Als das Baselbiet sein eigenes Kola hatte
30.10.2026 OberdorfVom Heilbad zu den Mineralwassermarken «Jura» und «Jurasan»
Wer in den 1930er-Jahren unter Gicht, Rheumatismus oder Verdauungsbeschwerden litt, konnte sich an Mineralwasser aus Oberdorf laben. Neben dem Sprudelwasser «Jura» wurden unter der Marke ...
Vom Heilbad zu den Mineralwassermarken «Jura» und «Jurasan»
Wer in den 1930er-Jahren unter Gicht, Rheumatismus oder Verdauungsbeschwerden litt, konnte sich an Mineralwasser aus Oberdorf laben. Neben dem Sprudelwasser «Jura» wurden unter der Marke «Jurasan» Süssgetränke vertrieben, auch ein eigenes Kola.
Hanspeter Gautschin
Das Mineralwasser der Marke «Jura», das vor rund 100 Jahren in Oberdorf abgefüllt wurde, pries die Vertriebsfirma als mineralienreiches, alkalisches und mit Kohlensäure imprägniertes Quellwasser an. Es sollte bei Gicht und Rheumatismus helfen, Beschwerden der Blase und Verdauung lindern und sogar gegen Arterienverkalkung wirken. Wer gesund war, durfte es selbstverständlich ebenfalls trinken. Darunter stand ein Versprechen, das sich leichter einlösen liess: «Erfrischend, durststillend.»
Die Nutzung des Mineralwassers aus dem Edlisberg geht möglicherweise auf die Römerzeit zurück. Bei Grabungsarbeiten wurden 1943 zwei aus Kalksteinen errichtete und mit Ziegelmörtel verputzte Badebecken entdeckt. Ob sie tatsächlich aus römischer Zeit stammen, ist ungeklärt.
Urkundlich erscheint das Bad erstmals 1446 als «badhuss under dem stettlin», also als Badehaus unterhalb des «Stedtlis» Waldenburg. Baden war einst eine gesellschaftliche Angelegenheit. Die Menschen suchten Linderung ihrer Leiden, trafen Bekannte, assen, tranken und genossen einige Stunden fernab des beschwerlichen Alltags. Wer nach dem Bad noch an Durst litt, konnte diesem in der Gastwirtschaft abhelfen.
Das Bad Oberdorf erlebte im Lauf der Jahrhunderte manchen Besitzerwechsel. Es wurde erneuert, erweitert und umgebaut. 1686 erhielt Hans Thommen, der damalige Besitzer, das Tavernenwirtsrecht. In guten Zeiten sollen zahlreiche Kutschen vor dem Bad gewartet haben, um die Gäste wieder nach Hause zu bringen.
Im 19. Jahrhundert verlor das Oberdörfer Bad an Bedeutung. Andernorts entstanden moderne Kurhotels, die ihren Gästen mehr Komfort und zeitgemässe Behandlungsmethoden boten. Der traditionelle Badebetrieb in Oberdorf hatte es zunehmend schwer und wurde schliesslich eingestellt. Die Quelle aber sprudelte weiter.
Aus Badewasser wird Bier
1872 kündigte Jakob Brunner die Eröffnung einer «Bierbrauerei zum Bad Oberdorf» an. Ab dem 1. Januar 1873 sollte dort fortwährend gutes Bier erhältlich sein. Das war ein bemerkenswerter Wandel. Während die Menschen früher zur Erholung ins Wasser gestiegen waren, wurde dieses nun zum Bierbrauen verwendet. Auch dabei dürfte das Wohlbefinden eine gewisse Rolle gespielt haben. 1881 genehmigte die Gemeindeversammlung den Bau einer Brauerei samt Zuflusskanal. Inzwischen gehörte das Anwesen Josef Westermeier, der dort ein «Bayerisches Brauhaus» betrieb. Wie lange das Bier aus Oberdorf floss, ist heute nicht genau bekannt. Irgendwann wurde der Betrieb eingestellt.
