-Leitung im Jahr 1897 für damals 40 000 Franken und baute die Wasserversorgung mit zusätzlichen Leitungen und Reservoiren aus.
Nach Josef Meyers Tod vollendeten dessen Söhne und Töchter, was er begonnen hatte. Vor allem der älteste Sohn Johann, genannt Hans, erwies sich als treibende Kraft. In den Jahren 1898/99 wurde die katholische Pfarrkirche Sankt Josef im neuromanischen Stil erbaut – notabene auf Land, das den «Cheesmeyern» gehörte. Die Baukosten wurden vollumfänglich von der Familie berappt, was ganz im Sinne von Josef Meyer selig gewesen wäre.
Kaufhaus wird 1903 eröffnet
Das vierstöckige «Grosskaufhaus» an der Hauptstrasse, projektiert durch den berühmten Basler Architekten Hans Bernoulli (1876 – 1959) und ebenfalls ein Wunsch des Verstorbenen, konnte hingegen erst 1903 eröffnet werden. Die gesamten Baukosten betrugen damals rund 54 000 Franken. Nach dem Bau gliederte man die Liegenschaft grundbuchamtlich in drei gleich grosse Teile: ein Sektor ging an Johann, einer an Louise und Marie sowie ein dritter an Emma und ihren Mann Niggi Kunz über.
Der älteste Sohn, Johann Meyer-Grolling, wurde so zum «Cheesmeyer Nummer zwei»; er übernahm den Verkauf von Lebensmitteln und Merceriewaren. Benjamin, der Zweitjüngste, erhielt die Metzgerei und das Restaurant. Tochter Emma übernahm mit ihrem Gatten Niggi Kunz die Kleider-, Stoff- und Möbelabteilung, während den beiden «Jungfern» Marie und Louise Meyer der Verkauf der Schuhe und Haushaltsartikel zugeteilt wurde.
Das neue Warenhaus bot ein noch grösseres Sortiment an, als dies bis dahin der Fall gewesen war. Es gab praktisch nichts, was es nicht gab: Vom Brot bis zum Reissnagel, vom Vatermörder (ein hoher, steifer Hemdkragen) bis zum Spitzenunterrock und Korsett, vom Bauernstuhl bis zum kunstvollen Sonntagshut – alles war vorrätig.
Die Popularität des Kaufhauses in der Landgemeinde stieg weiter an, und der Kundenkreis erweiterte sich praktisch täglich. Mittels eines Katalogversands wurde die «werte Kundschaft» jeweils aufs erneuerte Angebot aufmerksam gemacht.
Jakob Schaub-Buser (1862 – 1950): Ein Leben für die «Volksstimme»
rob. Als Jakob Schaub-Buser 1885 die Leitung der erst drei Jahre zuvor gegründeten «Volksstimme von Baselland» übernahm, war er gerade einmal 23 Jahre alt. Gegründet hatte die Zeitung ein Komitee um den Sissacher Pfarrer Jakob Probst. Doch es war Schaub, der das junge Blatt über mehr als sechs Jahrzehnte prägte und aus ihm eine feste Institution im Oberbaselbiet machte.
Der 1862 geborene Sohn eines Lehrers hatte ursprünglich selbst Lehrer werden wollen. Aus finanziellen Gründen entschied er sich jedoch für eine Schriftsetzerlehre. Nach Stationen in Gelterkinden, Bülach, Zürich und bei den «Basler Nachrichten» kam er nach Sissach. Aufgrund seiner guten Fähigkeitszeugnisse wurde er dem Herausgeberkomitee der «Volksstimme» empfohlen und übernahm am 1. Juli 1885 Zeitung und Druckerei.
Die Anfänge waren von Handarbeit geprägt. Jeder Bleibuchstabe wurde einzeln gesetzt, gedruckt wurde auf einer von Hand angetriebenen Schnellpresse. Schaub war zugleich Setzer, Drucker, Redaktor und Betriebsleiter. Von zunächst rund 1000 bis 1600 Exemplaren entwickelte sich die «Volksstimme» unter seiner Leitung zu einer Zeitung, die in weiten Teilen des Oberbaselbiets zum festen Bestandteil des Alltags wurde.
Schaub modernisierte Druckerei und Verlag kontinuierlich und führte den Betrieb auch durch schwierige Zeiten, insbesondere während der beiden Weltkriege. Dabei verstand er die Zeitung als publizistisches Organ für die ländlich geprägte Bevölkerung. Sie vertrat eine bürgerliche, staatserhaltende Haltung, blieb jedoch ohne ausdrückliche Parteibindung. Sensationsjournalismus und aufgebauschte Skandalgeschichten lehnte Schaub ab. Zeitgenossen würdigten ihn als «volkstümlichen Mann der Feder», der die Interessen und Lebenswelt seiner Leserschaft kannte.
Auch wirtschaftlich hinterliess Schaub ein solides Fundament. Die Druckerei wuchs, technische Neuerungen hielten Einzug, und 1949 wurde die Einzelfirma in die J. Schaub-Buser AG umgewandelt. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte das Unternehmen sieben Personen, erzielte einen Jahresumsatz von 160 000 Franken und die «Volksstimme» erreichte eine Auflage von rund 4000 Exemplaren.
Als Jakob Schaub-Buser am 3. März 1950 starb, endete ein über 60-jähriges Wirken für Zeitung und Druckerei. Sein nachhaltiges Vermächtnis ist eine publizistische Institution, die er beruflich und journalistisch entscheidend geformt hat – und deren Fortbestand als unabhängiges, bis heute in Familienhand befindliches Medienunternehmen seine Lebensleistung besonders sichtbar macht.


