«Beatles» und Beethoven beleben
23.06.2026 GelterkindenSilvan Irniger hilft Orchester aus der Not
Das Orchester Gelterkinden und Solist Silvan Irniger haben beim Sommerkonzert nach einem Violinkonzert von Beethoven und vor Dvoráks «Neuer Welt» mit einem Medley von «Beatles»-Kompositionen das Publikum zum Mitwirken ...
Silvan Irniger hilft Orchester aus der Not
Das Orchester Gelterkinden und Solist Silvan Irniger haben beim Sommerkonzert nach einem Violinkonzert von Beethoven und vor Dvoráks «Neuer Welt» mit einem Medley von «Beatles»-Kompositionen das Publikum zum Mitwirken animiert. Aus der Not entstand ein aussergewöhnliches Konzert.
Jürg Gohl
Die katholische Kirche in Münchenstein war am Samstag angenehm kühl, aber nur halbvoll. Tags darauf war sie in Gelterkinden wie gewohnt sehr gut besetzt, dafür setzte die Hitze den 51 Amateurmusikerinnen und -musikern sowie dem doch eher ergrauten Publikum stärker zu. Und dann noch dies: Es blieb nicht nur beim gewohnten Zuhören. Im Mittelteil wurden die Gäste sogar noch zum Aufstehen und Mitsingen aufgefordert.
Für sein diesjähriges Sommerkonzert hat sich das Orchester Gelterkinden in seinem 110. Vereinsjahr etwas Besonderes einfallen lassen: Gemeinsam mit den Jugendmusikschulen von Gelterkinden und Sissach wollten sie den «Beatles»-Song «When I’m Sixty-Four» zum Anlass nehmen, der legendären Band aus Liverpool zu ihrem 64. Geburtstag ein ganzes Konzert zu widmen. Das Jahr 1962 steht für den Beginn ihres Schaffens als Komponisten. Das grosse Projekt der Gelterkinder scheiterte kurzfristig, und man wich auf Beethoven und Dvorák aus. Dvorák war eigentlich erst für das Winterkonzert vom 5. und 6. Dezember vorgesehen.
Vom Abend, der ausschliesslich den «Beatles» vorbehalten sein sollte, blieb ein Medley im Mittelteil des Doppelkonzerts übrig. Peter Zbinden, der eben noch die Pauke schlug, wechselte dafür ans Schlagzeug. Gerade mit Songs wie «Michelle» und vor allem dem komplexen «Yesterday» zeigte das Orchester, dass die Band hier der Klassik sehr nahekommt. Und wenn sich Geiger und Bläser bei den Arrangements dieser Hits einen Dialog liefern, fühlt man sich sogar zu Beethoven aus dem ersten Teil des Abends zurückversetzt.
Trotz der Hitze forderte Dirigent Raphael Ilg, seines Zeichens 35 Jahre alt und mitnichten Zeitzeuge der «Beatles», die Gäste zwischendurch dazu auf, sich aktiv an dieser Huldigung zu beteiligen. Und als ausgerechnet bei «Here Comes the Sun» die untergehende Sonne, die zuvor gnadenlos brannte, durch die Glasfenster schien und so wunderbare Bilder auf die gegenüberliegende Kirchenwand warf, versöhnte man sich auch mit der Hitze des Tags.
Heimauftritt für Silvan Irniger
Das kurzfristige Umplanen wurde auch nötig, weil das Orchester wegen einer Terminkollision plötzlich ohne seine Konzertmeisterin Anita Zeller dastand. Da erwies es sich als Glücksfall, dass gerade Profi-Geiger Silvan Irniger an der örtlichen Musikschule unterrichtet und so einspringen konnte. Der mit zahlreichen Preisen dekorierte Violinist ist in Buus aufgewachsen und wohnt jetzt mit der Cellistin und Ehefrau Nadzeya Kurzavo, mit der er noch vor der Pause eine kleine Zugabe (Reinhold Moritzewitsch Glière: «Berceuse») hinzauberte, in Basel.
Schon vor Jahren trat er in der Elbphilharmonie in Hamburg auf, spielte Anfang des Jahres als Solist in der Philharmonie in Berlin und gehört verschiedenen Ensembles an. Das «Heimspiel» vor vielen Freunden und Bekannten in Gelterkinden habe er, so sagte er hinterher, sehr genossen. Auch reihte er sich nach seinem Soloauftritt im ersten Teil für das «Beatles»- Medley und Antonin Dvoráks Amerika-Hymne «Aus der Neuen Welt» wie selbstverständlich unter die 18 anderen Amateur-«Geigen» ein. Das dürfte insbesondere Präsident Gerhard Schafroth genossen haben, der sich von Silvan Irniger privat unterrichten lässt.
Obwohl viele Konzertbesucher auf ihrem Heimweg im Kopf von Dvoráks Leitmotiv begleitet wurden und die diesjährige Ausgabe vor allem mit der originellen Huldigung der «Beatles» in Erinnerung bleiben dürfte, so setzte der Solist mit den Oberbaselbieter Wurzeln mit dem Violinkonzert des Genies aus Bonn vor der Pause den unbestrittenen Höhepunkt des Abends.
Im ersten Teil stellte er sich mit seinem feinen Spiel gegen die Beethoven’sche Wucht der Bläser, Bässe und Pauken durch, mit denen er sich im getrageneren zweiten Satz wunderbare musikalische Zwiegespräche lieferte.
Gestern Abend spielte der 29-jährige Oberbaselbieter dieses Violinkonzert in Basel gleich nochmals mit einer viel kleineren Begleitung als am Vorabend, dafür vor einer weit kritischeren Jury als Teil seines Hochschulabschlusses als Geiger mit Konzertreife.

