Babyfenster als letzter Ausweg
13.08.2026 SchweizSpitäler in Basel und Olten berichten über die Situation
Im Bethesda-Spital in Basel wurde im Mai ein Neugeborenes im Babyfenster abgegeben. Solche Fälle sind selten, und doch zeigen sie, dass Frauen auch heute in ausweglosen Situationen stecken. Dabei gibt es auch ...
Spitäler in Basel und Olten berichten über die Situation
Im Bethesda-Spital in Basel wurde im Mai ein Neugeborenes im Babyfenster abgegeben. Solche Fälle sind selten, und doch zeigen sie, dass Frauen auch heute in ausweglosen Situationen stecken. Dabei gibt es auch vorgelagerte Hilfsangebote.
Wendy Maltet
Es war der 18. Mai dieses Jahres, als im Bethesda-Spital in Basel der Alarm des Babyfensters ausgelöst wurde. Zum fünften Mal seit der Eröffnung im November 2015 wurde dort ein Neugeborenes anonym abgegeben. Obwohl solche Ereignisse selten seien, stelle das Babyfenster «ein wichtiges Hilfsangebot für ausserordentliche Notsituationen» dar, teilte das Spital mit.
Wird ein Neugeborenes ins Babyfenster gelegt, kümmern sich Fachpersonen der Geburtsklinik umgehend um das Kind. Es wird medizinisch untersucht, gleichzeitig werden die Polizei und die Kindesund Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) informiert. Meldet sich die Mutter innerhalb eines Jahres bei der Kesb, wird geprüft, ob das Kind unter Berücksichtigung des Kindeswohls zu ihr zurückkehren kann. Geschieht dies nicht, kann nach Ablauf eines Jahres eine Adoption erfolgen. Zum aktuellen Fall macht das Bethesda-Spital aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes keine Angaben.
Jeder Fall ist einzigartig
In der Schweiz gibt es Babyfenster seit mehr als 20 Jahren. Betrieben werden sie von der Stiftung Schweizerische Hilfe für Mutter und Kind (SHMK) in Zusammenarbeit mit mehreren Spitälern. Landesweit wurden bisher 32 Babys auf diesem Weg in Sicherheit gebracht.
Warum Eltern diesen Schritt wählen, lässt sich laut Dominik Müggler vom Projekt Babyfenster Schweiz nicht pauschal beantworten. «Jeder Fall ist individuell und einzigartig.» Dennoch zeigten Gespräche mit Frauen, die sich nachträglich bei der Stiftung meldeten, zwei häufige Beweggründe: «Sie meinten, Schwangerschaft und Geburt verheimlichen zu müssen, oder sie waren der Überzeugung, nicht für das Baby sorgen zu können.» Nicht selten ändere sich diese Einschätzung nach der Geburt. «Erst im Nachhinein, wenn Muttergefühle durchbrechen und wenn die Frauen sehen, dass es für sie Hilfe gibt, fühlen sie sich stark genug, das Baby zurückzunehmen.»
Von den bisher 32 in Schweizer Babyfenstern abgegebenen Kindern haben sich in 13 Fällen Mutter, Vater oder beide Elternteile später gemeldet und ihre Identität preisgegeben. In sieben Fällen verlangten die Eltern ihr Kind zurück. Die Stiftung beobachtet keine grundlegende Veränderung der Beweggründe. «Die Not hat bekanntlich viele Gesichter. Diese bleiben im Grunde immer dieselben», sagt Müggler.
Die Stiftung betont, dass das Babyfenster nur als letzter Ausweg gedacht ist. Frauen in Not sollten sich möglichst früh beraten lassen. Die SHMK unterstützt Schwangere und Familien unter anderem mit finanzieller, materieller, juristischer und psychologischer Hilfe. Die Erfahrung zeige jedoch, dass Frauen vor einer Abgabe kaum Kontakt zur Stiftung aufnehmen. «Sie wollen vielmehr völlig anonym bleiben», sagt Müggler.
Auch Olten hat ein Fenster
Auch das Bethesda-Spital weist auf Alternativen hin. Frauen in einer akuten Notlage können sich dort für eine vertrauliche Geburt entscheiden. Dabei erhalten sie während des Spitalaufenthalts ein Pseudonym, ihre Daten werden besonders geschützt und sie können medizinisch sicher begleitet gebären.
Dass solche Angebote auch künftig nötig bleiben, davon ist man im Kantonsspital Olten überzeugt. Dort wurden seit der Eröffnung des Babyfensters im Jahr 2017 sieben Babys abgegeben. «Für die Mitarbeitenden ist jedes Kind im Babyfenster eine herausfordernde Situation, die sie aber gerade deshalb mit besonders grossem Engagement und Mitgefühl übernehmen», sagt Oliver Schneider, Leiter Marketing und Kommunikation der Solothurner Spitäler. Es handle sich jeweils um Ausnahmesituationen. «Diese wird es auch in Zukunft geben.»
Für Dominik Müggler von der SHMK ist deshalb entscheidend, dass das Angebot schweizweit bekannt bleibt. Gleichzeitig wünscht er sich, dass Frauen in Not wissen, dass es schon vor einer Abgabe Unterstützung gibt. «Babyfenster sind eine Einrichtung der medizinischen Nothilfe. Ebenso wichtig ist es aber, dass Frauen die Möglichkeit einer Beratung oder einer vertraulichen Geburt kennen.»

