Über Ärdwybli, Mondmilch und Goldquellen
15.10.2026 ThürnenDie sagenumwobene Höhle im Bettenberg
Herbstzeit ist Wanderzeit. Ein lohnendes nahes Ziel liegt gleich oberhalb von Thürnen: Die Gegend rund um das Ärdwybliloch bietet nicht nur Aussicht und einen schönen Rastplatz, sondern führt auch tief hinein in die Sagenwelt ...
Die sagenumwobene Höhle im Bettenberg
Herbstzeit ist Wanderzeit. Ein lohnendes nahes Ziel liegt gleich oberhalb von Thürnen: Die Gegend rund um das Ärdwybliloch bietet nicht nur Aussicht und einen schönen Rastplatz, sondern führt auch tief hinein in die Sagenwelt des Oberbaselbiets.
Lea Wieser
Den Blick in Thürnen nach Osten gerichtet, sieht man bereits vom Dorf aus eine grosse, schwarze Öffnung in der etwa 700 Meter weiter östlich liegenden Thürnerfluh. Diese unscheinbare, etwa vier bis fünf Meter hohe, aber nur ein bis zwei Meter breite Felsspalte stellt den Eingang zum Ärdwybliloch dar.
Neben einem 24 Meter weit ins Berginnere führenden Höhlengang bietet dieser Ort eine sagenumwobene Geschichte: «Landauf, landab kennen die Buben – und teilweise auch die Mädchen – das Ärdwybli- oder Marmilchloch», schreibt Manuela Gafner in der Thürner Heimatkunde. Während der ältere Teil der Bevölkerung durchaus mit dieser Geschichte aufwuchs, droht die Sage heute immer mehr in Vergessenheit zu geraten. Ganz verschwunden sind die Ärdwybli aus Thürnen allerdings nicht: Die örtliche Guggenmusik trägt ihren Namen. Die «Aerdwybli-Schränzer» wurden im Jahr 1970 als Teil der Fasnachtsgesellschaft Aerdwybli ins Leben gerufen.
Oft hätten «kecke Burschen» früher die Höhle erkundet, denn in der ehemaligen Wohnstätte der Ärdwybli gibt es einiges zu entdecken. Der Hauptgang führt zunächst in die mit «Herd» – einem runden, senkrechten Loch im Felsen – ausgestattete «Küche». Knappe 20 Meter im Berginnern befindet sich in 4 Metern Höhe der Estrich, ein etwa 8 Meter langer, domartiger Quergang, der in der Sage auch als «Stube» der Ärdwybli bekannt ist.
Kriecht man unter der «Speckseite» hindurch, erreicht man den hintersten Teil der Höhle, den Z-förmigen, fünf Meter langen Blinddarm. Als die Ärdwybli damals die Höhle verliessen, so erzählen es Paul Suter und Eduard Strübin in «Baselbieter Sagen», seien sie derart schnell aufgebrochen, dass sie die besagte Speckseite zurückliessen. Schuld an diesem abrupten Verschwinden war laut der Sage die Gelterkinder Müllerin.
Was haben Ärdwybli für Füsse?
Bis dahin hätten die Ärdwybli mit den Thürnerinnen und Thürnern friedlich Seite an Seite gelebt. Sie seien ein fleissiges, arbeitstüchtiges Völklein gewesen, das der Dorfbevölkerung bei den verschiedensten Arbeiten gerne unter die Arme gegriffen habe. «Armen brachten sie Mehl, und wo ein verjäteter Fruchtacker lag, wo alles gelb leuchtete von blühendem Senf, da schafften sie über Nacht Ordnung», steht es in den «Baselbieter Sagen» geschrieben.
Dabei waren sie nicht scheu. Am helllichten Tag seien die Ärdwybli unter die Menschen gegangen, um Arbeiten für sie zu verrichten. «Nur in Bezug auf ihre Füsse», so die Thürner Heimatkunde, «waren sie merkwürdig schamhaft. Immer hatten sie dieselben mit Lappen umhüllt oder hielten sie unter ihren langen Röcken verborgen.»
