«Baufachleute, keine Künstler»
14.04.2026 GelterkindenReferendumskomitee klärt Fragen zum Projekt «Ratio»
Die Honorare und der Bezugstermin fürs Projekt «Ratio» seien realistisch und die Beschaffungsrichtlinien würden eingehalten. Dies versichern Vertreter des Referendumskomitees zum alternativen Projekt ...
Referendumskomitee klärt Fragen zum Projekt «Ratio»
Die Honorare und der Bezugstermin fürs Projekt «Ratio» seien realistisch und die Beschaffungsrichtlinien würden eingehalten. Dies versichern Vertreter des Referendumskomitees zum alternativen Projekt «Ratio», das in Gelterkinden inzwischen den Abstimmungskampf dominiert.
Christian Horisberger
Wenn in Gelterkinden gewählt oder abgestimmt wird, dann geht es zur Sache. Bestens in Erinnerung sind die Schwimmflügeli, Gummienten und Flossen, mit denen im ganzen Dorf für den Hallenbad-Kredit geworben wurde. Doch selbst dann, wenn es «nur» einen Sitz in der Gemeindekommission zu besetzen gilt, hängt das Dorf voller Plakate mit den Köpfen der Kandidierenden von Links und Rechts.
Die bevorstehende Referendumsabstimmung zum Projektierungskredit für ein neues Schulhaus ist auf Plakaten oder in Leserbriefen und Medienberichten allgegenwärtig. Die Befürworter und Gegner können ungefähr den beiden politischen Lagern im Dorf zugeordnet werden. Dafür stehen Vertreterinnen und Sympathisanten der Linken ein, dagegen der Bürgerliche Zusammenschluss Gelterkinden (BZG), aus dessen Reihen auch das Referendum ergriffen worden ist.
Für Zündstoff hat vor zwei Wochen eine Gruppe von Unternehmern gesorgt, als sie ein alternatives Schulhausprojekt vorlegten, das sich nach ihren Angaben wesentlich günstiger realisieren liesse als jenes, über das am 26. April abgestimmt wird (siehe «Volksstimme» vom 26. März). Kein Wunder also, dass eine öffentliche Informationsveranstaltung des Referendumskomitees zum Thema auf grosses Besucherinteresse stiess. Rund 100 Personen wollten am Donnerstagabend erfahren, was für einen Abbruch der Übung «Campus Loggia» spricht und was am alternativen Projekt «Ratio» dran ist, das um mehrere Millionen günstiger zu haben sein soll.
Pascal Catin, Chef des Nein-Komitees, unterstrich am Donnerstagabend im Altersheim zum Eibach wiederholt, dass es am 26. März an der Urne nicht um «Campus Loggia» oder «Ratio» gehe, sondern darum, ein Projekt zu stoppen, das deutlich teurer sei als nötig. Die knapp 11 Millionen Franken für das zur Debatte stehende Schulhaus würden die ohnehin angespannte finanzielle Situation der Gemeinde mit einem strukturellen Defizit und einer stark ansteigenden Verschuldung in den kommenden Jahren zusätzlich verschärfen.
Projekt fürs eigene Prestige
Komitee-Mitglied Christoph Bitterlin rechnete mit dem Wettbewerbsverfahren und den beteiligten Planern ab: Der Jury, die den «Campus Loggia» einstimmig zum Sieger kürte, hätten mehrheitlich Architekten ohne Bezug zu Gelterkinden angehört, und das offene Verfahren habe Vorschläge hervorgebracht, die «nicht der Bildung, sondern dem Prestige der Architekten» dienten. Das Siegerprojekt sei von «Stararchitekten geplant worden, die in einer anderen Liga spielen». Etwas Zweckmässiges für Gelterkinden sei nicht in deren Fokus gewesen, so Bitterlin.
Für zweckmässig hält er dagegen die Alternative: Das Projekt «Ratio», das Bauingenieur Jakob Baader und Ruepp-Geschäftsführer Thomas Lang, die es mitentwickelt hatten, vorstellten. Neben den Details zum Bau an sich machten die Baufachleute auch Angaben zur Realisierung, die im besten Fall einen Bezugstermin Mitte 2029 ermöglichen würden. Derselbe Termin wird mit dem «Campus Loggia» angepeilt.
Als das Wort freigegeben wurde, lautete die erste Frage, weshalb die Arbeitsgemeinschaft seinerzeit nicht schon am Architektenwettbewerb teilgenommen habe. Dazu erklärte Jakob Baader, dass bei Wettbewerben wie dem fürs Schulhaus ausgeschriebenen solche Projekte Beachtung fänden, die auffallen. Das von ihnen entwickelte Schulhaus sei aber «kein architektonischer Leuchtturm». «Wir sind Baufachleute und keine Künstler», so Baader.
Architekten wehren sich
Mehrere Architekten, die an der Informatonsveranstaltung teilnahmen, äusserten sich gegenüber dem Vorgehen und dem Projekt «Ratio» kritisch und zweifelnd. So auch Dominique Wyss. Einerseits ärgerte er sich über die abfälligen Äusserungen gegenüber seinem Berufsstand. Andererseits schloss er sich der kürzlich von der Wettbewerbsjury und vom Verein «Architektur Basel» öffentlich geäusserten Vorwurf an, «Ratio» sei vom Siegerprojekt teilweise übernommen worden: «Der Grundriss ist abgekupfert», sagte er.
