«Auf dem Markt sind Objekte aus 1000 Jahren»
02.10.2026 EptingenKunsthistoriker Andreas Häner gibt Antiquitäten ein Preisschild
Am Expertentag des Auktionshauses Zofingen, der morgen im «Bad Eptingen» stattfindet, beurteilen und bewerten Fachleute Kunstgegenstände, Antiquitäten, Erbstücke, Uhren und vieles mehr. Wer ...
Kunsthistoriker Andreas Häner gibt Antiquitäten ein Preisschild
Am Expertentag des Auktionshauses Zofingen, der morgen im «Bad Eptingen» stattfindet, beurteilen und bewerten Fachleute Kunstgegenstände, Antiquitäten, Erbstücke, Uhren und vieles mehr. Wer möchte, kann seinen Schatz in eine Auktion geben.
Christian Horisberger
Herr Häner, wer sind die Menschen, die ihre guten alten Stücke von Ihnen und Ihren Expertenkollegen schätzen lassen?
Andreas Häner: Es handelt sich um Menschen, die wissen wollen, was ein Objekt, das ihnen etwas bedeutet, wert ist, oder die ein solches verkaufen möchten. Ab den 1950er-Jahren hatten wir in der Schweiz eine reiche Sammelkultur. Gut ausgebildete, interessierte Menschen der Oberschicht hatten grosses Interesse an Kunst und Kultur. Kommen diese Sammler ins Alter und fragen sich, was mit ihrem Nachlass geschehen soll, stellen manche fest, dass das Interesse in ihrem Umfeld nicht gross ist. Sie möchten sicherstellen, dass ihre Sachen an einen guten Ort kommen. Diese Wahrscheinlichkeit ist über eine Auktion hoch.
Neben den Sammlern: Wer nimmt Ihre Dienste sonst noch in Anspruch?
Menschen, die vom Haus in eine Wohnung ziehen und dort keinen Platz für all ihre Gegenstände haben, Menschen, die Bargeld brauchen, oder solche, die sich über den Wert eines Erbstücks Gewissheit verschaffen möchten.
Was für Dinge werden an einem Expertentag mitgebracht?
Das ist ganz unterschiedlich. Das Auktionshaus Zofingen ist eines der wenigen grösseren Auktionshäuser der Schweiz, die eine breite Palette an Waren annehmen. Also nicht nur Gemälde oder Skizzen von Hodler oder Anker, sondern generell aus der Schweiz stammende Gemälde ab dem 15. Jahrhundert, Antiquitäten und Mobiliar aus den grossen Kulturepochen Barock, Rokoko oder Klassizismus, Porzellan, chinesisches Geschirr, Schmuck, Uhren, Silber, Orientteppiche … Einfach alles und jedes, was man sammeln und im Haushalt gebrauchen kann, von der silbernen Haarbürste bis zum Meissener Porzellanservice und vom Nachttischchen bis zum Cembalo. Unser Unternehmen nimmt auch ganze Sammlungen oder Haushalte zur Versteigerung an.
Woran erkennen Sie, ob ein Gegenstand das Potenzial hat, bei einer Versteigerung einen Käufer oder eine Käuferin zu finden?
Mit dem Studium der Kunst- und Architekturgeschichte habe ich die Grundlage geschaffen, der Rest ist jahrzehntelanges Lesen, Besuchen von Museen, Vorbesichtigen von Auktionen, das Studieren von Auktionskatalogen und -ergebnissen … Es braucht ein heiliges Interesse, um mit der riesigen Masse zurande zu kommen. Denken Sie: Allein im Besitz des Historischen Museums Basel befinden sich 435 000 Objekte. Auf dem Markt befinden sich Gegenstände aus 1000 Jahren Kunstgeschichte – das ist ein Meer! Als Experten müssen wir in der Lage sein, auf diesem Meer zu navigieren. KI dient uns in manchen Fällen als Kompass, oft liefert sie aber auch völligen Nonsens.
Wie funktioniert ein Expertentag wie der morgige in Eptingen?
Kennen Sie die Sendung «Kunst und Krempel» im Bayerischen Fernsehen? In etwa gleich: Jemand bringt ein Objekt mit, mehrere Experten mit unterschiedlichen Spezialisierungen sind vor Ort, um den Gegenstand kunstund kulturhistorisch einzuordnen und zu bewerten. Das heisst, man bekommt rasch eine kostenlose Expertise und ein Preisschild.
Die Klienten haben bestimmt gewisse Vorstellungen. Worin liegen sie am häufigsten falsch?
Viele haben eine falsche Vorstellung von alt. Sie denken, ein Objekt, das ihrer Urgrossmutter gehörte, sei alt. In der Expertenrolle interessiert mich aber die Zeit des Ururururgrosis, das im besten Fall Marie Antoinette hiess … Häufig überschätzt wird der Wert von Diamantschmuck. Wer bei einem Juwelier einen Diamantring kauft, bezahlt bis zum Dreifachen des Materialwerts. Unsere Schätzungen aber beziehen sich primär auf den Materialwert.
Kauft das Auktionshaus die beurteilten Objekte an?
Nein, nie. Es ist die Verkaufsplattform. Ist das Auktionshaus an einem Gegenstand interessiert und möchte der Eigentümer sein Objekt in eine Auktion geben, wird ein entsprechender Vertrag aufgesetzt. Dem Eigentümer steht es aber frei, sein Gemälde oder sein Möbelstück auch wieder mit nach Hause zu nehmen, nun mit dem Wissen, was dieses wert ist. Die Expertise bleibt auch in diesem Fall gratis.
