Wer freiwillig morgens um drei aufsteht, muss ein Neugeborenes haben – oder die Schweizer Nati lieben.
Diese Weltmeisterschaft stellte unsere Leidenschaft auf eine besondere Probe. Gehen in den Stadien jenseits des Atlantiks die Scheinwerfer an, ist es bei uns längst finstere ...
Wer freiwillig morgens um drei aufsteht, muss ein Neugeborenes haben – oder die Schweizer Nati lieben.
Diese Weltmeisterschaft stellte unsere Leidenschaft auf eine besondere Probe. Gehen in den Stadien jenseits des Atlantiks die Scheinwerfer an, ist es bei uns längst finstere Nacht. Die Strassen sind leer, die Nachbarn schlafen, in den meisten Wohnungen herrscht tiefe Ruhe. Nur irgendwo leuchtet noch ein Fernseher. Davor sitzt jemand im roten Trikot, mit einer Tasse Kaffee in der Hand und dem Vorsatz, auf keinen Fall einzuschlafen.
Die Anspielzeit als Challenge. Denn eigentlich gehört Fussball in den Feierabend: mit Freunden, Chips auf dem Tisch und genügend Energie, um bei jeder Chance aufzuspringen. Stattdessen klingelt der Wecker dann, wenn selbst der vernünftigste Mensch noch einmal die Decke über den Kopf ziehen würde. Am nächsten Morgen warten Arbeit, Schule oder Vorlesung – und vermutlich die dritte Tasse Kaffee vor neun Uhr. Und trotzdem sind wir da.
Denn eine WM-Entscheidung lässt sich nicht aufschieben. Ein Resultat kann man nachlesen, Tore lassen sich später nachschauen. Aber dieses Gefühl, wenn «unser» Team einläuft, wenn ein Schuss knapp vorbeigeht oder der Ball tatsächlich im Netz zappelt – das gibt es nur live. Genau in dem einen Moment. Wer schläft, verpasst nicht nur ein Spiel. Sondern das Hoffen und Bangen.
Vielleicht zeigt sich gerade nachts, was «Fan-Sein» wirklich bedeutet. Es ist einfach, mitzufiebern, wenn alles bequem passt. Schwieriger wird es, wenn der Schlaf fehlt, der Wecker erbarmungslos ist und man am nächsten Tag trotzdem funktionieren muss. Doch echte Unterstützung richtet sich nicht nach der Uhr. Sie beginnt dort, wo die Vernunft leise sagt: «Bleib liegen …!» Und das Herz antwortet: «Heute spielt die Schweiz.»
So sitzen wir also in der Dunkelheit, fl uchen möglichst leise, jubeln im Flüsterton und schreiben Nachrichten an Freundinnen und Bekannte, von denen wir wissen, dass auch sie wach sind. Für zwei Stunden fühlt sich die Schweiz plötzlich kleiner an. Verbundener.
Auch wenn die Reise der Nati in der Nacht auf Sonntag ein Ende nahm und sie uns Schlaf und Nerven raubte: In einigen Jahren werden wir uns nicht an einzelne Szenen erinnern – aber bestimmt daran, wie wir mitten in der Nacht vor dem Fernseher sassen. Daran, dass wir an etwas geglaubt haben, ja überzeugt waren, Historisches sei möglich. Wahre Fussballliebe kennt keine Unzeit. Sie kennt nur den nächsten Anpfiff.
Vera Gmür
Vera Gmür (1985) ist Präsidentin Frauenfussball beim FVNWS. Die Ormalingerin spielte früher selber im Halbprofibereich, heute engagiert sie sich für die Entwicklung des Mädchen- und Frauenfussballs in der Region und spielt bei den Seniorinnen des SV Sissach.