Der Plagiatsanschuldigung wies Ingenieur Jakob Baader, der das Gebäude entworfen hat, von sich und erklärte, dass sich bei einer optimierten Planung die Anordnung der Klassenzimmer und Arbeitsräume aus dem Wettbewerbsprogramm ergeben würden. Von aussen wie auch im Innenraum würden sich die beiden Projekte deutlich unterscheiden.
Ausgeräumt wurden Unklarheiten über die rechtliche Situation bei einer Aufgabe des Projekts «Campus Loggia» und zur Submission der Planungsarbeiten. Das Komitee hielt fest: Bei einem Stopp wären 410 000 Franken, die in die bisherige Planung beziehungsweise den Wettbewerb geflossen sind, verloren. Darin enthalten auch eine Entschädigung von 75 000 Franken an den Wettbewerbsgewinner, wenn dessen Projekt nicht umgesetzt wird. Es bestünden somit keine Verpflichtungen mehr gegenüber dem Wettbewerbssieger. Dann liege der Ball beim Gemeinderat.
Was genau darunter konkret zu verstehen ist, wollte eine Versammlungsteilnehmerin vom Referendumskomitee wissen. Pascal Catin erklärte, dass dieser die Möglichkeit habe, für ein neues Vorprojekt auf eine öffentliche Ausschreibung zu verzichten. Vorausgesetzt, der im Beschaffungsrecht festgelegte Schwellenwert von 50 000 Franken wird nicht überschritten. Aufgrund der kostenlos geleisteten Vorarbeit fürs Projekt «Ratio» sei dieser Betrag für ein Vorprojekt realistisch.
Ein weiterer Architekt äusserte Bedenken zu den geringen Planungskosten im Projekt «Ratio», worauf Jakob Baader anmerkte, dass es sich um einen wenig komplexen Bau handle. Dies rechtfertige einen niedrigen Ansatz für die Planungshonorare.
Bedarf an Gruppenräumen
Mit alt Landrätin Annemarie Spinnler (SP) hatte sich auch eine Vertreterin des Pro-Komitees im Saal eingefunden. Der eingangs des Infoabends geäusserten Einschätzung des Referendumskomitees, wonach in absehbarer Zukunft gar kein dringender Bedarf an weiterem Schulraum bestehe, trat die Primarlehrerin in Gelterkinden und Rünenberg vehement entgegen.
Es bestehe an der Primarschule Gelterkinden insbesondere an Gruppenräumen ein dringender Bedarf. In Rünenberg komme auf jede Klasse ein Gruppenraum, so Spinnler, in Gelterkinden stehe im Trakt 4 mit sechs Klassenzimmern nur ein Gruppenraum zur Verfügung, in den Trakten 2 und 3 keiner. Einzig im neuen Trakt 5 gebe es standesgemäss für jeweils zwei Klassen einen Gruppenraum. Eine solche Situation gebe es nirgendwo sonst. Spinnler: «Ich möchte aber, dass Gelterkinden ein attraktiver Schulstandort bleibt.»
Zu den am Projekt «Campus Loggia» kritisierten zu hohen Kosten merkte Spinnler an, dass Gestehungskosten von 1,5 Millionen Franken für ein Klassenzimmer Schweizer Durchschnitt seien. Es sei ja wunderschön, wenn von einem ganz günstigen Schulhaus berichtet wird, «allein, mir fehlt der Glaube».
Knapp zwei Wochen hat das Referendumskomitee noch Zeit, die Gelterkinderinnen und Gelterkinder, die Spinnlers Bedenken teilen, vom Gegenteil zu überzeugen.
Architekten finden «Ratio» unlauter
vs. Die Arbeitsgruppe «Ratio» hat mit ihrem Beitrag zum Abstimmungskampf den Unmut von Architekten auf sich gezogen. Nachdem vorige Woche die Wettbewerbsjury mit den Urhebern des alternativen Projekts scharf ins Gericht gegangen war (siehe «Volksstimme» vom 8. April), meldeten sich auch die Vereinigung Architektur Basel sowie der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein (SIA), Sektion beider Basel, zu Wort. Letzterer bezeichnet das Vorgehen des Nein-Komitees als «unlauter, anstossend und inakzeptabel». Es erwecke den Eindruck, beim eigenen Projekt handle es sich um eine gleichwertige, aber günstigere Alternative.
Der Vorschlag habe jedoch weder einen unabhängigen Prüfprozess durchlaufen noch seien die Unterlagen transparent.
Weiter wird festgehalten, die Gleichstellung eines privat entwickelten Vorschlags mit einem Wettbewerbsbeitrag aus einem offenen Verfahren sei nicht tolerierbar. Auch das Angebot, der Gemeinde im Fall eines Neins ein Vorprojekt kostenlos zur Verfügung zu stellen, sei beschaffungsrechtlich unzulässig und müsse abgelehnt werden. Andernfalls drohe der Vorwurf unrechtmässiger Vorteilnahme.
Ein «unfaires Manöver», das keinesfalls Schule machen dürfe, sieht Architektur Basel im Coup der Arbeitsgruppe «Ratio». Das Projekt sei «höchst problematisch», da grosse Teile des Siegerprojekts übernommen worden seien, weshalb urheberrechtliche Fragen zu klären wären. Zudem sei das Gegenprojekt aus vergabetechnischen Gründen keine echte Alternative. Der Abstimmungskampf werde unlauter beeinflusst. Aus architektonischer Sicht fehle dem Projekt «Ratio» die Einbettung und Gliederung; der architektonische Ausdruck sei beliebig, das Projekt könne so in jeder Gewerbezone stehen: «Schulhausarchitektur ist wichtig, denn sie ist öffentlich und im besten Fall für mehrere Generationen gebaut.»