Wann ist es nicht mehr gratis?
Wann und wie viel Provision erhält das Auktionshaus für seine Dienste?
Bei einem Verkauf erhält der Verkäufer die Summe des Zuschlagspreises abzüglich der Verkäuferkommission. Der Satz richtet sich nach dem Objekt und dessen Wert. Für ein einzelnes Objekt gelten andere Konditionen als für eine bedeutende Sammlung oder ein Werk im oberen Segment. Der Käufer bezahlt zusätzlich zum Zuschlagspreis eine Gebühr von 23 Prozent plus die Mehrwertsteuer auf der Gebühr.
Nehmen Sie jedes Objekt in die Auktion, das Ihnen an einem Expertentag zur Versteigerung angeboten wird?
Nein. Mit der Beurteilung, der kulturhistorischen Einordnung und der Beschreibung durch Experten sowie dem professionellen Fotografieren der Objekte ist einiger Aufwand verbunden. Deshalb lohnt es sich nur, Gegenstände ab einem Wert von 1000 Franken in eine Auktion aufzunehmen. Zudem beurteilen die Experten, ob es realistisch ist, einen Käufer für ein Stück zu gewinnen.
Wie oft treffen Sie und Ihre Expertenkollegen den Geschmack der Käuferinnen und Käufer?
Oft: Bei unseren Auktionen werden stets um die 90 Prozent der aufgerufenen Objekte versteigert, die allermeisten über der Schätzung.
Das spricht für Ihre Nase und die Ihrer Kolleginnen und Kollegen …
Nicht nur. Unsere Kunst liegt ebenso darin, die Gegenstände mit Begriffen zu beschreiben, auf die Suchmaschinen im Internet anspringen. So erweitern wir den Kreis möglicher Käuferinnen und Käufer.
Gibt es denn die klassische Versteigerung, bei der die Bieter im Auktionssaal sitzen und ein Schild hochhalten, um ein Gebot abzugeben, nicht mehr?
Doch. Es gibt mehrere Möglichkeiten, für einen Gegenstand zu bieten: Die von Ihnen beschriebene findet jeweils in Zofingen an unserem Geschäftssitz statt. Man kann für ein Objekt auch telefonisch mitbieten. Interessenten aus aller Welt können sich registrieren und dann online live Gebote einreichen. Als vierte Variante kann ein Interessent vor der Auktion ein schriftliches Höchstgebot deponieren. Durch die Digitalisierung ist der Kundenkreis gewachsen und auch internationaler geworden. Früher hatte das Auktionshaus 10 000 bis 15 000 «Katalog-Kunden», heute ist die ganze Welt Kunde.
Wie viele Bieterinnen und Bieter steigern an einer Auktion Ihres Hauses jeweils mit?
Je nach Angebot sind es Hunderte bis Tausende. Dabei muss man wissen, dass wir immer im Frühling und im Herbst eine Auktion veranstalten und an jeder davon 2000 bis maximal 4000 Objekte aufrufen.
Die meisten Schweizer bringen Auktionen mit «Ricardo» und «eBay» in Verbindung. Ist das eine Konkurrenz für Ihr Haus?
Nein. Dieser Markt für Gebrauchtes ist zwar riesig, aber für hochwertige Objekte nicht geeignet: Die sind auf solchen Plattformen schlecht aufgehoben, weil man sie dort nicht vermutet. Deshalb erzielt ein Verkäufer den tatsächlichen Wert seines Gegenstands auf Ricardo in den seltensten Fällen.
Sie veranstalten auch Expertentage in Basel. Inwiefern unterscheiden sich die Gegenstände, die nach Basel und nach Eptingen mitgebracht werden, voneinander?
Nicht so sehr. In Basel haben Kunst und Kultur einen hohen Stellenwert, klar. Durch seine Geschichte, das historische Ambiente und die hochwertige Gastronomie des Hotels «Bad Eptingen» geniesst auch der dortige Expertentag bei Kunstinteressierten einen guten Ruf. Für den Anlass beim Bölchentunnel sprechen zudem die bessere Erreichbarkeit für Personen aus dem Aargau, Solothurn oder Luzern sowie die im Vergleich zu Basel günstigere Parkplatzsituation.
Wie oder wo, ausser bei den Expertentagen, kommt das Auktionshaus noch an die Objekte, die es versteigert?
Am Firmensitz in Zofingen, idealerweise auf Voranmeldung. Für eine erste Einschätzung kann auch ein Foto des Gegenstands per E-Mail eingereicht werden.
Zur Person
ch. Andreas Häner (60) ist Kunst- und Architekturhistoriker, Fundraising-Berater, fanatischer Kunstsammler, wie er selber über sich sagt, und Präsident von Heimatschutz Basel. Als langjähriger Kunde des Auktionshauses Zofingen stiess er vor vier Jahren zu dessen Expertenteam. Seine Fachgebiete sind Möbel und Antiquitäten. Der gebürtige Berner hat das frühere Basler Sexkino Corso zu seiner Wohnung und ganz persönlichen Kunstgalerie gemacht. Monatlich veranstaltet Häner in seinen vier Wänden – er spricht von seiner «Living Wunderkammer» – für Kunstinteressierte öffentliche Führungen, die über Basel Tourismus gebucht werden können.
Der Expertentag findet morgen von 14 bis 16 Uhr im «Bad Eptingen» statt. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.