1908 begann Johann Hubler-Grob, das Quellwasser unter dem Markennamen «Jura» zu vertreiben. In der Werbung hiess es «Waldenburger Schlossquell», ein «Born der Gesundheit und des Wohlbefindens». Der Name war geschickt gewählt. Das Schloss Waldenburg vermittelte Geschichte und Herkunft, die Jurahöhen standen für Natur und Reinheit. Wer die Burgruine kannte, wusste, woher das Wasser kam. Mineralwasser genoss damals einen ausgezeichneten Ruf. Es galt als gesund, bekömmlich und zeitgemäss. Mit der zunehmenden Verbreitung abgefüllter Getränke eröffneten sich auch kleineren Produzenten neue Absatzmöglichkeiten.
Rund 20 Jahre später übernahm H. Wöhrle-Haberthür das Unternehmen. Nun begann eine Phase des Ausbaus. Die Mineralquelle Jura ging zur industriellen Produktion über und erweiterte ihr Sortiment. Das Wasser aus dem Edlisberg sollte künftig in möglichst vielen Varianten seinen Weg zur Kundschaft finden. Mit «Jurasan» erhielt das Unternehmen eine weitere Getränkelinie. Den Anfang machte ein Tafelwasser mit Fruchtsirup und Zitronengeschmack. Später kamen Jura-Apfel, Jura-Himbeer und Jura-Orange dazu.
Auf den Etiketten prangte die Burgruine Waldenburg in einem ovalen Firmenzeichen, umrahmt von der Bezeichnung «Mineralquelle Jura». Darunter war die Herkunft deutlich angegeben: «Oberdorf (Baselland)». Die Burgruine war damit zum Markenzeichen einer Getränkeproduktion geworden. Wie weit die Oberdörfer Getränke tatsächlich verbreitet waren, ist heute schwer zu beurteilen. Die zweisprachigen Etiketten zeigen immerhin, dass man auch Kundschaft in der Romandie erreichen wollte.
Besonders bemerkenswert war ein weiteres Produkt: Jura-Kola. Das Getränk wurde als «Sport-Aperitif- und Tafelgetränk» angeboten. In grossen Buchstaben versprach die Reklame: «stärkt, belebt, erfrischt». Auf der Etikette wurde das Getränk als Mischung aus Mineral- und Tafelwasser «Jura», frischem Saft roher Kolakerne, Zucker und Kohlensäure beschrieben. Der Ehrgeiz der Hersteller verdient jedenfalls Anerkennung. Im Tal, das bislang vor allem für seine Industrie bekannt war, hatte man nun auch ein eigenes Kola.
Bei aller Geschäftstüchtigkeit stiessen die Verantwortlichen auf ein Problem. Besonders beim Mineralwasser gingen die Werbeversprechen weiter, als es den Kontrollbehörden lieb war. Die Mineralquelle Jura wollte ihr Wasser als «Medizinal- und Tafelwasser» anbieten. Die Bezeichnung sollte den gesundheitlichen Wert des Produkts unterstreichen. Wer aber behauptete, sein Wasser helfe gegen bestimmte Krankheiten, musste diese Wirkung nachweisen können.
Umkämpfter Markt
Mitte der 1930er-Jahre hatte Dr. iur. Alfred Kellerhals das Unternehmen übernommen. Auch unter seiner Leitung versuchte die Mineralquelle Jura, sich auf dem zunehmend umkämpften Getränkemarkt zu behaupten. 1937 hielt das Lebensmittelinspektorat Baselland unmissverständlich fest: «Der Nachweis einer bestimmten Heilwirkung ist bis jetzt nicht erbracht.» Die Lebensmittelkontrolleure liessen sich von der langen Tradition der Quelle nicht beeindrucken. Die Schwierigkeiten mit den Kontrollbehörden beschränkten sich nicht auf die Heilversprechen. 1941 beanstandete das Kantonale Laboratorium eine Abweichung bei einem Fruchtgetränk. Es hielt fest: «Das Apfelkonzentrat von Jura-Apfel entspricht nicht ganz der Etikettenangabe.»