Zu den Arbeiten, welche die Ärdwybli für die Menschen verrichteten, gehörten auch die «Ommeletten», die sie den Bauern vom Zelgwasser in Gelterkinden zum «Znüni» bereitlegten. Hierfür benötigten die kleinen Wesen Mehl, welches sie in der Gelterkinder Mühle bezogen. Die alte Müllerin sei stets freundlich zu ihnen gewesen. Als diese gestorben war, kam eine neue, die es schrecklich wundernahm, wie wohl die Füsse der Ärdwybli aussahen.
So streute die Müllerin Mehl – in anderen Überlieferungen auch Asche – auf die Treppenstufen der Mühle. Dort hinterliessen die Ärdwybli, als sie nachts für ihre Mehlration in die Mühle kamen, zahlreiche Fussspuren. Als die wunderfitzige Müllerin diese am nächsten Morgen sah, fing sie herzlich an zu lachen: Die Fussabdrücke der Ärdwybli hatten die Form von Gänsefüsschen …
Äusserst empört über diese Entblössung seien die Ärdwybli gewesen und sofort aufgebrochen – derart rasch, dass sie sogar die noch immer in der Höhle lagernde Speckseite zurückgelassen hätten. Gekränkt vom Verhalten der Müllerin seien sie seither nie wieder auf die Thürnerfluh zurückgekehrt.
Allerdings ist die Sage der Ärdwybli nicht auf das Oberbaselbiet begrenzt. In diversen anderen Kantonen sind Geschichten von ähnlichen Wesen überliefert. Meist ist dabei von «Härdmanndli» oder «Härdwybli» die Rede. Auch dort hätten sie in Höhlen oder ähnlichen Unterschlüpfen gehaust. So findet sich beispielsweise im Freiamt im Kanton Aargau der «Härdmanndlistei», der auch den Freiämter Sagenweg inspirierte. In einer Höhle im Thurgau hätten «Härdmanndli» noch bis ins 18. Jahrhundert gehaust. Auch die Erdmannshöhle – eine der ältesten Tropfsteinhöhlen Deutschlands – im südwestlichen Schwarzwald ist nach den Sagenwesen benannt.
Heilgestein und Goldquelle
Neben Ärdwybliloch wird die Höhle am Oberbaselbieter Bettenberg auch Marmilch- oder Mondmilchloch genannt. Ihren Namen verdankt sie dem weissen Kalkniederschlag, mit dem die Wände der Höhle bedeckt sind. Die Mondmilch, eine weissliche, schaumartige Masse, spielte früher eine wichtige Rolle in der Volksmedizin. Sie galt als Heilmittel und wurde unter anderem gegen das Bersten von Kuheutern verwendet.
Weitere Quellen besagen, dass vor langer Zeit vom Bettenberg ein Bächlein geflossen sei. Jeden Tag habe das Wasser eine kleine Menge Gold und Silber mit sich geführt. Viele Jahre lang habe davon in der ganzen Gegend nur ein einziger Mann gewusst, der Tag für Tag heimlich Gold und Silber eingesammelt habe und damit bald reich geworden sei. Später hätten auch andere von der Goldquelle erfahren. Da die Dorfbewohnerinnen und -bewohner dem Goldsucher sein Glück nicht gönnten, schütteten sie Quecksilber in die Quelle, worauf diese für immer versiegte. Bis heute könne man an dieser Stelle Streusand finden, der wie Gold und Silber gelb und weiss glänze.
Für Sageninteressierte lohnt es sich, die Wanderung auf die Thürnerfluh von Gelterkinden aus anzutreten, dem im Herbst besonders malerischen Weg über Wiesen und durch bunte Wälder zu folgen und unterwegs die Augen nach Spuren der Ärdwybli und der Goldquelle offenzuhalten. Die Grillstelle beim Ärdwybliloch lädt dabei zu einer wohlverdienten Pause am Ende des Aufstiegs ein. Ein kurzer Pfad führt von dort hinunter zum Höhleneingang. Mit Taschenlampe und gutem Schuhwerk ausgestattet, lassen sich die ersten Meter des Ärdwyblilochs gut erkunden, bevor der Höhlengang dann zu eng wird.



