Blick in die Kinderstube von Seidenraupen
19.03.2026 HäfelfingenKatharina Bitterli und ihre Faszination für den Maulbeerspinner
Offenheit für Neues und Fingerspitzengefühl braucht, wer Seidenraupen züchten will. Auf das Abenteuer eingelassen hat sich vor gut 12 Jahren Katharina Bitterli. Gezüchtet wird im Sommer, wenn der ...
Katharina Bitterli und ihre Faszination für den Maulbeerspinner
Offenheit für Neues und Fingerspitzengefühl braucht, wer Seidenraupen züchten will. Auf das Abenteuer eingelassen hat sich vor gut 12 Jahren Katharina Bitterli. Gezüchtet wird im Sommer, wenn der Nachschub an Blättern vom Maulbeerbaum gesichert ist.
Brigitte Keller
Die meiste Arbeit bereiten Katharina Bitterli die Seidenraupen in der letzten Woche bis zum Einspinnen. Dann fressen 1000 Raupen pro Tag zwischen 5 und 6 Kilogramm Blätter von Maulbeerbäumen. Das entspricht einem vollgestopften 35-Liter-Sack. Die Blätter streift Bitterli täglich von Hand von ihren eigens dafür gepflanzten Bäumen. «Dann – nachmittags oder spätestens gegen Abend – werden die Raupen unruhig, hören auf zu fressen, schauen nach oben und fangen an, wegzulaufen», erklärt Bitterli. Die Raupen machen sich dann auf die Suche nach einem geeigneten Platz, wo sie sich einspinnen können.
Das ist das Startsignal zu den intensivsten zwei Tagen in der Seidenraupenzucht und damit auch für Katharina Bitterli. Die Raupen, die sich in ihrem Raupenbett bis zu diesem Zeitpunkt kaum von der Stelle bewegt haben, schauen sich nach einer geeigneten Stelle zum Einspinnen um. Dann ist es Zeit für Bitterli, den Tierchen, die in den 28 Tagen seit dem Schlüpfen von 2 Millimetern auf 10 Zentimeter gewachsen sind, sogenannte Einspinnrahmen ins Bett zu stellen und dafür besorgt zu sein, dass sie dort hineingehen. «Ich muss dabeibleiben und schauen, dass sie in den Rahmen gehen und nicht etwa auf Wanderschaft im ganzen Raum.»
Immer wieder Neuland zu betreten, ist sich Katharina Bitterli gewohnt.
Schon ihre Einheirat auf einen Bauernbetrieb in Häfelfingen vor gut 30 Jahren war so einer für die gebürtige Allschwilerin. Dann die Umstellung von Milchkuhhaltung auf die Zucht von Schafen vor gut 20 Jahren und auch der Entscheid, dass ihr Mann einer Erwerbstätigkeit ausser Haus nachgeht und sie die Bewirtschaftung des Betriebs übernimmt. Die Einführung und Zucht der neuen Schafrasse «Nolana» löste im Umfeld ebenfalls Erstaunen, wenn nicht gar Kopfschütteln, aus, wie auch der Start mit einer Trüffelplantage.
Offenheit für Neues
Einerseits erforderten veränderte wirtschaftliche Voraussetzungen jeweils ein Umdenken, andererseits war und ist Katharina Bitterli auch immer offen für Neues. «Ich habe wohl einen etwas anderen Blickwinkel als andere und interessiere mich für innovative und kreative Ideen», sagt sie. Und so war es auch damals, als sie zum ersten Mal etwas über die Zucht von Seidenraupen las. Sie machte sich schlau und bestellte in der Folge testweise 50 Seidenraupen-Eier zum Ausbrüten und Aufziehen. «Ich war dann völlig fasziniert von den Tierchen und habe entschieden: Ja, das will ich machen.»
Räumlichkeiten waren vorhanden und teure Umbauten waren nicht nötig. Auch das Land für die Bäume war vorhanden, denn als Erstes mussten Maulbeerbäume gesetzt werden; die Seidenraupen fressen einzig und alleine Blätter von diesem besonderen Baum. Der «lettige» und nicht so tiefgründige heimische Boden lasse die Bäume nicht so schnell und üppig wachsen wie andernorts. Wenn die Bäume angewachsen sind, vertragen sie auch Hitze und Trockenheit. Nur Spätfröste können die Blattknospen beschädigen und dadurch zu Verzögerungen führen. Die grössten Blätter wachsen immer an den neuen Trieben, deshalb gibt es auch im Winter zu tun, wenn die Bäume zurückgeschnitten werden müssen, ähnlich wie bei Rebstöcken.
Ziele angepasst
Jeden Sommer drei Aufzuchten mit je 20 000 Tieren war vor 10 Jahren das Ziel von Katharina Bitterli gewesen. Doch diese Menge stemmen zu können, erwies sich als zu optimistisch für eine Person alleine, neben allen anderen Arbeiten auf dem Hof in Häfelfingen. Auf grosses Interesse seien aber von Anfang an auch die angebotenen Führungen gestossen und so konnte Bitterli damit parallel dazu einen Zustupf zum Betriebseinkommen erwirtschaften und sich gleichzeitig engagiert für die Öffentlichkeitsarbeit einsetzen.
In der Schweiz gibt es bisher nur sehr wenige Produzenten von Seidenraupen und noch weniger, die Führungen anbieten. Katharina Bitterli macht es grosse Freude, Besucherinnen und Besuchern einen Einblick zu bieten und ihre Begeisterung für die Tiere und all die Produkte, die aus deren Kokons hergestellt werden können, weiterzugeben. Aufzuchten gibt es bei ihr zwei jeden Sommer mit insgesamt 5000 Raupen.
Ein Kokon wiegt nach dem Trocknen rund 1,9 Gramm. Für ein Kilogramm Kokons erhält die Züchterin aus Häfelfingen 54 Franken.
Begeistert ist Katharina Bitterli davon, was aus den Kokons alles hergestellt werden kann. Klassische Seidenstoffe und Schals kennt man, Seifen und Handbalsam vielleicht auch, aber Abnehmer der Kokons aus Schweizer Produktion ist unter anderem auch ein Unternehmen in Deutschland, das auf die Herstellung von Proteinlösungen aus natürlicher Seide in der Medizintechnik spezialisiert ist. Daraus werden beispielsweise hautähnliche Auflagen für verbrannte Körperstellen hergestellt.
Alles, was bei der Seidenproduktion anfällt, wird in irgendeiner Weise weiterverwendet, weggeworfen wird gar nichts, denn zu guter Letzt gelangt auch der Kot der Raupen zusammen mit den Blattresten wieder als Dünger zu den Maulbeerbäumen. Ein Kreislauf also.
Der Weg von der Raupe zum Kokon
bke. Die Raupe des Seidenspinners oder Maulbeerspinners (Bombyx mori) ernährt sich ausschliesslich von den Blättern des weissen Maulbeerbaumes (Morus alba). Wenn die Raupe aus dem Ei schlüpft, ist sie 2 Millimeter gross. Während 28 bis 30 Tagen häutet sie sich vier Mal, nimmt das 10 000-fache an Gewicht zu und ist fast 10 Zentimeter lang. Jetzt ist sie bereit, sich einzuspinnen. Der eiförmige Kokon besteht aus einem einzigen Seidenfaden, der bis 2000 Meter lang sein kann.
Im Kokon findet die Metamorphose der Raupe zum Schmetterling statt. Damit die Seide gewonnen werden kann, wird die Puppe nach ein paar Tagen in einem Spezialofen mit heisser Luft abgetötet und die Kokons werden getrocknet. Nur so können sie verkauft werden.