Auch ein Basler Lieferant bereitete Schwierigkeiten. Gegen dessen Firma wurde ein Strafverfahren eingeleitet, und der Basler Kantonschemiker musste sich mit der Angelegenheit befassen. Bereits 1940 war sogar das Eidgenössische Gesundheitsamt mit Fragen rund um die Oberdörfer Getränkeproduktion beschäftigt.
An Aufmerksamkeit von behördlicher Seite fehlte es der kleinen Mineralwasserfabrik nicht. Dabei hatte die Firma durchaus weitere Pläne: Der damalige Geschäftsleiter Fritz Burg, der später dem Baselbieter Landrat angehörte, stellte beispielsweise ein Gesuch für die Herstellung von gespritztem Rot- und Weisswein. Vielleicht hatte man erkannt, dass sich gewisse menschliche Beschwerden mit einem guten Glas Wein zumindest vorübergehend leichter ertragen liessen. Doch auch dieses Vorhaben brachte die Firma mit den Behörden in Berührung.
Die behördlichen Beanstandungen waren freilich nur ein Teil der Probleme von «Jura». Auf dem Schweizer Getränkemarkt herrschte ein harter Wettbewerb. Grössere Hersteller verfügten über bekannte Marken, eingespielte Vertriebswege und die finanziellen Mittel, ihre Produkte weitherum anzubieten. Bei der am nächsten gelegenen Konkurrentin handelte es sich um die Mineralquelle Eptingen, die ebenfalls Mineralwasser aus den Jurahöhen abfüllte. Eptinger hatte sich bereits einen Namen gemacht und war auf dem Markt gut verankert.
Übernahme durch Eptinger
Die Oberdörfer versuchten, mit einem breiten Sortiment und selbstbewusster Werbung mitzuhalten. An Ideen mangelte es ihnen jedenfalls weniger als an der wirtschaftlichen Durchschlagskraft. Während des Zweiten Weltkriegs und in den folgenden Jahren gingen die Verkäufe zurück. Die wirtschaftliche Lage des Unternehmens verschlechterte sich zunehmend. Neben dem Konkurrenzdruck dürften auch die behördlichen Beanstandungen und die Schwierigkeiten beim Absatz eine Rolle gespielt haben. Welcher Umstand letztlich am schwersten wog, bleibt offen. 1951 kam das Ende. Die Mineralquelle Jura AG ging in Konkurs. Das Unternehmen wurde von Eptinger übernommen, die Produktion in Oberdorf jedoch nicht weitergeführt. Damit verschwanden die Getränke Jura, Jurasan und Jura-Kola vom Markt.
Nach dem Ende der Mineralwasserproduktion blieb das ehemalige Bad Oberdorf ein Ort mit wechselvoller Geschichte. 1953 zerstörte ein Brand einen Teil der Gebäude. Die Gastwirtschaft bestand dennoch weiter und blieb über Jahrzehnte ein beliebter Treffpunkt. Besonders die Fussballer des FC Oberdorf waren hier anzutreffen. Bis in die 1950er-Jahre lag auf der benachbarten Badmatte der Fussballplatz des Dorfs.
1992 schloss schliesslich auch das Wirtshaus. Die Gebäude wurden anderen Nutzungen zugeführt. Wohnungen, kleinere Gewerbebetriebe und kirchliche Räumlichkeiten traten an die Stelle der früheren Badegäste, Bierbrauer und Mineralwasserproduzenten.
Wer heute am ehemaligen Bad Oberdorf vorbeikommt, findet noch einige Spuren dieser Vergangenheit: so einen Brunnen aus dem Jahr 1792 oder die Schriftzüge «Jura» und «Jurasan» an einer Hauswand. Und irgendwo dahinter fliesst weiterhin das Wasser aus dem Edlisberg.



